Literatur

The Great Nowitzki

Thomas Pletzingers Buch über Dirk Nowitzki ist keine gewöhnliche Biographie. Der Autor schildert sehr persönlich seine Beobachtungen und Erfahrungen mit Dirk Nowitzki und seiner Welt. mephisto 97.6 hat mit ihm über seinen Bestseller gesprochen.
Thomas Pletzinger
Thomas Pletzingers "The Great Nowitzki" ist gerade erschienen - und in den Bestsellerlisten weit oben.

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Ein Beitrag von Lucas Wotzka.
BmE The Great Nowitzki

Dieses Buch ist die unwahrscheinliche Geschichte von Dirk Nowitzki, der von einem schmächtigen Jungen in Würzburg-Heidingsfeld zu einem Superstar in Dallas, Texas, wurde. Der 21 Jahre lang für einen einzigen Klub spielte, der zu einer Legende seiner Sportart wurde. The Great Nowitzki.

So beginnt Thomas Pletzinger sein Buch über Dirk Nowitzki. Doch der Anfang täuscht – was folgt, ist keine chronologische Abhandlung von Nowitzkis Karriere. Thomas Pletzinger hat früher selbst Basketball gespielt, aber auch am Leipziger Literaturinstitut studiert und Romane geschrieben. Seine Methode ist fast ethnographisch: Er hat Dirk Nowitzki über Jahre begleitet und beobachtet.

Als teilnehmender Beobachter ist irgendwie das Ziel, dass man eine Fliege an der Wand ist, dass man nicht sichtbar ist, dass die Dinge fast so ablaufen, als wäre man gar nicht da. Und wenn sie sich halt verändern, dass man sich darüber im Klaren ist, dass es daran liegt, dass man anwesend ist. Und Dirk hats nicht gestört, sonst hätte er mich, glaube ich, rausgeschmissen. Thomas Pletzinger

Pletzingers Ansatz: Die eigene Vorgehensweise offenlegen und viel über sich selbst reflektieren. So ist ein Buch entstanden, das eher der Reise des Journalisten Pletzinger folgt als den Stationen von Dirk Nowitzkis Leben.

Ich wollte keine Biografie schreiben, keine offizielle Biografie, sondern ne lange Reportage.

Es gebe schon sehr viele Artikel über Dirk Nowitzki, über die Zahlen und Fakten seiner Karriere. Und über die wenigen Skandalgeschichten.

Das wollte ich aber nicht schreiben. Das interessiert mich auch letztlich nicht. Ich wollte schreiben, wie so jemand arbeitet, wie so jemand psychologisch funktioniert und mit diesen ganzen Dingen, die seine Wahrnehmung betreffen, umgeht.

Dafür holt Pletzinger sehr weit aus. Er hat mit ehemaligen Mitspielern der Dallas Mavericks und der Nationalmannschaft gesprochen, mit Freunden und der Familie Dirk Nowitzkis. Kapitelweise beschreibt er den jahrelangen Mentor und Trainer, Holger Geschwindner, und dessen Verhältnis zu Dirk Nowitzki. Thomas Pletzinger ist dabei, wenn die beiden stundenlang in staubigen Turnhallen trainieren, wenn sie jedes Detail von Nowitzkis Spiel auseinandernehmen. Er zeigt auf, wie viel Arbeit und Fleiß hinter den großen Momenten steckt. Einer dieser Momente ist Dirk Nowitzkis dreißigtausendster Punkt.

Dirk hält den Ball ein paar Zehntelsekunden, den Rücken zum Gegner, sein Blick fliegt über die Schulter, er sondiert kurz die Lage, wie er sie schon so oft sondiert hat, er braucht dazu nicht länger als dieses eine Sekundenzehntel, er sieht alle anderen neun Spieler auf ihren vorherbestimmten Positionen, er weiß, dass er nur noch Larry Nance Junior erledigen muss, also stellt er sich Larry Nance Junior zurecht. Ein, zwei, drei winzige Justierungsschritte, dann hat er ihn da, wo er ihn haben will.

Spielszenen wie diese beschreibt der Autor ausführlich, er seziert sie. So werden die Details deutlich, die Dirk Nowitzki so besonders gemacht haben.

Sobald Nowitzki auf dem Spielfeld stand, war das einfach ein völlig anderes Spiel. Man kann sich eigentlich nicht darauf einstellen als Gegner, wie so jemand spielt. Das gab’s einfach nicht.

In „The Great Nowitzki“ geht es aber nicht nur um Basketball. Unterstützt von zahlreichen Fotografien versucht Pletzinger, den kulturellen Kontext, das Phänomen Dirk Nowitzki nachzuzeichnen: Die amerikanische Sportwelt, die texanische Stadt Dallas, Dirk Nowitzkis Leben auf Hotelfluren und den Hype um seine Person.

An jeder Straßenlaterne hängen Flaggen mit seinem Gesicht, sein Lebenswerk in Zahlen und Bildern: Meister 2011, Platz 6 der ewigen Scorerliste, 14-facher Allstar und so weiter und sofort. Als erster Spieler in der Geschichte der Liga ist er seit 21 Jahren für denselben Klub aktiv, die Dallas Mavericks, auf einem riesigen Banner an der Frontseite prangt ein mehrere Stockwerke hohes Bild von Nowitzki, […] Die 41 auf dem Trikot. 21 Jahre auf dem Buckel. 1 Klub.

Angesichts dieser Erfolge erscheint der sperrige Titel „The Great Nowitzki“ nicht zu hoch gegriffen. Pletzingers Frau hat ihn vorgeschlagen – im Scherz. Thomas Pletzinger hat ihn trotzdem übernommen. Ihm gefiel vor allem der Bezug zum Klassiker „The Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald.

Ganz simpel, weil in diesem Buch The Great Gatsby der Ich-Erzähler ins Teehäuschen von dem großen Gatsby einzieht und den berühmten rätselhaften Mann aus der Entfernung betrachtet und irgendwann wird er mal zu einer Party eingeladen, dann kommt er ein bisschen näher, darf mal ins Haus gehen, dann sitzt er mal mit am Tisch. […] Und diese Erzählsituation, und diese Annäherung, ist im Great Gatsby angelegt und das fand ich interessant für meine Arbeit.

The Great Nowitzki ist zwar ein Sportbuch, aber es hat diese literarische Qualität. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Buch abwechslungsreich und packend. Thomas Pletzinger würdigt nicht jeden Moment im Detail, dafür hat es zu viele gegeben in Dirk Nowitzkis Karriere. In Pletzingers Wohnung stapeln sich die Notizbücher, er hat viel streichen müssen. Denn er hat sich auf das Wichtigste konzentriert: Seine eigene Geschichte mit Dirk Nowitzki.

 

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The Great Nowitzki von Thomas Pletzinger, mit Fotos von Tobias Zielony. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (Bild), 512 Seiten, 26 Euro.