Albenrezension: Tommy Genesis

God Sent

„I'm never what you'll expect but I'm always myself.“ Das schreibt die selbsternannte „Fetischrapperin“ Tommy Genesis auf Twitter. Den Beweis dazu und viele coole Songs findet man auf ihrem neuesten Album.
Tommy Genesis Bild
Tommy Genesis

Der erste Eindruck kann so schön täuschen. So vor allem auch bei Tommy Genesis. Hinter ihren Bambiaugen, der blonden Mähne und dem Schulmädchencharme steckt nämlich noch viel mehr. Genauer gesagt eine wahre Powerfrau, die mit ihren sexuell aufgeladenen Texten und Lyrics wie „Play wit' the pussy, wanna play wit’ the pussy" (Song: Play with it) in der sonst so männerdominierten Rapwelt definitiv für Abwechslung sorgt. Während es für Männer als vollkommen normal gilt über Sexualität zu rappen, gilt dies für Frauen noch lange nicht. So sind etwa im vom Magazin Complex publizierten Artikel „50 Greatest  Rap Songs About Sex“ überraschenderweise nur neun Künstlerinnen vertreten – Features mitgezählt.

I'm a musician.

Genesis Yasmine Mohanraj, wie Tommy Genesis gebürtig heißt, ist eine kanadische Rapperin (aber auch Model und Visual Artistin) und in Vancouver, British Columbia geboren. Ihr erstes Album veröffentlichte sie 2015 unter dem Namen „World Vision“, doch auch vorher war sie bereits musikalisch aktiv, wie etwa in diversen Punk&Emo Bands und dem experimentellen Rap Duo Moan.

I'm a musician. I really am a musician. I play piano, I write everything. I'm very involved in the production.

I'm immersed in everything I do. I'm a creative.

Tommy Genesis im Interview mit "Clash"

Kreativ ist sie definitiv, studierte Film und Skulptur an der Emily Carr University of Art&Design und lebt eben diese kreative Ader auch in ihren Musikvideos aus.

 

Wie auch im zum neuen Album erschienenen Kurzfilm „God is Wild“. Tommy Genesis und Gott? Wie das zusammenpasst? Immerhin ist die Rapperin offen bisexuell. Hört man jedoch genauer hin, bemerkt man ihre Verbindung zur Religion. So lernten sich ihre Eltern etwa in der Kirche kennen und auch der Name Genenis hat einen biblischen Ursprung. Ihr neues Album startet sie mit dem Titel „God Sent“ und gleich die erste Phrase „I'm in my feelings like woah“ bestimmt den Ton des Albums.

Feminismus, Fun und Freiheit

Gefühle oder eben auch das Nicht-Empfinden dieser „He knows I know that it's not love“ (Song: Naughty) sind  das Albumthema. Genesis selbst beschreibt dies so:

„I make art rap. I make songs that don't even necessarily relate back to real life situations, it's just how I'm feeling... I'm moody, I'll just make moods.“

Tommy Genesis im Gespräch mit Highsnobiety

Obwohl Tommy Genesis ihrerseits ihre Platte als „not that deep“ bezeichnet, lassen sich doch eigene Statements aus den Songs entnehmen. Im Clubbanger „100Bad“ mit CharliXCX als Feature kritisiert Genesis in ihrem dazugehörigen Video den sogenannten „male gaze“, das heißt das Phänomen der Sexualisierung des Frauenbildes in Filmen. So liegt Tommy in einem Meer aus quietschend pinken Tampons, befriedigt sich mit Dollarscheinen und als Finale gibt es eine Champagner Ejakulation.

Tommy Genesis - das ist self-empowerment pur. Tommy ist selbstbewusst, steht dazu und ist somit auch ein gutes Vorbild für Frauen, die vielleicht öfter mal an sich zweifeln. Mit Songs wie „Tommy“, welcher bereits 2017 erschien und jetzt nochmal mit auf dem Album vertreten ist, steht die Künstlerin für taffes, starkes Auftreten. „Nobody fuck like Tommy, Nobody talk like Tommy, Nobody walk like Tommy“ - deutlicher geht es nicht.

Ähnlich ist ihr Song „Daddy“, welcher mit Lyrics im Stil von „He like me better with no makeup“ zeigt, dass Imperfektionen gerade erstrebenswert sind. „Can you fill my needs? 'Cause I'm too much to handle“ - Genesis ist anspruchsvoll, schwierig und dennoch gerade darauf stolz.                   

Soundexperimente

Mit ihrem Album „Tommy Genesis“ hat die gleichnamige Künstlerin wieder einmal Musik geschaffen, die sich nicht in ein spezifisches Genre einordnen lässt. Als Rapperin mit ihrer Karriere 2015 gestartet, lassen sich mittlerweile auch Pop-Einflüsse nicht leugnen. Speziell in der zweiten Hälfte des Albums findet man vor allem ruhigere Balladen wie „You know me“ oder „Naughty“.

Genauso sind jedoch auch trappige Tracks mit einheizenden, mystischen Charlie-Heat-Beats wie „Rainbow“ oder „Tommy“ vorhanden, die durch ihren repetitiven Charakter durchaus Ohrwurmmaterial bieten. Weiterhin wäre Tommy Genesis natürlich nicht sie selbst, wenn sie nicht auch der Experimentierfreude Spielraum gelassen hätte. So startet „Daddy“ mit einem 15 Sekunden andauernden Stöhnen und in „Tommy“ schreit sie über den fortlaufenden Beat.

Fazit

Tommy Genesis, ebenso wie ihr gleichnamiges Album, ist vielfältig und genau das macht ihre Anziehungskraft aus. Da ist nun einmal die Tommy, die sich im S&M-Outfit im Musikvideo zu „Tommy“ im Käfig räkelt, aber auch die Tommy, welche mit Hingabe den Kontakt zu Fans über Twitter pflegt, die ihre 14-jährige Schwester als ihre absolute Lieblingsperson bezeichnet, und die sich zwar als stolz, aber dennoch als schüchtern bezeichnet.

Ob man dem Dazed Zitat von 2016 über Tommy Genesis als „the internet's most rebellious underground rap queen“ zustimmen sollte oder nicht, ist zu hinterfragen – fest steht jedoch: das Album fetzt!

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Nele Rebmann
19.11.2018 - 14:57
  Kultur

Tommy Genesis: Tommy Genesis

Tracklist:

1. God Sent

2. Rainbow

3. Bad Boy

4. 100 Bad (ft. Charly XCX)

5. Daddy

6. Play With It

7. You Know Me

8. Naughty (ft. Empress Of)

9. Drive

10. It´s Ok

Erscheinungsdatum: 09.11.2018
Downtown Records