Filmrezension "The Party"

Geradewegs in den Eskalationsmodus

Im Februar feierte die Tragikkomödie der Britin Sally Potter auf der Berlinale Premiere. Seit Ende Juli läuft "The Party" im Kino. Im Zeitraum des Brexit-Votums gedreht, wird im Schwarz-Weiß-Film eine aus den Fugen geratene Welt präsentiert.
Timothy Spall, Cillian Murphy, Emily Mortimer und Patricia Clarkson in "The Party"

Die Eheleute Janet (Kristin Scott Thomas) und Bill (Timothy Spall) veranstalten eine Feier im Londoner High-Society-Heim. Anlass ist die Nominierung der ehrgeizigen Janet zur Gesundheitsministerin im britischen Schattenkabinett. Geladen sind ganz unterschiedliche Persönlichkeiten aus dem gemeinsamen Freundeskreis: Janets engste schlagfertige Freundin April (Patricia Clarkson) mit ihrem deutschen Ehemann Gottfried (Bruno Ganz) im Schlepptau, das schwangere Lesben-Paar Martha (Cherry Jones) und Jinny (Emily Mortimer) sowie der angespannt-wirkende Banker Tom (Cillian Murphy). Einzig Marianne, Toms Ehefrau und zukünftiges Mitglied in Janets PR-Team, lässt ihr verspätetes Eintreffen ausrichten. Nachdem einige floskelhafte Nettigkeiten ausgetauscht wurden, platzt der auffällig stille Hausherr Bill mitten im Anstoßprozedere mit schockierenden Neuigkeiten heraus. Nach und nach kippt die gesittete Stimmung und die Party läuft zunehmend aus dem Ruder...

In der Kürze liegt die Würze

Anfangs ist ein Close-Up des Türklopfers in Form eines Löwenkopfes zu sehen. Dann öffnet sich die Haustür und eine aufgelöste Kristin Scott Thomas hält eine auf die Kamera − und den noch ahnungslosen Zuschauer − gerichtete Pistole. Während der Vorspann läuft, rätselt man derweil, was für Gründe hinter so einem Gefühlsausbruch stecken könnten. In den folgenden knapp 71 Minuten wird die absurd-konstruierte Situation Stück für Stück aufgeklärt. Diese vorangestellte Szene − im restlichen Film werden die Prinzipien der Ort-, Zeit- und Handlungseinheit dagegen eingehalten − „teasert“ außerdem das Thema des Films an: Der Zuschauer ist zu Besuch in der gehobenen Londoner Gesellschaftsschicht und wird Zeuge, wie hinter der (politischen) Saubermann-Fassade allmählich der reinste Wahnsinn durchschimmert. Im weiteren Filmverlauf bestätigt sich dieser erste Eindruck. Da braucht es nicht einmal wenig subtile Indizien wie zerbrochenes Fensterglas und verkohlte Party-Häppchen, um zu verstehen, dass der Haussegen nicht nur beim Gastgeber-Pärchen gehörig schief hängt. Ein Entgleisen der versammelten Egoisten scheint hier nur Minuten entfernt zu liegen.

"Jeder von uns tarnt sich..."

So geht es Sally Potter, die auch das Drehbuch schrieb, in „The Party“ (wie der im Engl. doppeldeutige Filmtitel schon andeutet) vorrangig um die schonungslose Entlarvung des britischen Polit-Establishment. Als Zuschauer ist es amüsant anzusehen, wie sich die Figuren im stilechten Wohnzimmer gegenseitig Paroli bieten und schwarzhumorige Wortgefechte bestreiten. Hier werden politische Überzeugungen genauso wie private Beziehungsgeflechte auseinandergenommen. Das Filmvergnügen kann auch nicht durch ein paar Klischees im Skript − der Banker genehmigt sich im Bad erst mal eine Linie Koks, bevor er der zukünftigen Chefin seiner Frau zum beruflichen Erfolg gratuliert − geschmälert werden.

Spielfreudige Darsteller

Obwohl das Drehbuch temporeiche Schlagabtausche und politisch unkorrekte Wahrheiten bereithält, muss in einem Kammerspiel-Film wie „The Party“ auch ein fähiges Schauspielerensemble zur Verfügung stehen, das die bissigen Dialoge glaubwürdig rüberbringen kann. Von solchen Charaktermimen hat „The Party“ reichlich. Neben einer zunehmend austickenden Kristin Scott Thomas („Only God Forgives“) glänzen v.a. Cillian Murphy („Dunkirk“) als in der Sinnkrise steckender Schnösel und die verbal nach allen Seiten austeilende Patricia Clarkson („Einfach zu Haben“). Als Szenendieb erweist sich jedoch Bruno Ganz („In Zeiten des abnehmenden Lichts“) in der Paraderolle des stets die Ruhe bewahrenden „Life-Coach“ Gottfried. Wie der überzeugte Esoteriker in einer Konflikt-Szene unbeholfen zwischen den unversöhnlichen Streithähnen zu vermitteln sucht, ist ein großer Spaß! 

Fazit

Wer absurd-skurrilen Wendungen in britischer Humor-Manier genauso etwas abgewinnen kann wie einer reduzierten Inszenierung, wird in „The Party“ voll auf seine Kosten kommen − eine wunderbar gespielte und launig-überspitzte Gesellschaftssatire mit grandioser Schlusspointe! Oder anders ausgedrückt: „Oh Boy“ meets „Gott des Gemetzels“.

 

 

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Kinostart: 27.7.2017

FSK 0

Laufzeit: 71 Minuten

Regie: Sally Potter

Cast: Kristin Scott Thomas. Timothy Spall, Bruno Ganz, Patricia Clarkson, Cillian Murphy und andere