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I love Dick

Eine Frau, die ihr ganzes Leben umschmeißt – weil sie sich in einen Mann verliebt, der gar nichts von ihr will. Auf den ersten Blick klingt das nicht gerade feministisch. Doch Chris Kraus' "I love Dick" wird als feministischer Kultroman gefeiert.
"I love Dick" von Chris Kraus
"I love Dick" von Chris Kraus

Ein neuentdeckter Klassiker

Eigentlich ist "I love Dick" schon 20 Jahre alt. 1997 erschien Chris Kraus' Debütroman in den USA. Jetzt erlebt "I love Dick" ein Comeback und wird als feministischer Kultroman gefeiert. Und er ist zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden. Der Titel ist allerdings geblieben – das dreifache Wortspiel lässt sich auch einfach nicht übersetzen: In der englischen Umgangssprache bezeichnet "dick" den Penis. "Dick" kann aber auch als Beleidigung für einen doofen Typen verwendet werden. "Dick" ist außerdem ein gewöhnlicher Männername.

Lara Lorenz über eine seltsame Dreiecksbeziehung, mutige Verletzlichkeit und männliche Diskussionsrunden:

mephisto 97.6 - Redakteurin Lara Lorenz über Chris Kraus' "I love Dick"
1906 i love dick

Selbstneufindung in Briefen

Chris Kraus trifft Dick im Dezember 1994. Dick ist Kulturwissenschaftler, ein Kollege ihres Mannes Sylvere. Von außen betrachtet ist es nur ein unspektakuläres Abendessen, doch für Chris verändert es alles. Sie verliebt sich in Dick, entwickelt eine regelrechte Obsession. Gemeinsam mit ihrem Mann schreibt sie Briefe an Dick. Zuerst scheinen die Briefe Chris und Sylvere einander näher zu bringen. Eine seltsame Dreiecksbeziehung entsteht. Denn Dick, die dritte Person, will gar kein Teil davon sein. Obwohl er kein Interesse an ihr zeigt, gibt Chris sich ihm mit ihrer ganzen Person hin. Dadurch entfernt sie sich im Laufe der Zeit immer weiter von Sylvere. Bald schreibt sie Dick nur noch alleine. Dabei entstehen unter anderem fünf lange Briefe, die eigentlich Essays in Briefform sind. Chris benutzt diese Briefe, um alles in ihrem Leben zu hinterfragen und neu zu definieren.

„Ich will von nun an alles besitzen, was mir widerfährt“, sagte ich zu dir, „weil, wenn das einzige Material, mit dem wir in Amerika arbeiten können, unser eigenes Leben ist, sollten wir dann nicht Fallstudien betreiben?"

Irgendwo im Niemandsland zwischen Roman und Kunst. Die Autorin Chris Kraus schreibt in "I love Dick" nicht über ein literarisches Ich. Sie schreibt eindeutig über sich selbst, über reale Ereignisse und Menschen, die es wirklich gibt. Chris Kraus verwandelt ihre persönlichsten Erfahrungen in Kunst. Sie verwendet dafür alles: ihre Demütigungen, ihr Älterwerden und ihr Scheitern. So macht sie sich unglaublich verletzlich, so wie auch andere Künstlerinnen vor und nach ihr. Frauen in der Kunstwelt sind ein wiederkehrendes Thema in Chris‘ Briefen. Sie erzählt davon, wie sie und ihre Freundinnen sich abrackern müssen, neben ihrem Studium arbeiten, um ihre Ausstellungen zu finanzieren und trotzdem nie so von ihrer Kunst leben können wie ihre männlichen Kollegen. Chris beschreibt auch, wie Frauen allgemein meist weniger Anerkennung für ihre Kunst erhalten. 

Lieber Dick, ich frage mich, warum bislang noch jedes einzelne Werk, das in den 70ern von einer weiblich gelebten Erfahrung berichtet, ausschließlich als „kollaborativ“ und „feministisch“ gelesen worden ist. Die Züricher Dadaisten arbeiteten ebenfalls zusammen, doch sie waren Genies und hatten Namen.

Weibliche Erfahrungen

Viele ihrer Beobachtungen über das Leben als Frau sind auch heute noch aktuell. Chris erzählt mit ironischem Blick von einer Podiumsdiskussion mit vier alten, weißen Heteromännern. Es ergeben sich keine neuen Erkenntnisse – klar, bei so wenig Diversität. Beim Lesen denkt man automatisch an Gesprächsrunden im Fernsehen oder Donald Trumps Kabinett. Doch manchmal merkt man "I love Dick" sein Alter doch an. Denn bestimmte Dinge haben sich in den letzten 20 Jahren verbessert.

„Lieber Dick“, schrieb ich in einem meiner vielen Briefe, “was heutzutage unter Frauen geschieht, ist das Interessanteste auf der Welt, weil es am wenigsten beschrieben wird.“

Das am wenigsten beschriebene auf der Welt sind Frauen heute nicht mehr. Das macht sie natürlich nicht weniger interessant. Doch die meisten Sätze in "I love Dick" klingen immer noch so wahr, dass man sie am liebsten mehrmals unterstreichen will. Sie finden sich vor allem in Chris späteren Briefen. Je länger sie schreibt, desto mehr verschiebt sich ihr Fokus von sich selbst auf eine größere, gesellschaftliche Ebene. Das Private wird politisch.

Ich habe mein Schweigen und alles Verdrängte mit dem Schweigen des gesamten weiblichen Geschlechts zusammengeführt, und mit all dem, was es verdrängt. Ich glaube, dass es sich bei der bloßen Existenz von sprechenden, seienden, paradoxen, unerklärlichen, schnoddrigen, selbstzerstörerischen, doch in allererster Linie öffentlichen Frauen um das Allerrevolutionärste auf der ganzen Welt handelt. Ich könnte 20 Jahre zu spät dran sein, doch Epiphanien halten sich nicht immer an einen Stil.

An ein paar Stellen ist "I love Dick" auch ein wenig anstrengend. Wenn Chris über Poststrukturalismus oder Kunsttheorien schreibt, fallen viele Namen und Begriffe. Wer sich mit den Themen nicht auskennt, wird ratlos zurückbleiben. Letzten Endes schadet das dem Lesegenuss aber kaum. Interessierte können die Informationen nachlesen. Und alle anderen überblättern die Passagen einfach. Denn die eigentlichen Stärken von "I love Dick" sind die Beobachtungen und Erkenntnisse über das Leben als Frau. Die sind auch heute noch relevant und aktuell. Und Chris Kraus schreibt darüber mit Witz, Scharfsinn und schönster sprachlicher Poesie.

 

 

Kommentare

Hallo zusammen,

mephisto97,6, ein genialer Sender mit tollen Sendungen. Informativ, Themen aufgreifend, die wichtig, nötig, aktuell und geistreich sind. Zauberhaft schön gesprochen, informativ, nachdenklich machend, leicht zum Zuhören, nachdenken und sinnieren. Wenn dann noch die eigene Tochter zu hören ist, wow, macht stolz.
Macht weiter so

Sonnige Grüße aus Augsburg

Uli Lorenz

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"I love Dick" von Chris Kraus

Übersetzt von Kevin Vennemann

Erschienen bei Matthes & Seitz

292 Seiten

22 Euro

 

Die gleichnamige Serienverfilmung von Jill Soloway gibt es seit Mai bei Amazon Prime.