Buchrezension

Großmutter erzählt von ihrer Kunst

Die „Großmutter der Performancekunst“ Marina Abramović hat sich Sterne in den Bauch geschnitten, ist über die chinesische Mauer gelaufen, hat hunderte Menschen allein mit ihrem Blick zu Tränen gerührt – und hat ihre Autobiografie geschrieben.
Marina Abramović - "Durch Mauern gehen"
Marina Abramović - "Durch Mauern gehen"

Fast siebzig Jahre Leben auf knapp fünfhundert Seiten

In Durch Mauern gehen erzählt Marina Abramović von ihrem Leben. Dabei beginnt sie mit ihrer schwierigen Kindheit in Jugoslawien, berichtet von ihren Eltern und der komplizierten Beziehung zu ihrer Mutter. Sie erzählt von ihren Affären und ihren zwei großen Lieben. Eine davon war der deutsche Künstler Ulay, mit dem sie nicht nur eine romantische Beziehung führte, sondern auch zusammenarbeitete: Gemeinsam schufen sie eine Reihe von Performances (wie Relation in Time oder Rest Energy), die sich mit Beziehungen beschäftigten. Sie erzählt auch vom schmerzhaften Ende ihrer künstlerischen und privaten Zusammenarbeit.

Sie beschreibt ihren Werdegang als Künstlerin, von der Kunstakademie in Belgrad über die Biennale in Venedig bis ins Museum of Modern Art in New York. Dort zeigte sie 2010 im Rahmen einer Retrospektive auch eine neuer Performance: The Artist is Present. Dafür saß Abramović drei Monate lang, acht bis zehn Stunden pro Tag auf einem Stuhl im Museum - ohne Essen, Trinken oder Toilettenpause. Jeder Besucher konnte sich ihr gegenübersetzen und ihr in die Augen schauen, solange er wollte. Abramović blickte einfach zurück. Viele Menschen rührte das zu Tränen. 1500 Menschen setzten sich Abramović gegenüber. Der Ansturm war so groß, dass viele sogar vor dem Museum übernachteten – nur um sich auf den Stuhl vor Abramović zu setzen.

Schnell wird deutlich, wie überzeugt Abramović von sich selbst und ihrer Meinung ist - und dass sie weiß, welchen Einfluss ihre Performances auf die Kunstwelt hatten.

Mehr denn je war ich davon überzeugt, dass das, was ich hier geschaffen hatte, eine Bestimmung hatte.

Vermutlich muss man so selbstbewusst sein, um eine Autobiografie zu schreiben. Doch vor lauter Selbstbewusstsein hat Abramović anscheinend nicht so sehr auf Sprache und Struktur geachtet: Ihr Buch liest sich wie eine lange Antwort auf eine unklare Interviewfrage, das sprachliche Niveau ist niedrig. Manchmal rutscht Abramović ins Klischeehafte ab, sehr oft gibt es abrupte Gedankensprünge und unnötiges name dropping: Sie fachsimpelt mit Joseph Beuys, ist eng befreundet mit Susan Sonntag und bringt Lady Gaga ihre selbst entwickelte Abramović-Methode näher. Sie genießt dabei offensichtlich, wie viele der Reichen, Schönen und Erfolgreichen der Kunst- und Popkulturwelt sie kennt.

Die drei Seiten Abramovićs   

Wenn Abramović sich selbst beschreibt, benutzt sie das Bild der drei Marinas: Es gibt die Kriegerin, die Spirituelle und die Jammertante:

Die Jammertante ist die, die ich zu verbergen versuche. Das ist die arme, kleine Marina, die glaubt, dass sie alles falsch macht, die Marina, die sich fett, hässlich und ungeliebt fühlt. Die sich, wenn sie traurig ist, mit schlechten Filmen tröstet, ganze Tafeln Schokolade in sich hineinstopft und so tut, als würden ihre Probleme nicht existieren.

Marina Abramović isst also manchmal auch zu viel Schokolade, während sie sich im Schlafanzug Bridget Jones anschaut? Das passt überhaupt nicht zu der mystischen Künstlerin, als die sie sich präsentiert. Aber es ist auch verdammt menschlich. Doch meistens handelt Durch Mauern gehen nicht von der Jammertante, sondern von der Kriegerin und der Spirituellen – und mit denen kann man sich weit weniger identifizieren.

Abramovićs ganzes Leben ist von einem starken Glauben an alles Spirituelle geprägt. Schon als Kind unterhielt sie sich mit Geistern, als Erwachsene zieht es sie immer wieder zu diversen Hellsehern, Mönchen und Schamanen. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum sie vieles in ihrem Leben als sehr symbolträchtig präsentiert. Das wirkt schnell gewollt und wird anstrengend, besonders für Menschen, die mit solcher Esoterik nicht viel anfangen können.

Grenzen überwinden – für die Kunst

Spiritualität und Willensstärke – diese Charakterzüge zeigen sich auch deutlich in ihren Performances. Von denen erzählt Abramović in ihrer Autobiografie ausführlich, angefangen bei ihrer ersten Performance Rhythm 10 über die gemeinsamen Performances mit Ulay und Balkan Baroque für die sie 1997 den Goldenen Löwen der Biennale erhielt bis hin zu The Artist is Present. Abramovićs Performances sind radikal, sie geht immer wieder an ihre körperlichen und geistigen Grenzen und darüber hinaus.

Ich hatte die totale Freiheit erfahren – ich hatte gespürt, dass mein Körper grenzenlos war; dass Schmerz keine Rolle spielte, dass überhaupt nichts eine Rolle spielte – und es war berauschend. Ich war wie besoffen von der überwältigenden Energie, die ich aufgenommen hatte. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich mein Medium gefunden hatte. Kein Gemälde, kein Objekt, das ich erschuf, würde mir jemals dieses Gefühl geben können, und ich wusste, dass ich dieses Gefühl immer und immer wieder suchen würde.

Und doch fällt es schwer, Abramovićs Motivation als Künstlerin zu verstehen; zu verstehen, warum sie sich diese extremen und meist schmerzhaften Performances antut – trotz einiger Erklärungsversuche. Durch Mauern gehen ist kein Buch für Skeptiker, die Erklärungen suchen. Es ist ein Buch für alle, die einen kompakten Überblick über Abramovićs Leben und ihre Performances wollen und an einen Einblick in ihre Gedanken interessiert sind. Mit ihrer Autobiografie bringt Abramović also nicht unbedingt Licht in den geheimnisvollen Nebel um ihre Person, sondern hält den Mythos Abramović aufrecht. Sie macht ihn nur etwas menschlicher.

Lara Lorenz hat Durch Mauern gehen gelesen:

Lara Lorenz spricht über Marina Abramovićs Autobiografie "Durch Mauern gehen"
0512 Literatur
 

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Lara Lorenz
06.12.2016 - 09:24
  Kultur

Durch Mauern gehen ist in der Übersetzung von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann im Luchterhand Verlag erschienen. Die Autobiografie hat 469 Seiten und kostet im Handel 28 Euro.