CD der Woche

Herzensangelegenheit

Anthony und Josephine haben ein Jahr lang, jeden Monat, einen Song über Soundcloud veröffentlicht. Herausgekommen ist ein abwechslungsreiches Debüt-Album voller Songs über zwischenmenschliche Beziehungen und ihren Einfluss auf den Alltag.
Oh Wonder
Oh Wonder sind Josephine Vander Gucht und Anthony West.

Das "Kleine-Welt-Phänomen" besagt, dass jeder Mensch jeden anderen über durchschnittlich 6,6 Ecken kennt. Gerade in Zeiten des Internets wird uns dieses Gefühl doch Tag für Tag aufs neue vorgeführt. Doch was bedeutet es in solch einer Zeit eigentlich jemanden zu "kennen"? Noch bevor wir jemandem das erste Mal persönlich begegnen, haben wir ein genaues Bild im Kopf. Facebook verrät uns den letzten Urlaubsort, die letzte Jogging-Strecke oder die liebste Band und über Tinder wird gegebenenfalls schonmal der Beziehungsstatus und die mögliche Kompatibilität überprüft. Wenn man vor dem ersten persönlichen Gespräch mit einer Person doch schon alles weiß, gibt es dann überhaupt noch echte Freundschaft, Liebe oder vielleicht sogar so etwas wie Seelenverwandte?

Ein Jahr, ein Monat, ein Song

Josephine Vander Gucht und Anthony West liefen sich in ihrer Heimatstadt London unzählige Male über den Weg, bis sie auf die Idee kamen gemeinsam Musik zu machen. Beide sind Vollblut-Musiker und waren zuvor mit ihren eigenen Projekten beschäftigt. Während Josephine als Solo-Künstlerin nur mit ihrem Keyboard auf der Bühne stand, war Anthony mit seiner Rockband "Futures" unterwegs. Beide waren zwar fasziniert von der Musik des anderen, ließen die aber auch nicht unhinterfragt. So dauerte es wohl einige zufällige Treffen und Gespräche bis die beiden festelstellten, dass sie nicht nur eine gemeinsame Leidenschaft, sondern auch ein und den selben Musikgeschmack teilen. Trotzdem lief "Oh Wonder" vorerst eher als Nebenprojekt. Um sich selbst zu motivieren, stellten sich die beiden einer Herausforderung: ein Jahr lang wollten die beiden jeden Monat eine Single über Soundcloud herausbringen. Gesagt, getan! Aus der Herausforderung wurde schneller Ernst als gedacht. Jeder ihrer veröffentlichten Songs wurde auf sämtlichen Musikblogs besprochen und an die Spitze der Blogcharts gewählt. Und das, ohne dass die beiden auch nur ein einziges Konzert gespielt hatten. Im September brachten "Oh Wonder" dann ihr gleichnamiges Debüt-Album auf den Markt und zogen los auf große Tour, rund um die Welt. Dabei mussten sie nicht lange anklopfen, neben London, Paris, Amsterdam und zwei ausverkauften Konzerten in Berlin und Köln wurden auch Stops in New York und Los Angeles eingelegt. Dass der Erfolg dann doch sehr unerwartet kam und alles ziemlich schnell gehen musste, zeigt neben einer ziemlich spontanen Namensgebung auch das Album Cover der beiden. Das ziemlich reduziert gehaltene schwarze O und W auf weißem Hintergrund haben Anthony und Josephine nämlich mit Microsoft Word gestaltet.

Heart Hope

Oh Wonder beleuchten auf ihrem Album zwischenmenschliche Beziehungen und die Bedeutung von Liebe im Alltag. Wo generell gefühlt jeder zweite Song von unerwiderter Liebe oder Beziehungen handelt, ist es schwer vorstellbar, dass dieses Thema nicht langweilig wird. Doch Oh Wonder schaffen es jeden ihrer Songs neu erscheinen zu lassen. Während der Album-Opener "Livewire" emotionale Abhängigkeit und Vertrauen in Partnerschaften thematisiert, ist der Titel "Dazzle" einer Dokumentation von Louis Theroux, namens "Gambling in Las Vegas" nachempfunden. In der begegnet Louis Theroux einer Frau, die jeden Tag tausende Dollar in einem Casino verspielt, nur weil sie glaubt von den Menschen dort gut umsorgt zu werden. Einer der schönsten Titel des Albums, "White Blood"  erzählt davon, wie in Zeiten physischer oder psychischer Krankheit Beziehungen Halt geben und helfen können loszulassen. "Heart Hope" fasst die Aussage des Albums zusammen: die tägliche Suche nach etwas, das über allem steht und alles andere unwichtig erscheinen lässt. Die durchweg emotionalen Textzeilen werden eingebettet in perfekt abgestimmte, gesangliche Harmonien, meist begleitet von Klavier und treibenden Synthie-Klängen. Ausschlaggebend ist dabei immer Josephines sehr zarte und doch klare Stimme.

Fazit

Anthony und Joesphine gestalten jeden Schritt im Produktionsprozess zusammen und auch auf der Bühne wirken die beiden wie ein perfekt eingespieltes Team. Dadurch ist auf dem Album eine sehr klare Handschrift erkennbar. Trotzdem wird es auch nach fünfzehn Songs nicht langweilig. Einzig und allein "Landslide" wirkt mit der sich ständig wiederholenden Textzeile "I'll be there for you, I'll be there for you, I'll be there for you, you know" etwas platt. Jedoch zeigen Oh Wonder mit ihrem Debüt-Album, dass es doch auf die realen Begegnungen im Leben ankommt und dass zumindest musikalische Seelenverwandtschaften möglich sind.

 

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Isabel Woop
23.11.2015 - 00:37
  Kultur

Oh Wonder: Oh Wonder

Tracklist:
  1. Livewire
  2. Body Gold
  3. Technicolor Beat*
  4. Drive
  5. Lose It
  6. Landslide
  7. White Blood*
  8. Without You
  9. The Rain
  10. Dazzle*
  11. All We Do
  12. Midnight Moon
  13. Shark*
  14. Heart Hope
  15. Plans
*Anspieltipps
Erscheinungsdatum: 04.09.2015
Caroline Distribution

Oh Wonder im Web 2.0:

Für ihre Tour haben Anthony und Josephine ihre Songs komplett neu arangiert. Heraus kam auch eine Akustik Version des Songs "Midnight Moon", die die beiden in Amsterdam für Mokum Sessions engespielt haben. Dazu hier entlang.

Oh Wonder haben außerdem eine ganz eigene Version vom sonst eher langweiligen Chart Deep House Song "Lean On" von Major Lazer eingespielt. Die gibt es hier zu sehen.

Laut eigener Aussage reden Anthony und Josephine eher ungern über sich selbst. Deshalb haben sie auf ihrer Europa Tour den Spieß umgedreht und ihre Zuhörer interviewt. Die Ergebnisse gibt es auf ihrem Blog zu lesen.