Sexladen "Voegelei"

Guck doch einfach, was dir gefällt!

Sexladen - das geht auch anders! Das wollen Claudia und Max von der Leipziger "Voegelei" zeigen. Ab November können sich die Leipziger und Leipzigerinnen selbst davon überzeugen.
Claudia Mika und Max Valerij sind die Gründer des Vögelei-Kollektivs

Schummrig und schmuddelig - das Sexladen auch anders geht, das wollen Claudia Mika und Max Valerij zeigen. Sie eröffnen im November diesen Jahres im Leipziger Osten die "Voegelei". Claudia Mika war bei uns zu Gast und hat mit uns über die Entstehungsgeschichte, die Besonderheiten und das Konzept hinter dem Sexladen "Voegelei" gesprochen.

 

Das vollständige Interview mit Claudia Mika finden Sie hier zum Nachhören und unten zum Nachlesen.

Finný Anton im Gespräch mit Claudia Mika, Mitgründerin des "Vögelei"-Kollektivs.
Interview Vögelei

mephisto97.6: Claudia, du bist eine von den Gründer*innen der sogenannten "Voegelei" in Leipzig. Das ist ein alternativer Sexladen, beziehungsweise ein Sexladen-Kollektiv, das Anfang November im Leipziger Osten in der Wurzner Straße eröffnen soll. Wie kamt ihr auf die Idee, einen Sexladen zu eröffnen, denn wenn man sich selbstständig machen will, ist das vielleicht nicht die erste Idee, auf die man da so kommt...

Claudia Mika: Das stimmt wohl! Also wir sind ja derzeit im Kollektiv zwei feste Personen, Max, ich und ganz viele Unterstützer und Unterstützerinnen. Bei Max ist es so, er hat schon ganz lange an dieser Idee des alternativen Sexladens gearbeitet. Er hat einen ähnlichen Sexladen in Berlin gesehen, der heißt "Other Nature", fand das Konzept ganz gut und ist dann wirklich auch in eine Arbeit reingegangen, mit der er sich darauf vorbereitet hat. Also Max ist gelernter Paar- und Sexualberater und wird bei uns im Laden dann auch Beratungen in dem Bereich anbieten. Ich kam vor etwa 2 Jahren dazu und das eher durch Zufall - ich kam aus Prag wieder, bin in den Leipziger Westen gezogen, davor habe ich in Connewitz gelebt und hatte aber mal Lust auf was anderes. Ich wollte dann aber noch Leute im Westen kennenlernen und habe dafür die Dating-Platform "OkCupid" genutzt. Max hat mich da dann angeschrieben und dann haben wir uns kennengelernt. Und das war auch lustigerweise einer der ersten Sätze, weil wir uns in der Georg-Schwarz-Straße getroffen haben und dann hab ich gefragt:

"Ja, was machst du denn hier so?" und er darauf: "Ich hab mir hier nen Laden angeguckt". Und dann habe ich nachgehakt: "Was für einen Laden möchtest du denn machen?" und er meinte: "Einen alternativen Sexladen!".

Und du warst direkt Feuer und Flamme?

Ich fands natürlich super spannend! Wir haben uns dann auch direkt viel darüber unterhalten, über unsere Ideen und so. Und ich dachte mir zu der Zeit schon so: Irgendwann mal was Selbstständiges aufbauen, das wäre schon gut. Das kommt daher, dass ich seit 2008 immer in Start-ups oder kleinen Betrieben gearbeitet hab, in ganz verschiedenen Positionen, von Personal bis Assistenz der Geschäftsführung über Vertrieb. Da hab ich schon ganz viel gelernt und da dann also diese eher geschäftliche Start-up-Seite mit reinbringe.

Einige Leipziger und Leipzigerinnen haben ja schon einiges von euch gehört, ihr ward sogar schon mal bei uns zu Gast. Im Herbst letzten Jahres hieß es da, solle das Projekt starten. Dann wurde der Eröffnungstermin immer weiter nach hinten verschoben, im November diesen Jahres ist es jetzt aber so weit. Wie kommt es, dass das so lang gedauert hat?

Ja... die Mühlen der Bürokratie, die wir in unserer Naivität total unterschätzt haben! Also zum einen denkt man, von der Idee bis zur kompletten Planung, das würde wesentlich schneller gehen. Wir hatten auch ein Stipendium im "Social Impact Lab", das ist so ein Inkubator für soziale Unternehmen und Ideen. Dort sagte man uns am Anfang, naja, so zwei Jahre bis zur Eröffnung, das ist schon realistisch. Und ich dachte, das würde viel viel schneller gehen. Und jetzt sind es doch zwei Jahre geworden. In der Zeit haben wir ganz viel an unseren Werten gearbeitet, wie wir nach außen treten wollen, auch der Name "Voegelei", was der für uns rüberbringt, auch die Farben, die wir nutzen. Da stecken einfach immer Ideen, Konzepte und unsere Werte dahinter. Wir mussten uns als Team auch erst mal kennenlernen und finden. Hätte man auch machen können, während der Laden schon offen ist, aber ne Baugenehmigung in Leipzig, das dauert im Moment sehr lange, gerade auch wenn der Laden davor ungenutzt war und man Wände herausreißen möchte, um so größere, offenere Räume zu schaffen.

Auf eurer Website kann man lesen, dass ihr auch ein Motto habt, und zwar: sexpositiv und authentisch. Wenn man so ein bisschen darüber nachdenkt, könnte man sich auch überlegen, ein Sexladen ist ja Sex gegenüber grundsätzlich positiv gegenüber eingestellt. Was unterscheidet euch denn von so konventionellen Sexshops?

Man könnte sagen, so ein typischer Sexladen ist sexpositiv eingestellt, ja. Aber eben nicht den Menschen dahinter. Wenn man in so einen typischen Laden reingeht, dann sieht man auf vielen Produktverpackungen stereotype Körperbilder, Schönheitsideale, die aber keiner erreicht, weil es eben einfach keine reale Person auf der Abbildung ist. Es werden "normale" sexuelle Abläufe vorausgesetzt, also Hetero-Sex ist normal, alles andere irgendwie nur in komischen, anderen Kategorien zu finden. Also ich würde nicht sagen, dass jeder Sexladen sexpositiv eingestellt ist und für die Menschen dahinter, die den Sex gemeinsam erleben, positiv besetzt ist. Und das ist eigentlich das, was wir damit ausdrücken wollen.

Was werdet ihr alles so dort vor Ort anbieten? Ich denke da erst mal an eine ganze Reihe von Gadgets, die man sonst so in Sexläden kaufen kann. Gibt es bei euch irgendetwas Besonderes, habt ihr vielleicht irgendwelche Lieblingsartikel?

Wir arbeiten ganz viel mit Manufakturen zusammen und das ist uns auch sehr wichtig. Menschen, die das alles selbst herstellen mit viel Liebe und Handarbeit, auch dahinterstehen und uns dann ganz genau sagen können, was da für Inhaltsstoffe drin sind. Es gibt nämlich bisher kein Prüfsiegel für Sextoys. Dieser Aspekt ist uns also sehr wichtig. Viele Manufakturen sind auch von Frauen geleitet oder gerade im "kinky"-Bereich auch von Trans-Personen. Diese Art von Regionalität und das wir wissen, wo es her ist, das ist uns eben sehr wichtig.

Habt ihr vielleicht auch so ein, zwei Spielzeuge, die ihr besonders findet, die es nur bei euch gibt?

Naja, klar kann man sagen, dass es ein paar Spielzeuge gibt, die für viele Personen gut wirken. Gerade im Anfängerbereich. Am Ende ist Sexualität ja aber total individuell. Ich würde auch gerne davon weggehen Menschen dazu zu raten, das eine oder das andere Sextoy auf diese und jene Weise zu benutzen. Viele sehen die Sextoys dann nämlich eher als Werkzeug, als als Spielzeug. Wir wollen das einfach offener gestalten, nach dem Motto: Guck doch einfach, was dir gefällt. Probiers aus!

Was bietet ihr neben Sextoys denn noch so alles an? Es gibt ja unteranderem Beratungen, auch für Paare. Wie kann ich mir denn so eine Beratung vorstellen?

Es geht ja oft, gerade bei Paarberatungen darum, dass irgendwie die Kommunikation stehen geblieben ist. Das schlägt sich dann häufig nieder in Sex, also in sexuelle Probleme, Unlust oder auch verschiedene Lust von Partnern und Partnerinnen. Dann kann man zu uns kommen. Der erste Schritt wäre, dass man uns eine E-Mail schreibt. Die liest dann eben Max, schickt einen Fragebogen raus, den dann eben, im Falle einer Paarberatung beide Personen ausfüllen müssen. Der wird dann an Max zurückgeschickt, damit er sich auf die Beratung vorbereiten kann. Naja und dann ist es schon eine Art von Mediation, durch Max. Von einer psychologischen Beratung müssen wir uns aber schon klar distanzieren, wir sind weder Psychologen, noch Therapeuten. Die Beratung ist wirklich eher für kurzfristige Probleme in der Beziehung gedacht. Es geht also nicht um Traumabewältigung oder Ähnliches, eher vielleicht auch, wenn ich Mal was Neues ausprobieren möchte, aber mich aus irgendwelchen Gründen nicht traue, wie ich das kommuniziere. 

So eine Paarberatung mit Rabatt kostet um die 90 Euro. Das ist ja schon ein eher teurer Spaß. Darf man dann in der Sitzung auch vielleicht Toys ausprobieren oder wie kommt man am Ende so auf diesen Preis?

Ich weiß nicht genau, was Max für seine Ausbildung gezahlt hat, aber es hat unheimlich viel Geld gekostet, um da hinzukommen. Plus dann noch einige Jahre als Assistenz im Institut für Beziehungsdynamik in Berlin. Es ist aber natürlich auch der Zeit geschuldet, der Vorbereitung, der Nachbereitung. Es ist ja auch nicht so, dass kaum sind die Leute aus der Tür, dann ist das vorbei. Man setzt sich dann ja noch damit auseinander.

Neben den Beratungen gibt es bei euch ja auch Workshops, zum Beispiel Bondage-, oder Flirt-Workshops. Wie kann man denn flirten bei euch lernen?

Das Problem ist glaube ich, das ganz viele Leute Rollen spielen, wenn sie flirten, die sie immer wieder ablaufen lassen. Und dann fragen sie sich, warum es nicht klappt, warum habe ich kein Interesse geweckt? Warum ruft die Person am nächsten Tag nicht an? Was ist da los? Eigentlich dachte ich, wir haben uns ganz gut verstanden. Dabei vergisst man aber oft, selber zuzuhören, auch in sich reinzuhören. Oft lässt man immer wieder einen Film ablaufen, erzählt entweder sehr viel oder sehr wenig über sich. Da findet dann also keine authentische Begegnung zwischen zwei Menschen statt, wo beide das Gefühl haben, sich nähergekommen zu sein.

Und ihr könnt die Menschen dann unterstützen, natürlicher zu sein, und mehr in sich herein zu hören?

Genau, oder eben auch mal zu merken, dass man der Person gerade ganz genau zugehört hat und dann merkt: Hey, eigentlich will ich auch gar nicht, dass er oder sie sich morgen meldet.

Ihr bietet doch bestimmt auch Pornos an und ich wage mal zu vermuten, ein bisschen abseits vom Mainstream. 

Wir gehen in den Bereich der ethischen Pornografie, das heißt, Darsteller und Darstellerinnen werden ordentlich bezahlt für ihre Arbeit, denn Pornobusiness ist richtig viel Arbeit! Außerdem werden wir aber auch Pornos abseits von Körperidealen, mit verschiedenen Geschlechtern und so weiter anbieten, in denen echte Begegnungen stattfinden und nicht stereotype Abläufe reproduziert werden. Jeder, der mal einen konventionellen Porno gesehen hat, der kennt den Ablauf: Erst passiert das, dann das, und am Ende dann das. Das wirds bei uns nicht geben. Auf unserer Website werden wir in Kürze dann auch Links hochladen, die auf kuratierte Inhalte verweisen. 

Wie sieht es mit euer Zielgruppe aus? Möchtet ihr alle Altersgruppen ansprechen oder eher einen eingeschränkten Kreis?

Wir haben bei unserer Crowd-Funding Party gemerkt, dass es unglaublich viele Leute angesprochen hat. Ab Mitte/Ende 20, bis Ende 50, waren da Leute da, die uns unterstützt haben. Deshalb glaube ich, dass das schon ein Thema ist, das viele interessiert. Trotzdem haben wir natürlich in sofern eine Zielgruppe, dass wir Leute ansprechen, die sich überhaupt mit ihrer Sexualität auseinandersetzen wollen.

Das Image des Sexladens ist ja immer noch ein eher Schlechtes. Wie habt ihr denn vor, vielleicht die Leute zu erreichen, die sich davor noch nicht getraut haben einen Sexladen zu besuchen?

Zum einen gibt es bei uns immer die Möglichkeit anzurufen oder eine E-Mail zu schreiben und einen persönlichen Termin zu vereinbaren. Aber auch allein unser Laden an sich wird anders als ein dunkler Schuppen aussehen. Wir haben ja einen Eckladen, mit großen Schaufenstern, der einfach sehr offen wirkt. Wo wirs auch drüber versuchen wollen, sind Vorträge und Lesungen, was vielleicht dann auch noch mal ein breiteres Publikum anlockt. 

Zum Abschluss würde ich gern noch erfahren, wie denn euer Gefühl so ist. Ist es so, dass heutzutage schon offener über Sex gesprochen wird oder mit Nacktheit umgegangen wird. Mit meinen Freunden und Freundinnen rede ich da zum Beispiel total offen drüber. Ich kenne aber auch noch genug, denen das unangenehm ist. Was glaubt ihr, wie da so die Tendenz ist. Wird es wirklich positiver?

Ich glaube, es gibt Kreise, die immer voranpreschen. Da sind wir im studentischen Milieu auch glaube ich sehr privilegiert. Auch später als Akademiker und Akademikerinnen. Wir haben natürlich auch die Zeit und die Möglichkeit sich damit zu befassen. Ich glaube nicht, dass das überall so ist und das wird es auch sicher nicht sein. Viele Menschen sind auch einfach gezwungen, sich mit anderen Dingen auseinanderzusetzen.

 

 

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