Frisch gepresst: Florence + The Machine

Groß wie die Hoffnung, klar wie der Tag

Florence Welch, die Pop-Nymphe. Lange hat sie uns Geschichten von Göttern und Dämonen erzählt, jetzt steigt sie hinab ins Tiefmenschliche. Florence + The Machine erzählen von Schuld, Familie und weisen Einsichten.
Mit „High As Hope“ melden sich Florence + The Machine mit einem positivien, intimen Album zurück.
Mit „High As Hope“ melden sich Florence + The Machine mit einem positivien, intimen Album zurück.

Ein Florence + The Machine-Album ist keine Sammlung von Songs, es ist eine Odyssee. Das war so bei „Lungs“, als die Band mit dem spukig-erdigen Debüt ihren Platz in der Musikwelt beanspruchte. Das war so bei „Ceremonials“, als Welch gemeinsam mit allen, die ihr ein Ohr schenkten, intensiv ihre inneren Dämonen bekämpfte. Und das war so auf „How Big, How Blue, How Beautiful“, als Florence + The Machine - so pompös und innbrünstig wie nie zuvor - Kummer und Verlust zum Thema machten und die Früchte zelebrierten, die selbst die schwierigste Lebensphase tragen kann. 


Drei Alben und drei Treffer genau ins Schwarze. Sie alle waren wortgewandt, stimmgewaltig und schmuckvoll. So sehr, dass sie Tausende in ihren Bann gezogen haben.

Die Band um Florence Welch hat ordentlich vorgelegt und sich eine dementsprechende Erwartungshaltung aufgebaut. Ein gemeinsames Release-Date mit Drake und den Gorillaz nimmt auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen Druck aus der Sache, im Endeffekt mussten sich Florence + The Machine dann aber doch ganz allein der Meinung der Öffentlichkeit stellen, als es vergangenen Freitag hieß: „High As Hope“, Album Nummer Vier ist geboren - und ab jetzt nackt und allein ein Teil dieser Welt. 



Barfuß - nicht nur auf der Bühne

Nackt ist ein hervorragendes Stichwort. Denn auf „High As Hope“ haben sich Florence + The Machine bewusst zurückfallen lassen. Ganz besonders deutlich wird das im Vergleich zum Vorgänger „How Big, How Blue, How Beautiful“ – da klang es so, als würde Florence Welch jeden Raum nur noch mit vollem Orchester betreten. Bläser und Streicher ließen Soundlandschaften aufwallen, die immer groß, aber nie kitschig waren. Welchs Texte waren gewohnt poetisch und von Metaphern durchzogen. Hinter Titeln wie „Queen Of Peace“, „Third Eye“ und „Which Witch“ hätte man eher moderne Märchen anstatt Popsongs erwartet.



Im Vergleich dazu wirkt „High As Hope“ ziemlich bodenständig. Die Songs heißen jetzt „June“, „Hunger“, „Grace“ oder „South London Forever“. Die Instrumentierung wirkt viel bewusster eingesetzt. Statt direkt zu Beginn in die Tracks einzufallen, schnellen vereinzelt schrille Streicher in die Höhe („Big God“), bilden Klavier und energisches Klatschen die Grundpfeiler und Gitarre, Schlagzeug und chorale Hintergrundgesänge verschmelzen mit der ehemals überpräsenten Harfe („100 Years“). Viele Songs steigen A capella ein, weshalb Welchs Starke Stimme lange im Fokus steht und die Atmosphäre trägt, bis sie sich schließlich aufbaut.



Vorbei der Maskenball



Auch lyrisch zeigen sich Florence + The Machine ungewohnt selbstgenügsam. Welch steht jetzt viel offensichtlicher in Zentrum ihrer eigenen Texte. Sie kämpft mit keinen Geistern und Ghulen mehr, in ihrem Bett schwimmen weder Orcas noch Weiße Haie. Die Engländerin steht sich selbst und ihrer Vergangenheit gegenüber. „Grace“ ist eine überragende Ode an ihrer jüngere Schwester. Welch beschreibt darin, wie sie im Laufe ihrer Beziehung immer und immer wieder alle Aufmerksamkeit auf sich selbst zog, sich unvernünftig und unzuverlässig benahm und ihrer kleinen Schwester Grace eher ein hilfloses Kind, als eine Bezugsperson war. Etwa, als sie an Graces 18. Geburtstag auf Acid halluzinierte:

I'm sorry I ruined your birthday, you had turned 18
And the sunshine hit me and I was behaving strangely
All the walls were melting and there were mermaids everywhere
Hearts flew from my hands and I could see people's feelings

- Florence + The Machine in „Grace“
Mit diesem Verhalten rechnet sie im Song auf gewohnt kunstvolle, aber ergreifende Weise ab. Sie entschuldigt sich offenherzig und thematisiert gleichzeitig die oft schwierige Kommunikation in ihrer Familie.


Grace, I don't say it enough
Grace, you are so loved
And you, you were the one I treated the worst
Only because you loved me the most
We haven't spoken in a long time I think about it sometimes
I don't know who I was back then
And I hope on hope I would never treat anyone like that again

- Florence + The Machine in „Grace“



Es ist ungewohnt intim, dass uns Florence Welch so viel an unserem Leben teilhaben lässt. Bisher war sie eher eine fantastische Schattenfigur, die Geschichten erzählte, welche nie ganz greifbar waren. Und plötzlich nimmt sie uns überall hin mit. In ihre Jugend in Süd-London („South London Forever“) oder zahlreiche Familientragödien wie die Scheidung ihrer Eltern oder der Suizid ihrer Großmutter („The End Of Love“). 




Eine Reise ins Innere


Florence + The Machine sind Pathos - im besten Sinne. Das ist auch bei „High As Hope“ nicht anders. Wer sich bisher an der dramatischen Ader der Band gestört hat, wird auch beim vierten Album keine Erlösung finden. Dafür wird alles ein bisschen fassbarer. Aus Erzählungen werden richtige Erinnerungen, aus Figuren reelle Personen. 

Die Band hat sich hinter ihrem Schattentheater hervorgetraut und will es ruhiger angehen lassen. Dieser Entscheidung verdanken sie einerseits ein Album, das alle Lobeshymnen wert ist. 

Andererseits ziehen sie daraus auch einen persönlichen Nutzen. Denn besonders Florence Welch war lange Zeit besorgt, ihre Arbeit könne kaum gut werden, wenn sie keine dramatischen Drogentrips, Alkoholexzesse oder toxische Liebesbeziehungen verarbeiten kann. Mittlerweile hat sie eingesehen: Glück ist das Bisschen zwischen den Extremen. Mit „No Choirs“ schließt sie das Album sanft ab, mit der Botschaft: Über zwei Menschen, die Arm in Arm fernsehen und glücklich sind, wird es niemals große Hymnen geben. Und das ist OK. Hymnen sind für alle, die noch suchen.

 

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Florence + The Machine: High As Hope

Tracklist:

1) June
2) Hunger
3) South London Forever
4) Big God*
5) Sky Full Of Song
6) Grace*
7) Patricia
8) 100 Years
9) The End Of Love*
10) No Choir

Erscheinungsdatum: 29.06.2018
Virgin EMI Records

South London Forever

Lust auf einen Besuch bei Florence Welch? Für das Kamerateam von Nowness hat die 31-jährige ihr Haus in Südlondon geöffnet und lädt zu einem kleinen Rundgang ein. Ansehen könnt Ihr das Video hier.