Reportage

Hilfe am Hauptbahnhof

Bastian Schauer versorgt mit seinem "Street Mobil" Obdachlose in Leipzig mit Suppe, Tee, Decken, Kleidung. Er hört zu und gibt gute Ratschläge. Johanna Honsberg hat ihn an einem Freitagabend am Hauptbahnhof begleitet.
Hauptbahnhof
Mit seinem "Street Mobil" fährt Bastian Schauer jeden zweiten Tag zum Hauptbahnhof.

Es ist Freitagabend am Hauptbahnhof Leipzig. Geschäftige Schritte klingen in der Bahnhofshalle nach, Koffer rollen über die Steinplatten. Für die meisten Menschen ist es der Ort, um entweder anzukommen oder wegzufahren. Eigentlich ein Ort, den man schnell wieder verlässt. Der Hauptbahnhof dient allerdings nicht nur als Verkehrsanbindung. Für einige Obdachlose dient er auch als Zuhause.

Die Reportage zum Nachhören findet ihr hier:

Hilfe für die Obdachlosen - eine Reportage von Johanna Honsberg.
 

Hilfe mit dem Street Mobil

Vor dem Hauptbahnhof steht Bastian Schauer, der eigentlich von allen nur Basti genannt wird. Er ist ein Mann mittleren Alters, mit einem Gesicht voller Lachfalten, dick eingepackt in Pullover, Mütze, Schal. Eigentlich arbeitet Basti Vollzeit, ist Vater und Ehemann. Er ist aber auch Helfer. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter fährt Basti mit seinem "Street Mobil" jeden zweiten Tag zum Hauptbahnhof und in die Vororte. Mit dabei: Suppe, warme Getränke, Decken, Kleidung. 

Merkst du nicht selber, wie kalt das ist? Hinter dem Bahnhof sind Baracken, da schlafen wir mit Schlafsäcken. Es ist eigentlich nie warm.

Ein Obdachloser am Hauptbahnhof Leipzig

Auf der Straße leben. Das ist vor allem im Winter hart. Genaue Zahlen zur Obdachlosigkeit in Leipzig liegen zwar nicht vor, 2017 befanden sich allerdings fast 2000 Menschen in Wohnungsnot. Das sind fast 500 Fälle mehr als im Jahr 2013. Auch am Hauptbahnhof leben nun mehr Obdachlose. Das merkt auch Basti und betont, dass man zwar noch mehr Decken und ähnliches mitnehmen kann, aber viel mehr geht trotzdem nicht.

Ein klarer Ablauf

Basti kommt jeden Tag gegen 16 Uhr von der Arbeit nach Hause. Ihm bleiben zwei Stunden, bis er sich auf den Weg zum Hauptbahnhof macht. Vorher bespricht er noch mit seiner Frau die Route. Dann wird Tee gekocht, das Auto eingeräumt und die Suppe vorbereitet. Basti kocht für circa 30-50 Personen Essen. Und egal, wie viele Obdachlose die Suppe abends abholen: der Topf sei am Ende des Tages immer leer. 

Das Essen ist nur das Eine, das Essen ist nur eine Kontaktaufnahme. Das andere ist, den Leuten zuzuhören.

 Bastian Schauer, Street Mobil Leipzig

Die Geschichten, die Basti abends erzählt werden, gehen oft nahe. Sie handeln vom Scheitern und vom Frust und manchmal sind sie auch einfach inhaltsleer. Inhaltsleer dann, wenn der Obdachlose zu viel Alkohol getrunken oder Drogen genommen hat, erzählt Basti. Das sei einer der Schwerpunkte, mit denen die Obdachlosen besonders zu kämpfen hätten. Doch nicht alle Geschichten enden schlecht. Ein paar Menschen schaffen es trotzdem, von der Straße wieder in ein richtiges Zuhause zu ziehen.

Auch die Stadt Leipzig bietet ihre Hilfe an

Um den Menschen zu helfen, die noch immer auf der Straße leben, bietet auch die Stadt Leipzig ihre Hilfe an mit sogenannten "Notunterkünften". In Leipzig gibt es davon 88 Stück. Viele Obdachlose nutzen diese trotzdem nicht. Oft ist der Grund, dass eine Übernachtung im Schnitt fünf Euro kostet, erzählt Basti und schüttelt den Kopf. Ein Preis für eine Obdachlosenunterkunft, das passe nicht zusammen. 

Vor allem ist das so ein Strudel. Warum sind denn die Leute hier und pinkeln gegen den Bahnhof? Wo sollen sie denn sonst hin?

Bastian Schauer, Street Mobil Leipzig

Nach zwei Stunden in der Kälte hat Basti seine Suppe verteilt, ein neues Paar Schuhe gespendet, eine Wunde mit Salbe versorgt, Kaffee gekocht, gute Ratschläge gegeben. Feierabend hat Basti trotzdem noch nicht, denn nach dem Halt am Hauptbahnhof fährt er noch weiter in die Vororte. Das kostet Zeit. Zeit, die Basti auch gerne mit der Familie oder seinen früheren Hobbies verbringen würde. Ein Grund dafür, mit dem Street Mobil aufzuhören sei das trotzdem nicht, denn so langsam seien die Obdachlosen für ihn wie eine zweite Familie. Nur eines wünscht sich Basti noch stärker von den Leipziger Bürgern und Bürgerinnen: mehr Akzeptanz.

Wenn ich hier stehe, werde ich so oft angeschnauzt von Leuten, die hier mit dem Fahrrad vorbeifahren und nicht durchkommen, weil ihr Arbeitsweg zehn Sekunden länger dauert. Da denke ich mir: hey, ich habe noch keinen Feierabend!

Bastian Schauer, Street Mobil Leipzig 

Auf dem Weg zum Gleis die Menschen mal freundlich grüßen oder ihnen ein Lächeln schenken: Mehr als das erwartet Basti gar nicht.

 

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