Leipziger Wagenplätze

Home is where my car is

Läuft man die Leipziger Karl-Heine-Straße entlang, fallen einem am Kanal sofort die bemalten Holzwagen und Transporter auf: Am sogenannten Jahrtausendfeld befindet sich seit Herbst 2012 der Wagenplatz der Initiative „Jetze Wagenplätze“.
Der Wagenplatz am Karl-Heine-Kanal

Auf dem Wagenplatz leben etwa zwanzig Menschen eine etwas andere Wohnform. So auch Steffen, dessen Wagen gleich am Eingang des Platzes steht. Er ist 25 Jahre alt und hat Philosophie studiert. Seit mehr als drei Jahren lebt er nun schon auf Leipziger Wagenplätzen. Die Idee vom alternativen Wohnen begeistert ihn seit Langem. Nachdem er in Freiburg zum ersten Mal mit einem Wagenplatz in Kontakt gekommen war, kaufte er sich für eine Reise seinen ersten eigenen Transporter. Eigentlich hatte er geplant nach Barcelona zu ziehen, doch wie er selbst sagt, kam dann alles irgendwie anders und er landete in Leipzig. Auf dem Platz am Karl-Heine-Kanal lebt er nun seit Dezember letzten Jahres.

Ein Kessel Buntes

Was er besonders an dieser alternativen Wohnform schätzt, ist die Mobilität, denn durch das Leben im Laster hat er die Möglichkeit, sein Haus an jeden beliebigen Ort mitzunehmen. Außerdem seien Wagenplätze wichtig, da sie eine andere, vor allem auch kostengünstigere, Lebensform bieten würden. Diese begeistert zunehmend mehr Menschen. Steffen erzählt, dass immer wieder Leute auf den Platz kommen, um dort einen Monat zur Probe zu wohnen. Danach entscheidet eine Versammlung aller Platzbewohner über den Einzug. Sonst gäbe es aber kaum Regeln, sagt Steffen. Es sei mehr ein „gegenseitiges aufeinander achten“, vergleichbar mit dem Leben in einer großen Wohngemeinschaft. Dabei gibt es kein festes Muster, in welches man die Bewohner einordnen kann. Die Menschen auf dem Platz sind genauso unterschiedlich, wie die verschiedenen Mieter eines Wohnblocks. Der älteste Mitbewohner ist vierzig Jahre, der jüngste erst wenige Monate alt. Es gibt Leute, die feste Jobs haben, aber auch Studenten oder Menschen mit einem freieren Tagesablauf. Zwei Charaktereigenschaften vereinen die Bewohner aber doch: Wer auf einem Wagenplatz leben möchte, sollte möglichst spontan und solidarisch sein.

Spontane Solidarität

Auch Steffen ist flexibel. Als er einen Anruf bekommt, dass ein entfernter Bekannter auf der Autobahn einen Motorschaden erlitten hat, setzt er sich in seinen Laster und fährt sofort los, um zu helfen. Der Wagen, Baujahr 1961, läuft als Oldtimer und hat schon einige Zeit als Wohnmobil hinter sich. Steffen hat ihn erst vor wenigen Tagen gekauft und muss sich noch ein bisschen an die Schaltung gewöhnen. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von siebzig Kilometern pro Stunde fährt er zur Autobahn und zieht seinen liegengebliebenen Bekannten von dort in ein kleines Dorf vor Leipzig. Hier gibt es ein weiteres alternatives Wohnprojekt mit einem eigenen Bio-Bauernhof. Dieser ist Teil der Gemüsekooperative, von welcher die Wagenplatzbewohner ihr Gemüse beziehen.

Alles Bio oder was?

Die Kooperative läuft nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft. Mehrere Bauern aus dem Leipziger Umland haben sich zusammengeschlossen und beliefern verschiedene Einrichtungen in der Stadt mit ihren Produkten. Die Abnehmer können selbst entscheiden, wie viel Geld sie dafür bezahlen wollen. Abgesehen vom Gemüse, ernähren sich die Wagenplatzbewohner sehr unterschiedlich. Steffen erzählt von Menschen, die nur Bio-Produkte essen, aber auch von welchen, die ihre Lebensmittel im Discounter einkaufen. Natürlich gehe es auch darum, Dinge selbst zu produzieren. Das selbständige Anbauen von Kräutern, aber auch das Reparieren der Wagen gehört zum Alltag der Wagenplatzbewohner. Dabei sei es wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen. Einmal wöchentlich findet zum Beispiel der Technikertreff statt. Hier tauscht man sich über Werkzeug und Handwerk aus und diskutiert über Probleme und Reparaturen. Neben diesem Treffen haben die Bewohner aber noch andere Möglichkeiten sich auszutauschen: Auf dem Wagenplatz gibt es eine offene Nähwerkstatt, einen Küchenwagen, ein gemeinsames Holzlager und einen Info- und Bürowagen. Dieser wird auch dazu genutzt, um über das Wagenleben oder politische Themen zu informieren. Außerdem dient er als Kontaktstelle zur Öffentlichkeit.

Bitte klingeln...

Steffen erzählt, dass die Bewohner des Platzes sich nicht verschließen wollen. Interessierte Besucher seien in der Regel willkommen und Fragen würden gerne beantwortet. Oftmals bleiben die Neugierigen trotzdem draußen vor dem Tor stehen, anstatt das Gelände einfach zu betreten. Steffen findet das aber in Ordnung. Klingt logisch, wer würde schon wollen, dass jemand Fremdes ungefragt in seinem Wohnzimmer steht?

 

Leben auf dem Wagenplatz. Beitrag von Elisabeth Leisker
Wagenplatz
 

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Weitere Informationen zur Initiative "jetze Wagenplätze" gibt es hier.