Premiere an der Oper Leipzig

Hinterhof der Schrecklichkeiten

Im Rahmen des Strauss-Wochenendes präsentierte die Oper Leipzig die letzte Premiere dieser Spielzeit: die skandalträchtige Literaturoper "Salome" nach Oscar Wildes gleichnamigem Drama.
Salome und Jochanaan
Salome (Elisabeth Strid) begehrt den Propheten Jochanaan (Tuomas Pursio)

Ein kurzer, schwirrender Klarinettenlauf; und schon befinden wir uns mitten im unheilvollen Geschehen am Hofe des dekadenten Tetrarchen Herodes. Gelangweilt von all dem Luxus und der sie umgebenden Pracht dürstet es seine Stieftochter Salome nach Abwechslung, genauer gesagt nach dem gefangenen Propheten Jochanaan, der ihre Annäherungsversuche jedoch rüde zurückweist. Getrieben von Rache und Wollust fordert sie seinen Kopf. Als sie, den abgeschlagenen Kopf in den Händen, nun endlich seinen Mund küssen kann, lässt ihr Stiefvater sie töten.

Die Kehrseite des schönen Scheins

Zur Uraufführung 1905 war die Handlung des Stücks natürlich ein Skandal. Doch in Zeiten des Regietheaters kräht kein Hahn mehr danach, wenn abgeschlagene Köpfe über die Bühne rollen, das Blut in Strömen fließt, eine Prinzessin einen Striptease für ihren Stiefvater tanzt, in morbider Wollust einen Toten küsst und es nach nicht einmal zwei Stunden drei Leichen zu beklagen gibt. Mehr als genug Stoff also, um sich regiemäßig so richtig auszutoben und auf der Bühne alles Schreckliche was geht, in Übergröße zu zeigen. Da ist die Versuchung natürlich groß, diese Geschichte um Macht, Sinnlichkeit, Rausch und Erotik allzu plakativ zu gestalten und zu tief in den Topf mit Kunstblut und Sex zu greifen.

Doch Regisseur Aron Stiehl und die erst kürzlich verstorbene Bühnenbildnerin Rosalie widerstehen dem zum Glück und befreien das Stück außerdem von jeglichem üppig-verstaubten Orientalismus, indem sie es in eine futuristisch wirkende düstere Utopie ansiedeln. Wie die Kehrseite der Medaille sieht man nur die hässliche Rückseite der Palast-Fassade: Einen mit Paletten, Steinen und einem ausgebrannten Autowrack voll gestellten Hinterhof mitsamt Zisterne, der von teils gelangweilt rauchenden Wachen scharf bewacht wird. Denn die Schickeria am Hof des Herodes ist in Wahrheit eine reichlich verkommene und verko(r)kste Partygesellschaft, die vergnügungssüchtig ihrem eigenen Untergang entgegen tanzt. Ein Sodom und Gomorra par excellence also.

Premiere Salome
Futuristisch und düster: Salome in der Inszenierung von Aron Stiehl

Salomes berühmter Tanz der sieben Schleier gerät hier erfreulicherweise nicht zum peinlichen Striptease, sondern wird zum Psychogramm und zeigt in einem grotesken Maskenspiel die verstörende Kindheit Salomes und zugleich die Ursachen für ihr jetziges Verhalten: Den Mord des eigenen Vaters und die Begierde durch den Stiefvater ("ich habe dich zu lieb gehabt"), das Desinteresse der eigenen Mutter, die sie nicht schützt und gipfelt schließlich in einem ekstatischen Finale, wo Herodes, erregt durch die Darbietung, sich erneut hinter einem Steinhaufen an ihr vergeht. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Salome nur eine Art von Liebe kennt: verdreht, geprägt von Gewalt und rein auf das Körperliche bezogen. Um das zu bekommen, was sie will, setzt sie ihre physischen Reize ein und als das nicht wirkt, greift sie zu anderen Mitteln.

Schwelgerisch und fulminant

Generalmusikdirektor und Intendant Ulf Schirmer entfesselt passend zum wilden Geschehen auf der Bühne einen aufpeitschenden, expressiven Klangrausch, der anfangs noch etwas zurückhaltend, zum Ende hin aber fast schon schmerzhaft wild klingt. Man merkt deutlich, dass er und das Gewandhausorchester hier ganz in ihrem Element sind.

Elisabeth Strid ist eine darstellerisch in jeder Hinsicht überzeugende Salome, die den Spagat zwischen naiv-trotziger Kindfrau, die mit großen Augen den Prophezeiungen Jochanaans lauscht, und sinnlich-verführerischer femme fatale, die ihren eigenen Begierden rücksichtslos nachgibt, perfekt meistert, ebenso wie das Changieren zwischen Opfer- und Täterrolle. Auch gesanglich lässt sich nichts aussetzen: Mit wundervoll silbrigem, jugendlich-dramatischem Sopran besitzt ihre judäische Prinzessin die nötige stimmliche Frische, Jugend und Tragfähigkeit für diese Partie.

Herodias, Salome und Herodes
Herodias, Salome und Herodes

Tuomas Pursio ist ein wahrhaft auftrumpfender, stimmgewaltiger Jochanaan, der mit fanatischem Eifer das Wort Gottes verbreitet und gleichzeitig eine morbide Faszination ausstrahlt. Michael Weinius´ Herodes ist ein ängstlich-lüsterner parfümierter Widerling im rosafarbenen Anzug und dicker Kette, gesanglich heldenhaft und sehr nuanciert und präzise. Seine Gattin Herodias stellt Karin Lovelius mit dramatischem Mezzo als ignorante, mannstolle, nur dem eigenen Vergnügen zugewandte Frau dar, die zu keinerlei Empathie fähig ist. Sergei Pisarev verpasst dagegen leider die Chance, sich in der kurzen, aber prägnanten Rolle des unglücklich in Salome verliebten Hauptmanns Narraboth entsprechend zu präsentieren, zu blass bleiben seine Darstellung und sein Gesang. Auch die kleineren Rollen wie der Page der Herodias oder die fünf Juden sind gut besetzt und runden das gesangliche Bild ab.

Fazit

Nachdem der letzte Akkord verklungen ist dauert es ein paar Sekunden, ehe sich die ersten Hände zunächst zögerlich zum Applaus regen. Doch dann kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr, sämtliche Mitwirkenden werden mit großzügigem Applaus und Bravo-Rufen bedacht. Insgesamt ein sehr gelungener, dramatisch packender Abschluss der Saison!

 

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Eva Hauk
19.06.2017 - 12:17
  Kultur

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Den Tralier zur Premiere von "Salome" finden Sie hier.