Frisch gepresst: Awolnation

Hier kommen die Wichte

Mit ihrem dritten Album "Here Come The Runts" liefern die Amerikaner von Awolnation ein wildes Durcheinander von verschiedenen Stilen ab, bei dem trotzdem fast jeder Song Hitpotential hat. Können sie damit aus dem Schatten von "Sail" heraustreten?
Awolnation, Aaron Bruno
Awolnation-Kopf Aaron Bruno

Die Geschichte der Popmusik bietet neben großen Acts, deren Werk als Ganzes die Zeit überdauert, auch eine riesige Menge an One-Hit-Wonders, die in den Augen der breiten Masse lediglich für "diesen einen Song" bekannt sind, wenn sie nicht gar komplett in Vergessenheit geraten. Dass nicht wenige solcher Acts schnell anfangen ihren großen Hit zu verfluchen, erklärt sich von selbst, gerade wenn dieser eine Hit nicht unbedingt repräsentativ für ihr Gesamtwerk ist. Ob Awolnation-Kopf Aaron Bruno seinen großen Hit "Sail" bereits verflucht, ist nicht bekannt. Fest steht, dass der Song von ihrem Debüt-Album "Megalithic Symphony" von 2011 seither den Rest der Diskographie von Awolnation überschattet. Gerade im Fall der Kalifornier ist das durchaus bedauerlich, da die stilistische Bandbreite der Band weit größer ist, als der Synthie-Pop von "Sail" vermuten lassen würde, und da sich darunter noch weit mehr großartige Songs befinden. Ihr neuestes Album "Here Come The Runts" stellt einen eindrucksvollen Beleg dafür da.

Ein wilder Stilmix

Awolnation charakterisiert seit jeher vor allem der ungewöhnliche und vielfältige Stilmix ihrer Musik. Die mischt den Synthipop der 80er mit harten Gitarrenriffs, Falsettgesang á la Prince mit vom Hardcore beeinflussten Schreigesang, 60er-Pop-Harmonien wie von den Beatles oder Elton John mit Hiphop-Beats; teilweise auch alles im selben Song und ohne dabei unausgewogen zu klingen. "Here Come The Runts" führt diese Tradition fort, steigert im Vergleich zu den Vorgängern allerdings den Gitarrenfaktor. Bandkopf Aaron Bruno zeigte sich in Interviews zuletzt desillusioniert von der Dominanz elektronischer Musik im Pop. "Here Come The Runts" soll dem nun entgegenwirken.

Der Opener und Titeltrack setzt dahin gehend auch gleich ein Ausrufezeichen. Auf ein kurzes Intro folgt ein nach vorne peitschendes Metal-Riff, wie man es von einer Popgruppe sicher nicht erwarten würde. Gleichzeitig würden sich auch kaum eine Metalband trauen, diesen Sound um Posaunen und Sprechgesang zu ergänzen. Ein erstes Ausrufezeichen ist damit schon mal gesetzt. Eine noch bessere Fusion von Mainstream‑tauglicher Popmusik und Rock der härteren Art folgt auf dem zweiten Track, der Vorabsingle "Passion". Hier folgt auf eine von Kopfstimme und Hiphop-Beats dominierte Strophe ein harter Drop zum eingängigen Refrain mit Schreigesang, Hardcore-Riff und einer Extraportion Cowbell. Trotz dieser ungewöhnlichen Zusammensetzung lässt sich das Hitpotential kaum verleugnen.

Von butterweich bis bretthart

Überhaupt zeichnet sich "Here Come The Runts" durch die Dichte an eingängigen Songs aus. Das tanzbare "Jealous Buffoon" wartet mit einem zuckersüßen Refrain auf, der auch von Justin Timberlake kommen könnte, wäre da nicht die harte Rhythmusgitarre im Hintergrund. Das Spiel mit dem Kitsch treiben Awolnation besonders auf den Balladen des Albums auf die Spitze, jedoch ohne dabei ins Belanglose abzudriften. Lediglich der Refrain der zweiten Single "Handyman" erinnert mit Dududu-Gesumme und episch-gedachtem Background-Gesang etwas zu sehr an aktuellen Wohlfühl-Indiepop, wie man ihn aus Autowerbespots und Til-Schweiger-Filmen kennt. Deutlich besser sind dagegen "Seven Sticks of Dynamite" und "My Molasses". Dass er ein Händchen für Akustik-Balladen hat, bewies Aaron Bruno übrigens schon mit seiner Vorgängerband Under the Influence of Giants.

Nachdem sich die Band im Mittelteil des Albums etwas beruhigt hat, ziehen sie zum Schluss hin wieder ordentlich an. "Cannonball" ist großer Stadionrock wie aus den 80ern, der im Refrain eine dieser Melodien aufweist, bei denen man sich fragt, warum da bis jetzt noch niemand draufgekommen ist. Garniert wird der mit einem super-schmierigen Text, den man einer weniger überdrehten Band sicherlich übel nehmen würde.

I shoot like a cannonball

Fuck like an animal

Breathe in your love through my lungs like an addict does

Aus dem Song "Cannonball"

Passenderweise endet "Here Come The Runts" mit dem sechsminütigen "Stop that Train", auf dem nochmal all die widersprüchlichen Elemente der vorangegangenen 40 Minuten zusammenkommen und der in einer überraschend harten Gitarrensalve und Schreigesang gipfelt. Damit endet das Album, wie es begonnen hat.

Fazit

Trotz aller exzentrischen Einfälle ist "Here Come The Runts" in erster Linie ein Popalbum. Die meisten Songs sind darauf ausgelegt, schnell ins Ohr zu gehen und möglichst viel Spaß zu machen, was ihnen auch ausgezeichnet gelingt. Nach drei Awolnation-Alben schreibt Aaron Bruno hitverdächtige Songs wohl mittlerweile im Schlaf. Seine Band verdient jedoch Respekt dafür, dass sie ihren Mitsing-Pop in ein Soundkostüm packen, dass im aktuellen Mainstream alleinsteht. Sollte die Band in Zukunft auch weiterhin auf "Sail" reduziert werden, liegt das jedenfalls eher am Publikum, als an ihnen selbst.

 

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Awolnation: Here Come The Runts

Tracklist:

1. Here Come the Runts

2. Passion*

3. Sound Witness System

4. Miracle Man

5. Handyman

6. Jealous Buffoon*

7. Seven Sticks of Dynamite*

8. A Little Luck... and a Couple of Dogs

9. Table for One

10. My Molasses

11. Cannonball*

12. Tall, Tall Tale

13. The Buffoon

14. Stop That Train

Erscheinungsdatum: 02.02.2018
Red Bull (Sony Music)