Leipzig liest

Halitstraße - Ein Ort des Gedenkens?

Das Menschen in Deutschland gegenwärtig noch immer mit Rassismus zu kämpfen haben, bestätigt das Buch „Gespräche über Rassismus – Perspektiven & Widerstände“. Ayse Gülec liest aus dem Buch und erzählt über Widerstände und Orte des Gedenkens.
Zu Gast in der Frauenkultur Leipzig: Savas Tas, Zülfukar Cetin und Ayse Gülec
Savas Tas, Zülfukar Cetin und Ayse Gülec in der Frauenkultur Leipzig

In dem soziokulturellen Zentrum Frauenkultur Leipzig wurde am 12. März 2015 das Buch Gespräche über Rassismus – Perspektiven & Widerstände von den Herausgebern Zülfukar Cetin und Savas Tas vorgestellt. Auf einem kleinen Podest in der Frauenkultur Leipzig saßen die Herausgeber gemeinsam mit Ayse Gülec, einer Autorin des Buches, gegenüber dem Publikum. Hinter ihnen befand sich eine Leinwand auf der nacheinander verschiedene Stichworte zum Gesagten eingeblendet werden.

Eine Überschneidung von Wissenschaft, Kunst und politischen Aktivismus ist im Buch zu finden.

Zülfukar Cetin

Rassismen und Widerstände in Deutschland

In dem Buch seien Texte zu aktuellen rassistischen Diskussionen vorzufinden. Zülfukar Cetin erzählt von diversen Formen von Rassismus, sogenannten Rassismen, die in Deutschland vorherrschen würden. Er nennt unter anderem den „hegemonialen weißen Rassismus“ als einen Teil der aktuellen Diskussionen. Was das genauer ist, wird im Rahmen der inhaltlichen Buchvorstellung nicht erklärt. Die Abschnitte im Buch seien außerdem durch verschiedene Interviews mit Aktivisten, Wissenschaftlern und Künstlern entstanden. 

Nach einer allgemeinen Buchvorstellung hat Ayse Gülec aus ihrem Text gelesen. In dem Abschnitt beschäftigt sich die Deutsch-Türkin aus dem Ruhrgebiet mit der Bild- und Raumpolitik im Kontext der Morde durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in den Jahren 2000 bis 2006. Sie konzentriert sich insbesondere auf die Perspektiven der betroffenen Opfer und ihre Widerstandsformen, die sich gegen verschiedene Institutionen und den deutschen Staat gerichtet haben. Sie untersuchte wie Betroffene, wie etwa Familienangehörige der Mordopfer, an verschiedenen Orten zum Beispiel durch Plakate visuell aktiv wurden. Bilder spielen für Ihre Beobachtungen eine zentrale Rolle. Einige Bilder, die im Buch abgedruckt wurden, wurden während der Lesung auf einer Leinwand gezeigt und von der Autorin näher beschrieben.

Ayse Gülec kritisiert in ihrem Text unter anderem, warum der Einsatz von visuellen Mitteln und die Präsenz der Opfer im öffentlichen Raum weder von staatlicher Seite noch von den Medien wahrgenommen wurde. In diesem Zusammenhang erzählt sie von der Demonstration "Kein 10. Opfer", an der 2006 rund 4000 Personen in Kassel teilgenommen haben. Die Demonstration wurde nach der Ermordung des neunten NSU-Mordes an Halit Yozgat organisiert.

Obwohl die Demonstration mit 4000 Personen schon längst keine kleine Protestaktion ist, wurde sie weder medial noch von staatlicher Seite wahrgenommen.

Ayse Gülec

In Gedenken an den Tot von Halit Yozgat wurde die Initiative 6. April, der auch die Autorin angehört, gegründet.

Die Autorin erklärt, dass mit der eigenen Bekanntmachung an den Morden durch die NSU im Jahre 2011 Widerstände durch die Betroffenen in der Öffentlichkeit stärker zugenommen haben. SO setze sich seitdem auch der Vater des neunten Mordopfers, Ismael Yozgat, für die Umbenennung des Tatorts, der Holländischen Straße in Kassel, in "Halitstraße" ein. Eindrücklich und einleuchtend sind die Erklärungen der Autorin, denn die Schaffung eines Ort des Gedenkens im öffentlichen Raum würde zu einer Auseinandersetzung der Opfer von rassistischen Taten führen. Eine Straßenumbenennung durch die Stadt Kassel erfolgte allerdings bis heute nicht.

Fragende Gesichter

Es wurden verschiedene Fragen an Ayse Gülec bezüglich ihrer Analyse gestellt und von der Autorin beantwortet. Eine Zuschauerin fragte sich, warum, die von Ayse Gülec genannten öffentliche Widerstände in Deutschland, nur unzureichend wahrgenommen wurden. Sie fragte, ob die Menschen nicht genügend auf sich aufmerksam gemacht hätten und löste damit eine kleine, aber hitzige Diskussion mit anderen Zuschauern aus.

Die Veranstaltung in der Frauenkultur kann insgesamt als gelungen bewertet werden. Die Kombination aus sachlicher Buchvorstellung, Lesung und anschließender Diskussionsrunde bot eine Kostprobe des Buches. Durch die Lesung von Ayse Gülec konnte eine Form der aktuellen rassistischen Debatte in Deutschland verdeutlicht werden. Aus zeitlichen Gründen blieben allerdings einige Fragen leider unbeantwortet. Doch dadurch wurde die Neugier auf das Buch und ihre Texte und auf die aktuelle Diskussionen in Deutschland geweckt.

 

 

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Nil Idil Cakmak
16.03.2015 - 12:41

In den Jahren 2000 bis 2006 begann der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) neun Morde in verschiedenen deutschen Großstädten. Die Morde wurden vermutlich aus völkisch-rassistischen Motiven verübt. 2006 ist die traurige Bilanz acht türkischstämmige und eine griechischstämmige Person sind tot.

Der erste Mord wurde an Enver Simsek in Nürnberg im Jahre 2000 verübt. Abdurrahim Özüdogru war das zweite Mordopfer in Nürnberg im Jahre 2001. Das dritte Opfer war Süleyman Tasköprü, der in Hamburg erschossen wurde. Im gleichen Jahr wurde Habil Kilic wurde in München ermordet. Das Mehmet Turgut, das fünfte Opfer, wurde im Jahre 2004 in Rostock von der NSU getötet. Im Jahre 2005 wurde Ismael Yasar in Nürnbergund Theodoros Boulgarides in München umgebracht. Das achte Mordopfer der NSU war Mehmet Kubasik, der in Dortmund im Jahre 2006 erschossen wurde. Halit Yozgat wurde 2006 das neunte und letzte Todesopfer der NSU.