Olympische Winterspiele 2018

Geteilt vereint

Freitag sind die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang eröffnet worden. Mit dabei: nordkoreanische Athlet*innen. Sie liefen unter einer Flagge mit den Südkoreanern ein. Parallelen zu den Olympischen Sommerspielen 1972 in München sind zu erkennen.
Olympische Spiele München 1972
Eine Briefmarkensonderausgabe zu den Olympischen Spielen im Sommer 1972 in München.

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Ein Beitrag von Lisa Albrecht
0902 Olympia Südkorea

Zwei Systeme, zwei Staaten, aber ein Volk – die koreanische Halbinsel ist seit 1948 geteilt. Auch Deutschland war einmal ein geteiltes Land. Bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München wurde das, wie bei jedem internationalen Sportwettkampf, besonders deutlich. Damals war auch DDR-Turner Wolfgang Thüne dabei. Gegen den „Klassenfeind“ BRD anzutreten sei für die DDR eine riesige Herausforderung gewesen.

Unsere Hauptaufgabe dort war unsere sportliche Überlegenheit gegenüber dem Westen zu beweisen. Und das ist dann eigentlich auch mit Nachdruck gelungen.

Wolfgang Thüne, DDR-Turner

Die Sportler der DDR holten in diesem Sommer insgesamt 66 Medaillen, die BRD-Athleten gewannen zusammen 40 Stück. Doch es ging nicht nur um das Gewinnen von Medaillen. Michael Krüger, Sporthistoriker an der Universität Münster ist der Überzeugung, dass internationale Wettkämpfe immer eine politische Relevanz haben. Ob Sport nun generell eine politische Angelegenheit ist, sei dabei eine andere Frage.

Keine politische Grundidee

Krüger nimmt auch Bezug auf Pierre de Coubertin, den Gründer des IOC (International Olympic Committee). Als er das Komitee 1894 ins Leben rief, habe er keine große politische Dimension im Kopf gehabt. Für Coubertin haben die Idee der Begegnung, des Kennenlernens und der Respekt voreinander im Vordergrund gestanden. Die Umsetzung dieses Gedankens war in der Realität allerdings schwerer umzusetzen als in der Theorie. Für Wolfgang Thüne und seine Mitstreiter*innen gab es im Vorfeld Info-Veranstaltungen, wie sie sich im westlichen Ausland zu verhalten haben - besonders in der BRD.

Weil ja eben die Gefahr, dass man dieselbe Sprache sprach, Kontaktaufnahme leichter machte, als wenn man jetzt in England, Frankreich oder Japan ist.

Diplomaten im Trainingsanzug

Nur kurze Grüße waren erlaubt, gerade genug, um nett und höflich zu sein. Annäherungen waren da schwer. Für die DDR waren ihre Sportler vielmehr „Diplomaten im Trainingsanzug“. Sie sollten die internationale Anerkennung auf dem Sportplatz erreichen. Die Olympiade sei benutzt worden, um ein postives Bild von Deutschland zu schaffen, so Thüne.

Die DDR zu der Zeit war ja international nicht hoch anerkannt. Und wir als aktive Leistungssportler hatten dann die Aufgabe durch sportliche Erfolge die Überlegenheit des Sozialismus, Kommunismus und der DDR zu repräsentieren.

Olympia als Bühne

Staaten, die international wenig anerkannt sind, nutzen nationenübergreifende Wettkämpfe zur Repräsentation. Laut Petra Tzschoppe, Sportsoziologin von der Universität Leipzig, habe das mit der Aufmerksamkeit zu tun, die Wettbewerbe wie die Olympischen Spiele generieren. Durch das Dabeisein, Erreichen von Podestplätzen und das Spielen von Hymnen werde Nationen eine große Bühne geboten. Deshalb sei Sport niemals „nur“ Sport, vor allem nicht bei den Olympischen Spielen. Ein Grund für Tzschoppe, dem Geschehen in Pyeongchang eine große Bedeutung beizumessen. Was dort geplant ist, sei der Versuch zwei einander nicht in großer Nähe oder Sympathie verbundenen Staaten eine Bühne für Gemeinsamkeit und Annäherung zu bieten. Dazu gehören auch eine gemeinsame Flagge und eine gemischte Mannschaft aus nord- und südkoreanischen Sportler*innen. Tzschoppe hält das für etwas ganz Besonderes.

Unterschiedliche Ausgangssituationen

Aber lässt sich die Situation in München 1972 mit Pyeongchang 2018 vergleichen? Petra Tzschoppe bezweifelt das. Denn 1972 sei genau das Gegenteil passiert. BRD und DDR bildeten eine gemeinsame deutsche Mannschaft unter gemeinsamer Flagge, bis das IOC 1972 die Entscheidung traf, erstmals getrennte Mannschaften zu erlauben. Das DDR-Team trat mit eigener Hymne und Flagge auf dem Boden der BRD auf, was kaum toleriert wurde.

Nordkoreas Ankündigung, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, kam etwas überraschend. Welche politischen Absichten dahinterstecken, weiß kaum jemand. Doch in den nächsten zwei Wochen werden die Augen der Welt nach Südkorea blicken. Ob ein gemeinsamer Einlauf der koreanischen Sportler die diplomatische Eiszeit beendet, bleibt abzuwarten. Im Sinne des olympischen Geistes wäre das aber wenigstens eine Hoffnung.

 

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Lisa Albrecht, Ariane Seidl
09.02.2018 - 19:37
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