Breakdance in der DDR

Headspins unter Honecker

“Brechtanz” – so wurde der Breakdance in einigen Stasiakten genannt. Breakdance in der DDR? Das gab es wirklich, auch in Leipzig. Die Crews hier nannten sich zum Beispiel “Big City Breakers” oder “Break Collection”.
Breakdancer neben rotem Tuch
Ein Thälmannpionier, der Breakdance tanzt? Keine Seltenheit in der DDR.

Anders sein, auffallen

Also dass man heute - weil ich trag ja jetzt grad eine - eine Sonnenbrille trägt in der Öffentlichkeit, ist ja wirklich das Normalste der Welt. Wenn man aber so '85, '86 als Jugendlicher mit einer Sonnenbrille durch die Stadt gelaufen ist, kamen immer so Sprüche wie “Bist wohl cool, oder was, bis wohl cool?” Da musste man schon ganz schön viel Mut haben.

Mike Dietrich, schon zu DDR-Zeiten Hip Hopper in Leipzig

Und Mike Dietrich hatte Mut: Er wächst in den Achtziger Jahren in Leipzig auf. Aber er kleidet sich nicht wie ein vorbildlicher Pionier, sondern eher wie ein cooler Typ aus der Bronx. Er trägt Sonnenbrille, weite Shirts, Jogginghosen...

...und wenn die Tante aus dem Westen mal ein Paar Turnschuhe geschickt hat, dann wurden die gepflegt und gehegt, und dann hatten die so fette Schnürsenkel, was meistens so Paketband war. Man hat schon diesen Code of the Streets gehabt.

Den brauchte man eben, als Breakdancer, oder auch B-Boy, wie sich die tanzenden Hip Hopper selber nennen. Mitte der Achtziger Jahre entdeckt Mike Dietrich den Breakdance für sich. Er lernt ihn über das Fernsehen kennen – das Westfernsehen natürlich. Im Westradio läuft die passende Musik. Heimlich schneidet er abends mit. LL Cool J und Chaka Kahn hört er am liebsten.

Tanz in den Passagen

Und dann ist da noch “Beat Street”: ein Kinofilm über eine Hip Hop-Gang in New York, der aber auch in den Kinos der DDR läuft. Viele junge Breakdancer sehen sich den Film mehrmals an. Dann ahmen sie die Bewegungen nach, auch Mike Dietrich. Er übt die typischen Roboterbewegungen vor einem großen Spiegel im Wohnzimmer. Später gibt ihm sein Sportlehrer einen Schlüssel zur Turnhalle. Dort kann er gewagtere Moves üben. Auch Stefan Lange entdeckt in der Zeit seine Faszination für Breakdance.

Damals zu der Zeit war's halt wirklich was ganz Neues. Die Bewegungen vom Breakdance, die waren halt damals wirklich schon einzigartig. Battlerock oder Helicopter oder Headspin, Handglides, das sind so Begriffe aus dem Breakdance und die haben mich halt damals total begeistert. Ich wollt das halt auch können, weil es halt einfach gut aussieht.

Stefan Lange, zu DDR-Zeiten Hip Hopper in Dessau

Stefan Lange wächst in Dessau auf. Dort tanzt er mit seinen Kumpels auf der Straße. Das macht Mike Dietrich auch, in Leipzig. Außerdem findet er hier einen besonders geeigneten Platz zum Tanzen:

Der Treffpunkt Nummer eins war in der Mädlerpassage. Telefone waren nicht so verbreitet. Das heißt, man ist dann immer durch diese Mädlerpassage gestiegen, in der Hoffnung, man trifft ein paar Jungs mit dem Kassettenrecorder und das hat dann auch mal geklappt. Bis dann die Polizei kam und sagte: "Das könnt ihr hier nicht machen, Jungs". Wie in Beatstreet halt. Nur das wir nicht verhaftet wurden.

Breakdance - verstaatlicht?

Aber es hätte passieren können. Denn Breakdancer wurden auch festgenommen. Die Polizei wollte auf den Straßen für Ordnung sorgen. Breakdance-tanzende Jugendliche passten da nicht rein. Aber sonst stand das Regime Breakdance positiv gegenüber. Schließlich war er der Tanz der schwarzen amerikanischen Minderheit; also ein Tanz der Unterdrückten; ein Tanz gegen den Kapitalismus. Aber das SED-Regime wollte die Kontrolle über ihn gewinnen. Das sagt Leonard Schmieding. Er hat seine Doktorarbeit dem Thema Hip Hop in der DDR gewidmet. Er berichtet von dem Breakdance-Workshop in Leipzig, der jährlich stattfand. Dort wollten sich die Breakdancer eigentlich austauschen. Doch bald übernahmen regimetreue Künstler das Ruder.

Das waren dann Regisseure der Unterhaltungskunst oder selber Kulturfunktionäre und die haben dann durch ihre Erwachsenenperspektive, durch ihre staatlichen Funktionen in diese Jugendkultur eingegriffen und haben die dann geleitet und haben den Jugendlichen damit die Butter vom Brot genommen.

Leonard Schmieding, hat eine Dissertation zum Thema "Hip Hop in der DDR" verfasst

Der Staat verleibt sich den Breakdance ein. Viele Breakdancer ziehen mit. So sendet das Fernsehen der DDR einige Breakdanceauftritte. Und Mike Dietrich tanzt mit seiner Crew zur 750-Jahr-Feier von Berlin - vor ausgewähltem SED-Kader. Einigen Hip Hoppern geht das zu weit. Leonard Schmieding:

Die Szene hat sich durchaus angebiedert und die fanden das halt toll, so ein bisschen Stars sein zu können.

Breakdance in der DDR war eben nicht nur eine Sportart, sondern auch eine Gratwanderung zwischen Anpassung und Rebellion.

Der Bericht von Felicitas Förster über Breakdance in der DDR
Breakdance in der DDR
 

Kommentare

Es waren die schönsten Jahre meiner jungen DDR-Karriere! Wir verbanden uns in Crews, besorgten uns iiirgendwiiie die richtige Musik und übten was das Zeug hielt. Was war die Folge: Auftritte bei Schuldiscos und Betriebsveranstaltungen an die ich mich heute mehr schlecht als recht erinnere.
Denn da gab es ja noch ein ganz anderes Programm!!!
Mal abgesehen von den Highlights der Worshops und Supercups waren die Treffen an Wochenenden und Feiertagen das absolute Muss.
Wo diese stattfanden? Man kann es erahnen. Unter den Glocken in der Mädlerpassage. Manchmal hast du ´ne Stunde oder mehr gewartet bis welche mit Linoleum und Recorder auftauchten.
Alle sind gekommen! Große Unitys und kleine Crews. Die Big City´s, HHC, UBC, THBL und wie sie nicht alle hießen. Selbst aus anderen Bezirken (heute: Bundesländer) hatten wir Leute da die uns mit Kurzauftritten und selbstgemachten Visitenkarten aufwarteten.
Logisch hat das auch den "Vater" Staat in persona der Staatssicherheit und Ordnungskräfte auf den Plan gerufen. Aber hee, mit 15 interessiert mich das doch einen Sch..ß. Harmlose Repressalien zumindest aus meiner Erfahrung.
Nochmal...eine meiner besten Erfahrungsjahre!!!

Let´s rock guy´s

Noch ein kleiner Zusatz zu meinem vorherigen Beitrag...
Es hat sich im Laufe kürzester Zeit, vor allem in den Großstätten der ehemaligen DDR, eine rießige Breakdance-und Hip Hop-Community gebildet wie sie, selbst für Beteiligte, nur schwer realisierbar war.
Spätere Medien, auch die der scheidenden DDR, sprachen oft von einer Subkultur.
...das ist keine Übertreibung!!!

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Felicitas Förster
16.04.2015 - 13:15
  Kultur