Filmrezension

Gewalt säen und ernten

Er galt als einer der wichtigsten Filme der diesjährigen Oscar-Saison. Am Ende wurde "The Birth Of A Nation" jedoch mit keiner einzigen Nominierung berücksichtigt. Nun läuft das kontroverse Sklaverei-Drama auch in den deutschen Kinos.
Nate Parker in "The Birth Of A Nation"
Nat Turner zettelt einen Aufstand an

Der Sklave Nat Turner (Nate Parker) durfte als Kind das Privileg genießen, das Lesen zu lernen. Jahre später arbeitet er auf den Baumwollplantagen für seinen Master Samuel Turner (Armie Hammer). Der muss versuchen, die rebellischen Sklaven in der Region zu beruhigen. So entscheidet Samuel kurzerhand, dass Nat für ihn als Wanderprediger arbeiten soll. Nat soll dabei die anderen Sklaven davon überzeugen, dass diese sich ihrem angeblich von Gott gewollten Schicksal fügen. Bei seiner Arbeit wird Nat jedoch mit unfassbaren Grausamkeiten konfrontiert, die anderen Sklaven von deren Herren angetan werden und die ihm unter seinem verhältnismäßig gütigen Master bisher eher fremd waren. Von dem ganzen Leid, das er überall zu sehen bekommt, tief bewegt, entschließt sich Nat zu einer waghalsigen Tat. Im Jahr 1831 zettelt er einen brutalen Sklavenaufstand an, der auf beiden Seiten ungeheure Opfer fordert...

Jede Menge Diskussionsstoff 

Sklaverei, Religion und eine große Heldengeschichte: "The Birth Of A Nation" vereint alles, was man für einen großen Oscar-Erfolg benötigt. Dass er bei der diesjährigen Verleihung dann nicht einmal mit einer Nominierung berücksichtigt wurde, liegt offensichtlich an dem Skandal rund um Regisseur Nate Parker. Der hat 1999 angeblich mit seinem damaligen Mitbewohner eine Studentin vergewaltigt. Bis heute wurde die Tat nicht wirklich aufgeklärt. Fakt ist, dass Parker ohne Beweise freigesprochen wurde und es nie zu einem zweiten Prozess kam, weil das vermeintliche Opfer nicht erneut aussagen wollte und vor einigen Jahren Selbstmord beging. Mit Parkers Ruhm wurde nun auch diese skandalöse Geschichte wieder hervorgekramt - mit fatalen Folgen für den Film. Nachdem er beim Sundance-Festival noch mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde, wurden kurze Zeit später Plakate des Films beschmiert und viele Leute boykottierten den Historienfilm. Eine große Debatte folgte, ob man einen potenziellen Vergewaltiger mit dem Kauf einer Kinokarte unterstützen sollte. Vor diesem Hintergrund wirkt "The Birth Of A Nation" tatsächlich ziemlich unangenehm. Parker, der auch die Hauptrolle spielt, inszeniert sich selbst beinahe als gottgleiche Figur, die zu allem Überfluss auch noch seinen Master dazu überredet, für ihn eine Frau auf dem Sklavenmarkt zu kaufen. Nichtsdestotrotz sollte man den Film nicht im Voraus aufgrund dieser Stigmatisierung verurteilen. Am Ende bleibt "The Birth Of A Nation" trotzdem ein wichtiger Film. Wichtig daher, weil die Figur des Nat Turner und dessen Tat kaum bekannt ist und ihr mit diesem Film nun endlich eine verdiente Bühne geboten wird. 

Uninspirierte Geschichtsstunde

"The Birth Of A Nation" ist ein sehr aufwendig inszenierter Film. Die Bilder sind durchweg beeindruckend und bauen von Anfang an eine sehr stimmungsvolle Atmosphäre auf. Auch schauspielerisch zeigt vor allem Nate Parker in der Hauptrolle eine starke Leistung, die ohne den Skandal sicherlich heißer Anwärter auf den diesjährigen Oscar für den besten Hauptdarsteller gewesen wäre. Das Problem des Films ist nur, dass das Drehbuch durch und durch voller Klischees steckt. Regisseur Parker weiß mit all diesen Klischees und altbekannten Bildern nichts anzufangen. Wo Quentin Tarantino in "Django Unchained" noch mit originellem Humor und Hip Hop-Songs das Genre auf den Kopf stellte und der Oscar-Gewinner "12 Years A Slave" mit eindringlich brutalen Szenen dem Zuschauer die emotionale Tragweite dieses Kapitels in der Geschichte vor Augen führte, wirkt "The Birth Of A Nation" absolut unnahbar und beinahe etwas belanglos. Fragwürdig ist dabei vor allem die Darstellung der erfolglosen Rebellion in der zweiten Hälfte des Films. Parker zeigt extrem blutige Bilder, lässt dieses reale Ereignis aber zu nüchtern im Raum stehen. Die Musik suggeriert permanent großes Drama und versucht verzweifelt, dem Zuschauer Emotionen abzuringen. Dass bei dem niedergeschlagenen Aufstand jedoch auf beiden Seiten unzählige Menschen brutal niedergemetzelt wurden und bis heute unklar ist, ob diese Auflehnung überhaupt irgendetwas Positives bewirkt hat, wird kaum beleuchtet. So bekommt der Zuschauer am Ende eine brutale, filmisch solide gemachte Actionsequenz zu sehen, emotional greifbar wirkt der ganze Film jedoch nicht.

Fazit

The Birth Of A Nation ist handwerklich gut gemachtes Historienkino, über das man (auch ohne Berücksichtigung irgendwelcher Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Regisseur) lange diskutieren kann. Wer sich für die Thematik interessiert, sollte also durchaus einen Blick riskieren. Am Ende ist Nate Parkers kontroverser Film jedoch zu belanglos und engstirnig erzählt, um in seinem Genre noch länger im Gedächtnis zu bleiben.

 

 

Kommentieren

Regie: Nate Parker

Laufzeit: 120 Minuten

FSK 16

Genre: Historienfilm, Drama

Cast: Nate Parker, Armie Hammer, Penelope Ann Miller, Jackie Earle Haley, Aunjanue Ellis etc.