Rotes Sofa: Dilek Güngör

Ich bin Özlem

In der Türkei hat sie nie gelebt, türkisch spricht sie nur mittelmäßig. Trotzdem erklärt sich Özlem fast alles mit ihrem türkischen Migrationshintergrund – und ist damit ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der sie lebt.
Hannah Jagemast im Gespräch mit Autorin Dilek Güngör

Das Gespräch zum Nachhören findet ihr hier:

In Dilek Güngörs neuem Buch "Ich bin Özlem" geht es um die Geschichte einer erwachsenen Frau, die sich versucht zwischen der Frage nach Identität und einer Gesellschaft, die diese Frage andauernd stellt, zurechtzufinden.

Das Gefühl anders zu sein

Özlems Eltern stammen aus der Türkei. Bereits in der Schule sah sich Özlem mit rassistischen Kommentaren ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler konfrontiert. Das Gefühl anders zu sein als alle anderen, löste in ihr Scham aus. Scham, der auch die erwachsene Özlem stets verfolgt.

In ihrem Alltag vermeidet Özlem türkische Supermärkte. Sie möchte nicht gefragt werden, wo ihre türkische Heimat wäre, warum ihre Kinder kein Türkisch lernen und was ihre Eltern zu ihrem deutschen Ehemann sagen würden. Sie möchte nicht "eine von ihnen" sein.

Gleichzeitig beginnt quasi jede ihrer Geschichten mit dem Satz: "Meine Eltern kommen aus der Türkei". Es scheint ihr, als sei dies für ihr Gegenüber eine elementare Information, eine Erklärung, um die Geschichte verstehen zu können, eine Fußnote. Aber auch ihr selbst stellt es eine Erklärung für vieles dar. Das begann bereits im Kindergarten.

Alles Schlechte, was mir geschehen ist, geschah, weil ich Türkin bin. Logik einer vierjährigen. Wann begriff ich, dass ich Türkin bin? Haben mir meine Eltern gesagt, 'Kind, wir sind Türken?' Ich müsste sie mal fragen.

"Ich bin Özlem", S.119

Wut

Wer ist Özlem überhaupt? Warum versucht sie diese Antwort mit ihren türkischen Wurzeln zu beantworten? Sie erkennt, dass sie sich ihr Leben lang den Zuschreibungen anderer Leute unterstellt hat und daraus auch die Zuschreibungen an sich selbst formuliert hat. Zuschreibungen, die sie nun ablegen möchte. Özlems Angst nicht gut genug zu sein verwandelt sich in Wut. Wut gegen eine Gesellschaft, die fanatisch die Frage nach der Herkunft verfolgt. Sie benennt Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, doch erfährt anfänglich nur wenig Verständnis – sogar in ihrem Freundeskreis.

Ein Lebensthema

Als Ich-Erzählerin beschreibt Özlem ihre Gedanken, ihre Gefühle und die Ereignisse, die ihr begegneten. Ihre Biografie ähnelt derer Dilek Güngörs, die viele ihrer eigenen Erlebnisse in diesem Roman verpackt hat. Viele Charaktere kennen wir bereits aus ihren Kolumnen.

Die Themen Herkunft, Zugehörigkeit und Identität beschäftigen Güngör schon lange. Sie bezeichnet die Beschäftigung mit diesen Begriffen als ihr Lebensthema. Zu ihrer Unzufriedenheit hat es seit Jahren nicht an Relevanz verloren und scheint aktueller denn je. Denn so wie ihr Buch vor zehn Jahren zur Debatte gepasst hätte, tue es das, ihren Worten zufolge, heute noch immer.

 

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Über die Autorin:

Dilek Güngör wurde 1972 in Schwäbisch-Gmünd geboren. Heute arbeitet sie als Journalistin, Kolumnistin und Autorin und lebt in Berlin. Ihre gesammelten Kolumnen aus der "Berliner Zeitung" und der "Stuttgarter Zeitung" erschienen in den Bänden "Unter und" und "Ganz schön deutsch".

"Ich bin Özlem" ist Güngörs zweiter Roman.

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