Konzertbericht: Laibach

Ich bin ein Verkündiger

Die slowenische Band Laibach singt auf Deutsch. Das Künstlerkollektiv mimt Bilder des Faschismus und des Sozialismus. Vor 3 Jahren waren Sie die erste westliche Band, die in Nordkorea spielen durfte. Am Dienstag spielten sie im Täubchenthal.
Also sprach Zarathustra

"Laibach" ist der deutschen Name der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Passend dazu sind auch die Texte der Band auf Deutsch. Nicht nur die Sprache lässt vermuten, dass die Band Laibach eine Tendenz zum Faschismus hat. Ihr auftreten ist steif, fast militärisch. Leni Riefenstahl hätte ihren Spaß bei Laibachs inszenierung. Hat man es hier also mit Rechtsrock zu tun? Die Band sagte einmal, auf die Frage, ob sie Faschisten seien:

„Wir sind so sehr Faschisten, wie Hitler ein Maler war.“

Laibach

Vor 3 Jahren macht die Band Laibach Schlagzeilen, als sie als erste westliche Band in Nordkorea spielen durften. Politikforschende streiten sich seit Jahren, ob der nordkoreanische Staat einer kommunistischen oder faschistischen Diktatur näher ist. Ganz genau kann das niemand sagen, weil niemand Einblick in den Staat hat. Ähnlich ist es bei Laibach.

Der Klang einer Diktatur

Der brachiale Sound der Slowenen ist aus Techno, Industrial und Metal zusammengeschweißt. Bands wie Rammstein nennen Laibach als eine ihrer größten Inspirationsquellen. In "Rammlied" zitieren Rammstein ein Lied von Laibach wörtlich. Das Lied „Geburt einer Nation“ ist wiederum einem Queen-Song nachempfunden. Laibach strickt vermeintlich harmlose Texte zu faschistoid klingenden Hymnen. Und das liegt nicht nur an der deutschen Sprache.

Verkündigung

Der stampfende Stil Laibachs bedient eine Zielgruppe, die schnöde Männlichkeit zelebriert. So ist zumindest mein Eindruck vom Publikum, als ich den Saal des Täubchenthals trete. Der Großteil der Gäste ist männlich. Viele würden ohne Probleme als Türsteher Arbeit finden. Einige sind Skinheads.

Kaum in der Konzerthalle, zerschneiden Bässe im Gleichschritt die Luft. Die Bühne wird von Stoffbahnen gerahmt. Auf beide Seiten der Plattform werden hektische schwarze Formen projiziert. Eine Verkündigung steht bevor. Langsam schreitet der Diktator des heutigen Abends auf die Bühne. Prediger Milan Fras trägt einen roten Mantel. Sein Gesicht wird von Stoffloden gesäumt, die von seiner Kopfbedeckung herabfallen. Erhaben spricht er mich in meiner Muttersprache an. „Ich bin ein Verkündiger“.

Übermensch

Laibachs aktuelles Bühnenprogramm nennt sich „Also sprach Zarathustra“. Das gleichnamige Werk von Friedrich Nietzsche handelt von der Philosophie des „Übermenschen“, der sich von den übrigen „Herdenmenschen“ abhebt. Gott ist zu diesem Zeitpunkt schon lange tot.
Laibach sind Übermenschen. Sie treiben die „Umwertung aller Werte“ voran. Zumindest musikalisch. Die Musiker ziehen Violinen-Bögen über die Gitarre. Sänger Milan Fras wetzt vor seinem Mikrofon ein Messer an einem Schleifstein. Das ganze Set ist extrem experimentell.

Auf den Leinwänden blitzen Bilder der Jalta Konferenz auf. Churchill schüttelt Stalins Hand. Plötzlich schneit es, der Schnee fällt nach oben. Fragmente des Picasso Gemälde Guernica flackern auf. Das ganze 20. Jahrhundert schießt durch meine Gehirnfalten. Wird hier Krieg getrieben oder Frieden gepriesen? Laibach spricht Deutsch mit mir, aber ich verstehe kein Wort.

Stimmen

Jetzt marschiert Sängerin Mina Spiler aufs Podest. Mit Megafon schreit sie die Menschen an, die Unschuld der Masse abzulegen. Ihre hohe Stimme flößt dem dunklen Sound Laibachs neues Leben ein. Kurz bevor er drohte im Bass unterzugehen.

Zum Ende des Sets lassen Sprachexperimente die Lieder in neuen Farben glänzen. Milan Fras trägt ein Lied komplett auf Französisch vor. Anschließend singt er Zusammen mit Sängerin Spiler in der eigenen Muttersprache. Die slowenische Sprache verleiht der Musik von Laibach neue Kraft. Endlich schreit das Duo alles heraus, was sie schon die ganze Zeit ausdrücken wollen.

Beendet wird das Set vom Klassiker „Tanz mit Laibach“. Ein Skinhead neben mir reckt den Rechten, aber auch den linken Arm in die Höhe. Wir tanzen mit Totalitarismus und Demokratie. Schon seit 2 Stunden. Am Ende des Sets fühle ich mich wie ein Herdenmensch.

 

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