Im Gespräch: Gabriele Leupold

Graben für eine glorreiche Zukunft

Die Sowjetunion um 1930: Von der einstigen Revolutionsbegeisterung ist nicht mehr viel übrig geblieben. Eine Zeit, die Andrej Platonow in seinem Werk "Die Baugrube" festhält. Gabriele Leupold hat die 80 Jahre alte Erzählung neu übersetzt.
Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Gabriele Leupold
Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Gabriele Leupold

Als 1917 der Zar gestürzt wurde, war das für viele Russen ein Aufbruch in eine neue Zeit und eine neue Weltordnung. Die Kommunisten versprachen den Leuten Frieden, Wohlstand und Gleichheit. Jedoch haben die Menschen recht schnell bemerkt, dass sich Ende der 20er Jahre das politische Klima in Russland veränderte. Stalin hatte nun die Macht übernommen, der erste Fünfjahresplan trat in Kraft und Millionen von Menschen litten an den Folgen des wirtschaftlichen Umbaus.

Einer von diesen Desillusionierten war auch Andrej Platonow. 1899 in Woronesch geboren, war der Russe zunächst ein Verfechter der Revolution. Im russischen Bürgerkrieg kämpfte er auf der Seite der roten Armee. Ende der zwanziger Jahre arbeitete er als Ingenieur in Zentralrussland und spürte die Folgen der Zwangskollektivierung und das Leid der Bevölkerung am eigenen Leib. Eines seiner bekanntesten Werke ist Die Baugrube, worin Platonow diese Erfahrungen literarisch verarbeitete.

 

Wer den Parteiausweis mit sich trägt, hat Enthusiasmus im Körper

Der Arbeiter Woschtschew verliert eines Morgens unerwartet seinen Job. Man sagt ihm, er würde mit seiner Träumerei den Arbeitsbetrieb aufhalten. Der "Grübler" wandert daraufhin durch die sowjetische Kleinstadt und auf ein leeres Feld, auf dem in Kürze ein „gemeinproletarisches Haus“ entstehen soll. Um seinem Öden Leben wieder einen Sinn zu geben, bittet Woschtschew darum beim Bau des Hauses mithelfen zu dürfen.

Die Kollegen mit denen er nicht nur dieses Haus, sondern auch eine bessere Zukunft aufbauen soll, sind ein Abriss der sowjetischen Gesellschaft der späten 20er Jahre. Die Truppe setzt sich aus Veteranen aus Welt- und Bürgerkrieg zusammen, aus Ingenieuren, Parteifunktionären und einfachen Arbeitern. Einige wollen wie Woschtschew der Sinnlosigkeit entfliehen, andere glauben mit ganzem Herzen an den Aufbau einer besseren Gesellschaft, die mit dieser Baugrube ihren Anfang nimmt.

Wer den Ausweis der Partei in den Hosen trägt, muss sich unablässig sorgen, dass im Körper Enthusiasmus ist. Ich rufe Sie auf, Genosse Woschtschew, zu wetteifern um das höchste Glück der Stimmung!

Auch ein Bär, der in der Schmiede des Dorfes arbeitet, zählt zum Figurenrepartoit. Solche skurrilen Bilder sind in "Die Baugrube" keine Seltenheit. Der Bär etwa ist seit jeher ein Symbol Russlands. Die sind zudem gespickt mit religiösen und zeitgeschichtlichen Anspielungen des Russlands der 20er Jahre. Wie absurd das mitunter anmutet wird besonders in der Sprache der Erzählung deutlich.

 

Sowjetische Sprachverwirrung

Die Sprache ist nämlich der eigentliche Protagonist in "Die Baugrube". Als sich die Revolution in den 20er Jahren in Russland ausbreitete, sprachen die Parteifunktionäre in ihrem ganz eigenen Jargon. Der war durchwachsen mit philosophischen und politischen Kampfbegriffen, der für das einfache Volk häufig schwer zu verstehen war.

Diese Sprachverwirrung versucht Platonow zu emulieren, indem er diese Revolutionssprache mit der Sprache der Landbevölkerung durchmischt. Herauskommt ein geradezu absurd anmutendes Kauderwelsch, in dem sich religiöse Bilder neben kommunistischen Parolen vermischen – herauskommt eine Sprache, die selbst die Menschen in der Erzählung nicht so recht zu beherrschen scheinen.

Wisst ihr nicht, was, Genossen – werden sie mich verhaftieren in den Bastschuhen oder nicht anrühren  ?«, fragte der Alte. »Heute läuft ja schon der Allerletzte in Lederschäften  ; die Weiber sind ihr Lebtag in den Röcken blank gelaufen, und jetzt hat auch jede unterm Rock eine Blümchenhose – schau her, wie das interessant jetzt ist !

Aus heutiger Sicht ist Die Baugrube eine Art Zeitkapsel. Figuren nehmen direkt Bezug auf Reden und Beschlüsse, die in den 1930er Jahren in der Sowjetunion aktuell waren. Bei den vielen Anspielungen bekommt man mitunter das Gefühl, man müsse Professor der Slawistik sein um jeden Seitenhieb zu verstehen. Nicht ohne Grund haftet Platonows Die Baugrube das Stigma der Unübersetzbarkeit an.

 

Wie übersetzt man ein unübersetzbares Buch?

Gabriele Leupold hat die Übersetzung in Angriff genommen. Für sie war es eine nahezu unmögliche Aufgabe. Es war nicht nur die Arbeit am Text – Leupold musste sich auch mit dem Autor und seinem Leben beschäftigen. Erst nach ihren Recherchen konnte sie nachvollziehen und verstehen, wie Platonow seinen Text gemeint hat.

 

Im Gespräch mit Moderator Yannick Jürgens hat Gabriele Leupold über ihre Übersetzungsarbeit und ihren persönlichen Bezug zu „Die Baugrube" gesprochen.

Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Gabriele Leupold
Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Gabriele Leupold
 

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Gabriele Leupold wurde 1957 in Niederlahnstein geboren. Sie studierte Slawistik und Germanistik und arbeitete anschließend an der Universität Konstanz. Nach einem Forschungsaufenthalt an der Moskauer Lomonossow Universität und einem Lehraufenthalt für Deutsch als Fremdsprache in Japan abreitet sie hauptsächlich als Übersetzerin. Sie spezialisierte sich sie sich auf das Übersetzen literarischer und künstlerischer Texte aus dem Russischen und Polnischen.

 

Andrej Platonow wurde 1899 im russischen Woronesch geboren.  Ab 20er Jahren begann er Erzählungen und Gedichte zu schreiben. Diese setzten sich kritisch mit der Zwangskollektivierung und dem beginnenden Stalinismus auseinander. Anfang der 30er Jahre wurde die Veröffentlichung seiner Werke verboten und erst während der Tauwetterperiode wiederentdeckt. Er starb 1951.

 

"Die Baugrube"

Erscheinungsdatum: 12.12.16

Preis: 24€

Umfang: 240 Seiten

Verlag: Suhrkamp