Theater

Glitzern im Schnürgewirr

Das Schauspiel Leipzig bringt Lutz Seilers Roman „Kruso“ und die Uraufführung von Till Müller-Klugs „Der Minusmensch“ auf die Bühne – und zeigt damit zwei ganz unterschiedliche Utopien.
"Kruso" im Schauspielhaus
"Kruso" im Schauspielhaus

Blickt man bei gutem Wetter auf das Meer, wirft die Sonne einen gleißenden Streifen auf das Wasser. Auch auf der Bühne des Leipziger Schauspielhauses sieht man dieses schimmernde Lichtband. Mal glitzert es über den Köpfen der Schauspieler, mal auf Höhe der Knie. Es ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus Bühnenbild und Licht, mit dem Olaf Altmann und Jörn Langkabel das Meer auf die Bühne zaubern. Bühnenbildner Altmann hat über die ganze Bühnenfläche wäscheleinendicke Schnüre vertikal vom Boden in den Himmel gespannt, in denen der Beleuchter Langkabel sich seine Lichtwellen verfangen lässt. Im Stück sind es die Wellen der Ostsee, die da glänzen, das Meer vor Hiddensee.

Wolkenarmes Hiddensee

Folgt man der Leipziger Bühnenadaption von Lutz Seilers Roman „Kruso“, dann müssen wir uns Hiddensee zu DDR-Zeiten offenbar als besonders wolkenarm vorstellen, denn meist ist der leuchtende Streifen zu sehen, scheint also die Sonne. Die Gemüter der Inselbewohner sind in der Inszenierung vielleicht nicht gerade sonnig, aber doch eher heiter als wolkig. Mit einem untergründigen Lächeln treten die Mitarbeiter des „Klausners“ auf, die Besatzung des schiffartigen Betriebsferienheims auf den Klippen: Zimmermädchen (Ellen Hellwig), Koch (Andreas Keller), Kellner (Dirk Lange), Eisverkäufer (Markus Lerch). In ihrem Grinsen liegt ein Geheimnis, ein verborgenes Wissen um die Besonderheiten der Insel. Hiddensee ist ein Außenposten der DDR, von hier starten viele Fluchtversuche auf die nahegelegene dänische Insel Møn. „Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten“, heißt es.

Am Abwasch

Zu diesen Verlassenen gehört auch Edgar, genannt Ed, Germanistik-Student aus Halle. Nach dem Tod seiner Freundin und seines Katers kommt er mit Freiheitsdrang im Gepäck nach Hiddensee und landet im Abwasch des „Klausners“. Sein Chef dort ist Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, mit dem ihn bald eine innige Freundschaft verbindet. Kruso verkörpert Anja Schneider aus dem Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin, die regelmäßig Gastrollen in Leipzig übernimmt (zuletzt in „Zeiten des Aufruhrs“). Diesmal steht sie im weiten blauen Hemd, mit großer Brille und zusammengebundenen Haaren auf der Bühne und lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass sie Kruso ist. Anja Schneider durchdringt die Rolle auf so intensive Weise, dass überhaupt nicht auffällt, dass hier eine Frau einen Mann spielt. Jede Bewegung, jeder Blick, jeder Satz fügen sich in eine sympathisch-beeindruckende Theatererscheinung. Anja Schneiders Schauspielkunst macht einen großen Teil der Freude an diesem Theaterabend aus.

Andreas Keller, Florian Steffens und Anja Schneider in "Kruso"
Andreas Keller, Florian Steffens und Anja Schneider in "Kruso"

Der Wirklichkeit entrückt

Daneben hat es Florian Steffens aus dem Leipziger Ensemble als Ed schwer. Die stille Wucht traurig-unsicherer Entschlossenheit, die die Figur im Roman auszeichnet, lässt er nur erahnen. Anders als Schneider durchlebt er seine Figur nicht ganz. Er bemüht er sich eher um eine äußerliche Sichtbarmachung von Charaktermerkmalen – anfangs monologisiert er mit robotersteif hängenden Armen. Seine weiße Schminke entrückt ihn der Wirklichkeit; schwer ist es, seinen Ausführungen zu folgen, die eher aufgesagt als gesprochen klingen. Anders bei Anja Schneider: Von ihren Lippen kann man sich nicht lösen – so mitreißend führt sie in die Kunst des Abwaschens ein, so humorvoll spricht sie über ihr kleines Glück.

Fortgespülte Küste, überflutendes Telefonat

Ein Ereignis der Inszenierung ist die Rückkehr von Berndt Stübner, der 2013 lautlos von der Leipziger Bühne in den Ruhestand verschwunden war. Mit ihm bekommt der Direktor des „Klausners“ einen gesetzten und warmen Tonfall. Zwar wirkt er wie ein Fels in der Brandung, doch auch an ihm prallt nicht alles ab. Wie das Wasser die Küste fortspült, so überflutet ihn ein Telefonat, das seine Entlassung verkündet. Mit dem Telefon in der Hand verheddert sich Stübner in den Schnüren und bleibt darin hängen.

„Chor der Schiffbrüchigen“

Immer wieder finden der Regisseur Armin Petras und der Choreograf Denis Kuhnert solche stimmigen Bilder. Das Schnürgewirr bremst die Bewegungen der Schauspieler, so wie Lutz Seilers Sprache – für die er 2014 den Deutschen Buchpreis bekam – das Sprechen bremst. Im ersten Teil geht es eher gemächlich zu. Ein sechsköpfiger „Chor der Schiffbrüchigen“, bestehend aus den Schauspielstudenten Alina-Katharin Heipe, David Hörning, Jonas Koch, Ferdinand Lehmann, Elias Popp und Nina Siewert, bevölkert die Bühne mit genügsamer Zurückhaltung.

Verwirrendes Gewusel

Leider verliert die Inszenierung nach der Pause die erzählerische Geradlinigkeit des ersten Teils. Zwar finden Petras und Kuhnert auch hier tolle Bilder. Doch worum es dabei geht, wird aus der Inszenierung selbst nicht deutlich. Die Besonderheit der Insel als eingeschworene Gemeinschaft, als Refugium der Freiheit, das dadurch entsteht, dass man eben nicht nach Dänemark flieht, sondern dableibt, erklärt sich mit Programmheft und Romankenntnis, wird auf der Bühne aber nicht in seiner Existenzialität spürbar. Mit verwirrendem Gewusel gibt der Theaterabend die stringente Erzählung auf, schafft es aber auch nicht, die Utopie des Romans anderweitig zu vermitteln.

"Der Minusmensch" in der Diskothek des Schauspiel Leipzig
"Der Minusmensch" in der Diskothek des Schauspiel Leipzig

Während „Kruso“ den Blick zurück wirft, schaut die zweite Aufführung des Leipziger Premierenwochenendes nach vorn. Jedenfalls wünscht man sich, dass „Der Minusmensch“ in der Zukunft spielt, denn das Stück von Till Müller-Klug, das in der Diskothek des Schauspielhauses zur Uraufführung kommt, ist beängstigend. Es findet statt in einem weiß-blau-sterilen Bühnenraum von Silke Bauer, der eine hochgestylte Arztpraxis zeigt – einerseits in Abwaschbarkeitslook, andererseits mit Gemütlichkeitsvehikel-Flauscheteppich. Wie in den echten Design-Arztpraxen dieser Tage dudelt hier autobahnraststättentoilettenhafte Musik und es gibt eine Klappe, in der all das diskret entsorgt werden kann, was dem Raum eine menschliche Erscheinung geben würde.

Die Wundernisse der Reproduktionsmedizin

Alles Menschliche bleibt draußen – auch die Menschlichkeit. Denn der Text erzählt uns von den Wundernissen der Reproduktionsmedizin, die es möglich macht zu gebären wann, wo und von wem man will. Diese Flexibilität ist für die Figur „Sie“ sehr wichtig. Sie ist „eine ziemlich taffe Business-Bitch“, meint der Assistent des Arztes, zu dem sie kommt, um ihrem Kinderwunsch nachzukommen. Das Kinderkriegen hat sich ihren Karrierebedürfnissen unterzuordnen und muss vollständig kontrollierbar sein. Das ungeborene Kind wird zu einem Spielball, mit dem man ungehindert jonglieren kann – so wie die Finanzwelt mit Millionen jongliert. Till Müller-Klug verbindet in seinem klugen Stück beides: die moderne Medizin und die moderne Finanzwelt.

Michael Pempelforth und Sophie Hottinger in "Der Minusmensch"
Michael Pempelforth und Sophie Hottinger in "Der Minusmensch"

Ein echter Theatertext

Anders als viele der Texte, die sonst in der Diskothek des Schauspiels zur Uraufführung kommen, ist „Der Minusmensch“ wirklich ein Theatertext mit Dialogen und Monologen. Auf beklemmende Weise führt er vor Augen, was schon bald Wirklichkeit werden könnte oder schon Wirklichkeit ist. Trotzdem ist es ein amüsantes Stück. Dem wird auch die Regie von Steffen Klewar mit vielen kleinen Einfällen gerecht. Den Arzt von Michael Pempelforth lässt er Kinderschokolade essen. Brian Völkner darf sich als Assistent beherzt in viele Rollen stürzen. Sophie Hottinger, die „Sie“ spielt, bekommt eine Krone aufgesetzt und wird so zur eisigen Schneekönigin. Mit Tragikomik spielt der Abend, wenn ein Homunculus-Kinderchor „Who wants to live forever“ von Queen singt.

Abstrakter Kunstraum

Ian Purnell untermalt die Inszenierung mit Videos von Schneelandschaften und Szenen, die Hollywood und die Werbeindustrie zugleich persiflieren. Gegen diese aufwendigen Großprojektionen wirken die echten Bühnenschauspieler manchmal etwas schwach. Sophie Hottinger schafft es nicht vollends, ihre Figur glaubhaft lebendig zu machen. Auch Michael Pempelforth und Brian Völkner ziehen mit ihrer nach James Bond aussehenden Gestik und Mimik, die Geschichte eher in einen abstrakten Kunstraum. Eine diesseitigere Verhandlung des Stoffs, der die Utopie als Realität zeigt, hätte noch kraftvoller sein können.

Moderatorin Eva Wittekind im Gespräch mit Julien Reimer über die Premieren von "Kruso" und "Der Minusmensch"
Moderatorin Eva Wittekind im Gespräch mit Julien Reimer über die Premieren von "Kruso" und "Der Minusmensch"
 

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Die nächsten Aufführungen von "Kruso":

Sa, 29. Oktober 19:30 Uhr

So, 30. Oktober 16:00 Uhr

Sa, 19. November 19:30 Uhr

So, 20. November 16:00 Uhr

Do, 01. Dezember 19:30 Uhr

Fr, 02. Dezember 19:30 Uhr

Mehr Informationen gibt es hier.

Die nächsten Aufführungen von "Der Minusmensch":

Mi, 12. Oktober 20:00 Uhr

Sa, 29. Oktober 20:00 Uhr

Do, 03. November 20:00 Uhr

So, 20. November 20:00 Uhr

Mehr Informationen gibt es hier.