DOK Rezension

Haare, überall Haare!

Haare werden oft als alltäglich wahrgenommen. Dabei kommt ihrer Wirkung eine große Bedeutung zu. Die Regisseurin Anka Schmid hat sich diesem Missstand angenommen und mit „Haarig“ einen ganzen Film zu dem Thema gemacht.
Haarig
Anka Schmid mit mephisto 97,6 Redakteur Bobo Mertens

Ein ganzer Film nur über die menschliche Haarpracht. Haare auf dem Kopf, unter den Armen, zwischen den Beinen. Haare auch als Politikum, als Zeichen gesellschaftlichen Wandels, als Aufbegehren gegen die Elterngeneration. Darum geht es in „Haarig“, einem Dokumentarfilm der Regisseurin Anka Schmid. In all das strickt Schmid noch ihre eigene Biografie und ihr ganz persönliches Verhältnis zu Haaren mit ein. Entstanden ist so ein sehr vielseitiger, essayistischer Film der neue Blickwinkel auf ein grob unterschätztes Körpermerkmal legt.

​Am Anfang war das Haar

„Haarig“ beginnt mit seiner Geschichte ganz am Anfang des Lebens, im Schoß der Mutter, wo der erste Kontakt der Erzählstimme mit der Außenwelt die Schambehaarung der Mutter ist. Erzählt wird aus der Ichperspektive. Immer wieder wird so Gesellschaftliches mit Persönlichem verknüpft. Als es zu Beginn der Studentenbewegung ein Zeichen des politischen Protests war, lange Haare zu tragen, trug auch die Protagonistin ihre Haare lang. Perfekt sitzende Föhnfrisuren zu tragen, bedeutete Teil der zu bekämpfenden Spießigkeit zu sein. In der Pubertät entdeckte sie dann auch bei sich selbst eine heranwachsende Schambehaarung. Haare sind nicht nur Teil der gesellschaftlichen, sondern auch der persönlichen Entwicklung. Im Strom der Gedanken, die zwischendurch auch mal abschweifen, bewegt sich „Haarig“ dabei durch ein halbes Jahrhundert Biografie und Gesellschaftsgeschichte.

Die Mischung macht´s

Auf dem DOK Festival belegt „Haarig“ ein Nischenprogramm: Als eine Mischung aus dokumentarischem Inhalt und größtenteils animierten Bildern läuft der Film im Animadok-Wettbewerb. Durch die Animation findet der Film seine ganz eigene, zur Erzählung passende Bildsprache. Fotos werden mit Stop-Motion-Technik in Szene gesetzt und mit Archivaufnahmen verbunden. Das Ganze geht oft nahtlos ineinander über, so wird der gedankliche Erzählstrom der Geschichte unterstrichen. Mal chronologisch, mal sprunghaft lenkt Schmid den Film durch ihr Leben. Die Stimme, die durch „Haarig“ leitet, ist dabei wunderbar angenehm und hat auch zu jeder Sekunde während der knapp 60 Minuten Laufzeit etwas zu erzählen. Der Film ist bei alldem nicht bloß ein Abhaken von historischen Ereignissen und Entwicklungen, sondern schafft es auch immer wieder auf emotionaler Ebene zum Zuschauer durchzudringen. „Haarig“ ist am Ende eben nicht nur ein Film über Haare, sondern übers Erwachsenwerden, über Veränderung und Rebellion, über Geschlechtergrenzen und die Liebe. 

​Regisseurin Anka Schmid war bei uns zu Besuch. Das komplette Gespräch finden sie hier: 

Moderator Carsten Richter im Gespräch mit Anka Schmid
Moderator Carsten Richter mit Anka Schmid

 

 

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Lennart Johannsen
03.11.2017 - 11:52
  Kultur

​"Haarig" läuft am 04.11.2017 um 19:39 Uhr in der Osthalle im Hauptbahnhof.