Konzertbericht: Dendemann

Hier kommt die Begeisterung

90 Minuten Rap und noch ein bisschen mehr: Das Open-Air im Täubchenthal machte deutlich, warum Dendemann einer der besten Live-Acts des Landes ist.
Dendemann
Dendemann im Täubchenthal Leipzig

Ein Dendemann-Konzert allein ist selten genug. Selten deshalb, weil der Release-Rhythmus des Rappers ein regelmäßiges Touren gar nicht hergibt.

Nur alle paar Jubilare wieder

Ganze neun Jahre lagen zwischen dem Fast-Rock-Album „Vom Winde verweht“ und der neuen Platte „Da nich für!“, die im Januar 2019 erschien. Umso bemerkenswerter also, dass das Deutschrap-Urgestein dieses Jahr schon sein zweites Konzert in Leipzig gab, dieses Mal im Rahmen des Täubchenthal Open-Airs. Von Übersättigung aber keine Spur: der Innenhof der Location ist schon kurz nach Einlass gut gefüllt, die Vorfreude ist riesig.

Bereits die Support-Acts werden vom Publikum gefeiert. Beim jeweils einstündigen Set gibt es wahlweise Moshpits (Juse Ju), Doubletime-Einlagen sowie Deeptalk en masse (Amewu) und, bei beiden, die Rufe nach Zugabe.

Der Dendemann wird nicht müde

Gegen halb 9 betritt Dendemann zusammen mit DJ Mugzee und seiner Live-Band „Die freie Digitale“ die Bühne. Und Dendemann liefert eine Live-Show ohne Atempausen. Teilweise gehen einzelne Songs ineinander über, Erzählpassagen dienen immer als schnellstmögliche Überleitung zum nächsten Lied. Es kommt der Gedanke auf, dass der Rapper die lange Tour-Pause so gut wie möglich wettmachen will. Am Ende des Abends wird der Rapper nicht nur fast das komplette aktuelle Album gespielt haben, sondern auch etliche Klassiker, neue Songs und zahlreiche Adaptionen gegenwärtiger Deutschrap-Hits. Denn das ehemalige „Eins Zwo“-Mitglied steht dem neuen Sound nicht ansatzweise so verschlossen gegenüber wie viele seiner Zeitgenossen aus den 90ern. Besonderes Highlight ist dabei ein Cover der Kitschkrieg-Posse „Standard“. In diesem besingt Dendemann sein neues Selbstbewusstsein und zollt gleichzeitig der neuen Deutschrap-Generation Respekt:

Sing nicht gut, aber ich tu’s laut. Früher hätt‘ ich mich das nicht getraut

Dendemann, Song: Gut und Gerne

Und nicht nur Rap wird gecovert: Das Bilderbuch-Sample in „Maschine“ wird live so lange gecuttet und bearbeitet, bis irgendwann die bekannten Chords von „Maschin“ erklingen – das Publikum steht Kopf.

Täubchenthal wird zum Zauberland

Nur einmal kommt ganz kurz Enttäuschung auf. Lokalmatador Trettmann ist für seinen Part auf „Littbarski“ nicht da. Also legt Dendemann kurzerhand „Autotune auf Leipzig“ und die Menge singt den Refrain einfach selbst – noch so ein Gänsehautmoment und ein Beweis dafür, wie gut der Rapper das Publikum unter Kontrolle hat. Der Reiz der Show liegt aber sowieso nicht in möglichen Featuregästen, sondern in den Texten Dendemanns, die der Großteil der Anwesenden sicher drauf hat. Die ehrlichen Worte des Rappers entfalten - mitgerappt vom Publikum – eine unglaubliche Kraft und Identifikationspotenzial. Denn sie zeigen: Mit Angst vor Populismus, Heimatverlust oder dem Willen nach politischer Veränderung ist niemand nicht alleine. Da sind mindestens noch ein paar Hunderte andere an diesem Samstag im Täubchenthal, die genauso fühlen. Insofern ist es vielleicht bezeichnend, dass Dendemann das Konzert nicht mit tanzbaren Songs wie „Alle Jubilare wieder“ oder „Stumpf ist Trumpf“ beendet, sondern mit dem melancholischen „Noch’n Gedicht“. Denn neben den lauten und frohen Momenten ist eine Dendemann-Show auch ein Zusammenkommen, ein gemeinsames Abarbeiten am Alltag, ein kollektives Nicken der Zustimmung. Bleibt nur zu hoffen, dass es bis zum nächsten Album und zur nächsten Tour nicht wieder fast eine Dekade dauert.

 

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Scott Heinrichs
31.08.2019 - 18:40
  Kultur

Alle Infos auf einen Blick:

Wer? Dendemann

Wann? 24. August 2019

Wo? Täubchenthal Leipzig

Support? DJ dørbystarr, Juse Ju & Amewu