DOK Rezension

Globale Macht

"Das Kongo Tribunal" ist ein Theaterstück, ein Film und noch viel, viel mehr: Er zeigt auf, wie sehr postkoloniale Strukturen, Korruption und ökonomische Macht ein ganzes Land im Griff haben.
Die Jury in "Das Kongo Tribunal" fällt ein Urteil, das nicht vollstreckt werden wird.

Mutarule ist ein Dorf im Osten des Kongos. Es ist Nacht – im Krankenhaus liegt eine Frau gerade in den Wehen. Plötzlich stürmen Söldner einer Miliz das Dorf. Sie stechen der Frau in den Bauch, das Kind stirbt dabei. Etwa 35 Opfer fordert der Überfall auf Mutarule. Es ist schon das dritte Massaker innerhalb von 2 Jahren. Und Mutarule ist nur ein Beispiel für die Gewalt im Kongolesischen Bürgerkrieg, der inzwischen 20 Jahre dauert. Doch warum kehrt kein Frieden in der Region ein?

Raum für Diskussionen

Genau dieser Frage geht Milo Raun in seinem Theaterstück "Das Kongo Tribunal" auf den Grund. Das Massaker in Mutarule ist dabei nur einer von drei Fällen, die exemplarisch betrachtet werden. Doch eigentlich ist es kein richtiges Theaterstück, denn die Juristen, Experten und Zeugen sind echt – genau wie alle vorgebrachten Fakten. Nur der Prozess an sich ist fiktiv. Auswirkungen hat er trotzdem: Denn auch ein Film sollte das Stück dokumentieren und alle Beweise aufführen. Noch vor der Premiere an verschiedenen Orten im Kongo gezeigt, verlieh er der Bevölkerung in Süd-Kivu eine Stimme, der die Politiker Gehör schenken mussten. Dabei folgt "Das Kongo Tribunal" dem Vorbild des „Russell-Tribunals“, das die Kriegsverbrechen US-amerikanischer Truppen im Vietnamkrieg untersuchte. Der geschäftsführende Präsident des Tribunals war übrigens damals der französische Philosoph Jean-Paul Sartre

Der Film "Das Kongo Tribunal"

Die Dokumentation schafft es – mehr als das Stück selbst – die Geschehnisse im Kongo an den Zuschauer heranzutragen. Er löst sich aus seiner passiven Rolle und wird Teil der Jury, denn der Film zeigt auch ihm die Beweise und Geschehnisse direkt auf. Es ist ein anderes Gefühl als bei einem Stück im Publikum zu sitzen. Die Basis beider Darstellungsformen ist allerdings dieselbe: beide versuchen die Machtkonstellationen im Kongo offenzulegen. Dabei werden, wie auch im Stück, exemplarisch drei Fälle analysiert. „Das Kongo Tribunal“ ist eine bildgewaltige Sektion der Zustände in Süd-Kivu. Immer wieder wechselt das Dargestellte zwischen filmischen Aufnahmen im Kongo, den Verhandlungen und beeindruckenden Landschaftsbildern. Doch das Visuelle tritt bei "Das Kongo Tribunal" sehr schnell auch in den Hintergrund, denn der Film zeigt, wie Einflüsse der Globalisierung mit postkolonialen Strukturen zusammenwirken – und wer die Leidtragenden dessen sind. Dabei lässt der Film dem Zuschauer allerdings Luft um eigene Schlüsse zu ziehen – anstatt eine Meinung vorzuprägen.

 

Kommentieren

Sophie Schröder
16.11.2017 - 11:50
  Kultur