Kolumne

Hoher Westbesuch

Die Kolumne - heute mit Max Brose über schwarz-rot-goldene Blumen und Mettkreationen
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Den Beitrag zum Nachhören findet Ihr hier:

"Hoher Westbesuch" - eine Kolumne von Max Brose
1910 kolumne

 

Hast du mitbekommen, wer am Montag in Sachsen war? Und zwar nicht irgendwo in Sachsen, sondern in Ostsachsen?

Keine Ahnung, Mathias Reim?

Unser Bundespräsident! Steinmeier! Gut, und Kretschmer, aber das der durch Ostsachsen tourt, ist ja nichts Neues. Die beiden haben am vergangen Montag Ostritz besucht. Ein sächsisches Städtchen irgendwo bei Görlitz mit gut zweitausend Einwohnern und Einwohnerinnen.

Ich als ostdeutsches Dorfkind kann mir gut vorstellen, was der hohe Besuch aus dem Westen für diese 2000 Menschen bedeutet: Ausnahmezustand!

Zuerst erfährt von der Steinmeierreise der Oberbürgermeister von Ostritz. Nach mehreren schlaflosen Nächten setzt er das Thema dann auf Platz eins der Gemeinderatssitzungen. Und es bleibt Topthema der nächsten Monate. Schließlich muss auf den besonderen Tag eingestellt sein, wenn einmal die ganze Welt nach Ostritz schaut. Nach unzähligen Planungstreffen, jeden zweiten Dienstag im Rathaus, beginnt die heiße Phase.

Drei Wochen vor dem Besuch des deutschen Staatsoberhaupts bestellt die Floristin Blumen. Einige in Schwarz, Rot Gold für den Bundespräsidenten und andere in Blau Weiß und Rot. Die Farben des Stadtwappens von Ostritz. Auf ihm steht eine Nonne unter einem Torbogen mit roten Zipfeln vor hellblauem Hintergrund. Dutzende dieser Wappen pinseln die Menschen in Ostritz an ihre Häuser. So, dass die Wappengestaltung nicht gewollt wirkt, aber trotzdem präsent ist. Wer weiß, welche Journalisten und Journalistinnen wo ihre Fotos schießen.

Aber nicht nur von außen muss die Stadt auf Steinmeier eingestellt sein. Auch die Einwohner und Einwohnerinnen müssen auf den Geschmack des Großevents kommen. Dafür bäckt die örtliche Bäckerei ihr eigenes Steinmeier-Brot, der Fleischer bietet Bundespräsidentenmett an. Und wenn dann alle Ecken und Mägen der Stadt vorbereitet sind, kommt endlich der große Tag.

Steinmeier besichtigt die Stadt und trifft dort die Helden und Heldinnen von Ostritz. Einwohnende, die ehrenamtlich alte Menschen pflegen, oder Kindern Akrobatik beibringen.  Die wurden natürlich vorher akribisch auf den Planungstreffen ausgesucht. Die Kriterien dabei: Soziales Engagement und kein zu starker Dialekt.  Und tatsächlich: Alles läuft reibungslos. Der Bundespräsident wirkt beeindruckt und sagt zu Ostritz und der Umgebung:

„Ganz entgegen dem öffentlichen Eindruck ist in diesen Regionen viel mehr los, als es die Öffentlichkeit wahrnimmt oder wahrnehmen will.“

 

Frank-Walter Steinmeier, deutscher Bundespräsident

Ein Bundespräsident aus Nordrheinwestfalen der sagt, in Ostritz sei was los. Die Stadt ist stolz.

Zwei Tage später schlagen die Ostritzer und Ostritzerinnen dann die FAZ auf und lesen: Die Arbeitslosigkeit in ihrer Region liegt bei über 10% Prozent, der Alterdurschnitt bei gut 50 Jahren. Außerdem habend die AfD hat bei der Bundestagswahl über 40% der Stimmen in ihrem Wahlkreis geholt.

Und dann spricht der Artikel auch noch Chemnitz und Rechtsextremismus an. Warum um alles in der Welt denn wieder das Nazithema, fragt sich die Floristin. Lag es an ihren Schwarz Rot Goldenen Blumen? Die hat sie doch nur bestellt, um den Bundespräsident zu würdigen. Auch Steinmeier hat über Chemnitz geredet. Und der meinte doch, man verbreite selbst Vorurteile, wenn man ganz Sachsen nach Chemnitz für rechtsextrem erklärt. Trotzdem sind die Schatten von Chemnitz lang genug um zu einem zentralen Teil der FAZ-Geschichte zu werden. Eine Geschichte über eine Stadt, die ungefähr so weit von Chemnitz entfernt liegt, wie Leipzig von Berlin.

Neben Nazis, Altersdurchschnitt und Arbeitslosigkeit, schreibt der Artikel vor allem über die Ehrenamtlichen, die Steinmeier trifft. Über die sagt er:

„Sie gehören nicht zu denen, die in der Sofaecke sitzen und schimpfend darauf warten, dass der Staat etwas regelt“.

 

Frank-Walter Steinmeier, deutscher Bundespräsident

Irgendwie liest sich das, wie Leuchttürme in Krisenregionen, denkt die Bäckerin. Ein letzter Hoffnungsschimmer in einem Land, das ansonsten verloren scheint. Dabei hat sich doch ihr ganzer Ort so herausgeputzt. Sie haben sich alle so angestrengt, mehr als ostdeutsches Hinterland zu sein. Endlich sollten die Politiker und Medien aus ehemals Westdeutschland Ostritz auf Augenhöhe sehen, 28 nach der Wiedervereinigung. Aber vielleicht kommt das ja in den nächsten 28 Jahren. 


 
 

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Max Brose
19.10.2018 - 19:15