Literaturrezension "Glücksreaktor"

Hochfrequent durch die Nacht

Der Roman "Glücksreaktor" erzählt von dem Jungen Fred, der in den 90er Jahren von der Technoszene infiziert wird. In der Szene findet er das Gefühl von unendlicher Freiheit. Doch gleichzeitig verliert er sich in dieser Welt.
Party
Von Samstagabend bis Montagmorgen raven - das bedeutet für Fred Freiheit.

Der 17-jährige Fred wächst in Franken auf. Das stupide kleinbürgerliche Leben, so wie es seine Eltern und deren Freunde alle führen, widert ihn an. Ihm ist bewusst, dass seine Zeit auf der Erde, so wie die aller Menschen, begrenzt ist. Deshalb möchte er diese so intensiv wie möglich nutzen. Er möchte frei sein und sich von alltäglichen Zwängen loslösen.

Wir sind doch nur eine bessere Aspirintablette [...]. Wir werden ins Leben geworfen, sprudeln für ein paar Sekunden, und dann lösen wir uns ins Nichts auf. Ameisen, wie mein Vater und 99 Prozent der anderen Zellhaufen, die hier so herumkriechen, können damit nichts anfangen.

"Glücksreaktor", S. 7

Erfüllung findet Fred in der Welt des Techno. Eine ältere Freundin nimmt ihn und seinen Kumpel eines Tages mit ins Boot, einen Technoclub in Nürnberg. Fred ist sofort fasziniert von der ganzen Szene und dem Gefühl, das ihn beim Betreten des Clubs packt. Von nun an geht er jedes Wochenende ins Boot. Doch im Laufe des Buchs verliert er sich allmählich in der ganzen Szene.

Aus den Händen der Wissenschaft

"Glücksreaktor" ist der erste Roman des 42-jährigen Autors Max Wolf. Er ist promovierter Evolutionsbiologe und arbeitet vor allem im Bereich der Verhaltensforschung. Doch seinen wissenschaftlichen Hintergrund merkt man beim Lesen des Romans keineswegs. In Glücksreaktor beweist er, dass er nicht nur wissenschaftlich, sondern auch erzählerisch schreiben kann. Durch detaillierte Beschreibungen der Gefühle und Eindrücke des Protagonisten, packt der Roman den Leser und nimmt ihn mit in die Clubs und Freds Welt.

Glücksreaktor
Glücksreaktor zeigt ein realistisches Bild der Techno-Szene.

Das Pulver rieselt durch meine Nase. [...] Drei Takte später knallt es durch. Alle Schalter in meinem Körper werden umgelegt, in meiner Schaltzentrale brechen alle Dämme, meine Synapsen gehen auf Dauerfeuer, Glückshormone fluten meinen Körper. Mein Energiepegel springt auf Maximum. Mein Körper zuckt zum Beat, was für ein geiler Beat das ist, erst jetzt checke ich das, archaich und roh klingt das, dazu will ich mit nacktem Oberkörper tanzen.

"Glücksreaktor", S. 184-185

 

Auch dass die Geschichte durch Freds Augen erzählt wird, trägt maßgeblich zum Miterleben bei. Außerdem schafft es Max Wolf ein authentisches und vor allem realistisches Abbild der Techno-Szene abzubilden. Der Grund dafür liegt höchstwahrscheinlich auch darin, dass der Autor Max Wolf selber in den 90ern aktiv in der Techno-Szene unterwegs war.

Die ausführliche Rezension hören Sie hier:
Redakteurin Charlotte Siemoneit im Gespräch mit Moderator Nico van Capelle über "Glücksreaktor"
Rezension Glücksreaktor
 

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Charlotte Siemoneit
19.09.2018 - 12:12
  Kultur

Erschienen ist "Glücksreaktor" im TEMPO - Verlag.

254 Seiten

20 Euro