Die Kolumne

Hauptstadt des moralischen Mittelfingers

Die Kolumne. Immer freitags und diesmal zum Abschied: Magnus Folten sagt: "Adieu!"
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Die letzte Kolumne von Magnus Folten
 

Die Menschen reden gerade viel übers Wetter. Das ist geistlos und langweilig, aber irgendwie auch mal beruhigend. Denn Wetter-Smalltalk hat keinen Anspruch. Andere Themen wiederum scheinen auf paradoxe Art und Weise gleichermaßen Smalltalk wie intellektuell zu sein. Geht es um Ernährung, um Musik oder um Kleidung hat jeder einen Brockhaus gefressen und weiß besser Bescheid. Bei einem netten Plausch übers Wetter würde sich dieses Phänomen wie folgt anhören:

Ich würde sagen: „Ich hätte schon noch mal Bock auf eine Woche pure Sonne!“
Mein Smalltalk-Partner würde entgegnen: „Aber das durchwachsene Klima ist für die Bauern im Allgäu grade sehr gut." Was soll ich dazu sagen? Im Grunde wurde mir eben vermittelt, dass meine Sonnenträume verwerflich sind. Absurd, oder? Gar nicht mal so abwegig ist so ein Smalltalk aber bei Ernährung:  

Kolumnist Magnus Folten

Ich sage: „Ich hätte schon mal wieder Bock auf so’n saftiges Stück Rindfleisch!“
Wenn ich Glück habe, bereichert mich mein Gegenüber dann nur mit einem Augenrollen, wenn ich Pech habe, gibt es eine Gardinenpredigt. Das Problem an der Sache ist, ich habe diese Predigt schon tausende Male gehört und rolle nun nur selber die Augen. Und wenn ich dann das nächste Mal im Supermarkt ein bisschen Brot, Milch und Gemüse besorge, dann passiert es. Dann lacht mich mit breitem Marinade-Grinsen ein Stück Discounter-Steak an und ich denk mir: „Fick dich Bio-Gelaber und fick dich Augenrollen. Dieses Steak ist mein Protest.“ – Und so habe ich kulinarisch die AfD gewählt.

Dabei hätte es auch ganz anders laufen können. Zurück zum Smalltalk. Ich sage: „Ich hätte Bock auf ein richtiges Stück Fleisch!“
Und mein Gesprächspartner sagt: „Ich war letztens bei dieser Burgerbude an der Max-Mustermann-Straße. Die machen richtig gute Buletten!“
Beim nächsten Heißhunger fahre ich also dorthin, esse einen Burger und stelle danach fest, dass es Bio-Weiderindfleisch vom Allgäuer Landwirten war. Das ändert zwar nicht wirklich was an meiner Ökobilanz, aber es hat geschmeckt und meine Gewissensbisse beseitigt. Und hey: Die Grünen zu wählen ist doch immer noch besser als die AfD, oder?

Aber so läuft das nicht in Leipzig. Anstelle von Interesse werden Unterhaltungen mit dem moralischen Mittelfinger geführt. Klingt zwar oft informiert und belesen, ist aber eigentlich auch nur Fachchinesisch für „Meine Meinung ist mehr wert als deine.“ Und Leute, die kein Fachchinesisch sprechen, reagieren darauf mit einer protestierenden Fick-dich-Haltung.

Ich wünsche mir für diese Stadt, dass Empathie wieder über Ego siegt. Dass sich die Leute unterhalten, um voneinander zu erfahren. Nicht, um dem Gegenüber aufzubinden, was sie selbst für tolle Menschen sind. Warum erzählen wir uns nicht mehr Geschichten, anstatt uns Meinungen an den Kopf zu schmeißen?

Auch ich höre auf, Ihnen meine womöglich unzulänglich ausgeprägte Meinung aufzudrücken. Das hier ist meine letzte Kolumne für diese Stadt. Denn ich verlasse sie bald für immer und höre mir woanders wieder Geschichten an. Adieu Leipzig. Ohne Mittelfinger.

 

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Magnus Folten
11.08.2017 - 14:23