Konzertbericht: Tommy Cash

"I Think I Winaloto"

Der estnische Rapper Tommy Cash wird gerade als der neue Kanye East gehandelt. Wer auf Post-Soviet-Style, HipHop und Pasta steht, wird ihn lieben. Wir waren live bei seinem Konzert im Festsaal Kreuzberg in Berlin dabei.
Tommy Cash
Am 06.04. ist Tommy Cash im Festsaal Kreuzberg in Berlin aufgetreten.

Vor ungefähr zwei Jahren bin ich auf einen Vice-Artikel gestoßen, der Tommy Cashs Video "Winaloto" als sehr verstörend und sehr dope vorgestellt hat. Gesehen habe ich dann Tommy wie er zwischen menschlichen Pyramiden auf als Bongos fungierende Hinterteile trommelt und auch mal als Kopf zwischen zwei Frauenbeine gephotoshoppt rappt. Gehört habe ich einen ziemlich fetten HipHop-Track mit arythmischen Beats und englische Lyrics mit starkem osteuropäischen Akzent. Neben dem Zeigen diverser Körperteile und nackter Haut ist das Video aber vor allem eine Hymne an die Ästhetik diverser Hauttöne. Ich war natürlich sofort Fan.

 

"Fuck gluten-free, I get all the bread"

Tommy, der 1991, als die Sowjetunion zerfiel, geboren wurde, ist in einem Randgebiet der estnischen Hauptstadt Tallinn aufgewachsen. Mit 15 fing er an auf HipHop zu tanzen, seinen eigenen Style und Streetart für sich zu entdecken, mit 23 veröffentlichte er sein Album "Euroz Dollarz Yeniz". Dass Tommy ein Ausnahmetalent ist, sieht man nicht nur an seinen Videos, deren Drehbücher er selber schreibt. Seine Musik ist ein ziemlich origineller Mix aus HipHop mit Post-Soviet-Einflüssen. Neben Trap und generell basslastigen Songs scheut er sich nicht davor EuroDance-Beats und Gabber-Einflüsse in seine Tracks zu mischen. Tommys Style ist wie eine Wundertüte aus Adidas-Jogginganzügen, Warnwesten, Pantoffeln aus Brot und einem wie mit dem Lineal gezogenen Bleistift-Moustache. Auf seinem Instagram-Account reitet er auf einem Pferd durch den McDrive, rollt sich in einen riesigen Wrap ein, badet in Pasta und läuft auf Wasserflaschen ("I am Jesus"). Dass ich gespannt auf sein Konzert bin, versteht sich von selber.

 

Mit Warnweste und Schlaghose

Tommy wird mit einem Rollstuhl auf die Bühne gefahren – das fände ich normalerweise gar nicht mal so korrekt, aber im Kontext von "Pussy Money Weed" fügt es sich in seine Performance ein. Im Video zu diesem Song hat Tommy eine Parallelwelt erschaffen, in der vor allem Tänzer*innen mit Disabilities - Amputationen und Prothesen - im Vordergrund stehen und performen. Menschen, deren Körper ansonsten gesellschaftlich stigmatisiert werden, werden im Video auf einen hohen ästhetischen Ebene dargestellt. Tommy performt im Video zusammen mit anderen Tänzern im Rollstuhl. Jetzt wird er von felicita, der als Voract aufgetreten ist und eine Warnweste und Skimaske trägt, auf die Bühne geschoben. Tommys Haare sind akkurat in der Mitte gescheitelt und zu zwei Zöpfen geflochten. Der Refrain setzt ein, die Menge rastet aus, Tommy springt auf und performt in einer Warnweste und der wohl krassesten Schlaghose, die ich je gesehen habe.

Tommy Cash
"Clothes I wear so damn pricey".

ProRapSuperstar

Tommy und sein DJ spielen Songs quasi im nahtlosen Übergang und nach einer halben Stunde sind schon alle durchgeschwitzt. Genau dann wird uns eine Pause gegönnt und wir sind dankbar für die jetzt eher langsameren Numern wie „ProRapSuperstar“. Ein Song, auf dem Tommy im Grunde Enyas „Only Time“ sampled, EuroDance-Beats drauflegt und dazu rappt. Klingt abgefahren und ist es auch. Irgendwann braucht auch Tommy eine Pause. Sein DJ legt einen Track auf und Tommy kehrt im Rammstein-Shirt und Lack-Cowboyboots, die mit Weed-Blättern verziert sind, auf die Bühne zurück. Er fordert das Publikum auf, in der Mitte Platz zu machen, bahnt sich seinen Weg und lässt sich von einem Zuschauer auf die Schultern nehmen. Ich bin ein bisschen neidisch auf den Typen, aber gleichzeitig habe ich auch Mitleid, denn während des ganzen Songs, den Tommy auf seinen Schultern performt, ist er von krass feiernden Konzertbesucher*innen umringt, die sich richtig freuen, dass Tommy ihnen so nah ist (und auch so abgehen). Nach einer Stunde verlässt Tommy die Bühne, alle wollen eine Zugabe, aber mir fällt tatsächlich kein weiterer Song ein, den er noch spielen könnte. Da läuft Tommy zurück auf die Bühne und „Du Hast“ von Rammstein dröhnt durch den Saal. Wow, das habe ich nicht kommen sehen.

"All I do is success, smooth as butter"

Wer gerne einen ruhigen, entspannten Abend auf einem Konzert verbringen will, dem ist Tommy Cash wahrscheinlich nicht zu empfehlen. Wer allerdings schon Tommys Videos feiert, auf Abrisskonzerte steht und sich auch für Rammstein Playback-Zugaben begeistern kann, dem sei das nächste Tommy Cash Konzert dringendst ans Herz gelegt.

 

 

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