Das lange Interview mit Matthias Avemarg

Gepfefferter Ansporn zum Nachdenken

Bereits seit 63 Jahren gibt es die "Leipziger Pfeffermühle" und gehört zu den ältesten Kabarettbühnen Deutschlands. Wie wichtig Kabarett in der heutigen Zeit noch ist, darüber haben wir mit dem Ensemble-Mitglied Matthias Avemarg gesprochen.
M19 mit Matthias Avemarg
Moderator Paul Materne und Schauspieler Matthias Avemarg (v.l.)

In Leipzig existieren viele Kaberetts. Neben der "Leipziger Pfeffermühle", gibt es noch das Kabarett "academixer", die "Leipziger Funzel", das "Leipziger Brettl", das Kabarett-Theater "Sanftwut" und das "Leipziger Central Kabarett", wobei die letzten beiden Häuser erst nach der Wende ins Leben gerufen worden. Alle anderen gründeten sich während der DDR-Zeit.

Schon immer politisch

Schon damals war Leipzig eine bunte, quirlige Stadt. Vor allem durch die Frühjahrs- und Herbstmesse waren nicht nur DDR-Bürger in Leipzig zu Gange, sondern auch Menschen aus dem Ausland. Die damalige Kabarettsezene fiel – gerade politisch gesehen – aus dem allgemeinen, wie Matthias Avemarg sagt "Informationsbrei" heraus. Denn durch Wortwitz und doppeldeutige Pointen konnten Kabarettisten auf diese Weise öffentlich ihre Meinung äußern und politische Kritik üben. Diese Aufgabe hat das Kabarett auch heute noch: bestimmte Themen pointiert und überspitz dem Publikum zu präsentieren und zu zeigen was teilweise schiefläuft. Nach Matthias Avemargs Eindruck wird es allerdings immer schwerer:

Wenn man Sachen, die jetzt tatsächlich völlig selbstverständlich […] ausgesprochen werden […], früher auf der Bühne gesagt hat, dann war ganz klar: Das ist Satire. Sowas gibt’s gar nicht. So, und der Witz ist: heute gibt’s das schon.

  Matthias Avemarg

Im Interview verdeutlicht Avemarg was er damit meint: Im April 2016 brachte das Ensemble der Leipziger Pfeffermühle ein Programm auf die Bühne, das Themen beinhaltete, die auch das Publikum zu der Zeit beschäftigten. Durch bissige Szenen wurde deutlich, dass es sich um Satire handeln müsse. Doch nun könne das Publikum teilweise nicht mehr unterscheiden, ob es sich um Satire handele oder ob es ernst gemeint sei, so Avermarg. Sein Eindruck ist außerdem, dass der alltägliche, politische Diskurs roh geworden sei und unter die Gürtellinie gehe. Dadurch würden die Menschen abstumpfen und sich ans Grobe gewöhnen. Die (gefühlte) Folge:

Überspitzungen auf der Bühne werden als solche nicht mehr wahrgenommen.

Matthias Avemarg

Live vs. On Demand – Junges Publikum im Kabarett?

Neben den Inhalten, die meist von den aktuellen, politischen Entwicklungen nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und der Welt bestimmt werden, muss das Kabarett sich auch mit seiner Struktur beschäftigen. Denn das Medium "Bühne" ist mit einem generellen Problem konfrontiert: das durchschnittlich hohe Alter des Publikums. Doch Avemarg schaut durchaus positiv in die Zukunft:

Nun muss man trotzdem keine Angst haben, dass einem das Publikum wegstirbt, weil alle werden älter und es rücken auch Ältere nach. (lacht)

Matthias Avemarg

Trotzdem wünschen sich viele Macher des Kabaretts, das Publikum zu verjüngen. Doch die digitalen Medien wie soziale Netzwerke und TV-Sendungen, verstärken das Problem. Avegard führt als Beispiel den "Postillon" und "Extra 3", das politische Satiremagazin des Norddeutschen Rundfunks, an. Satire und Comedy wäre durch Mediatheken permanent im Netz abrufbar. Dadurch hätten die jungen Menschen alles was sie bräuchten und seien informiert.  

Da ist natürlich verständlich, dass man dann auch sagt: Naja, gut. Ich kann das ebenso gut auf dem Sofa haben. Aber wie bei jedem Konzert, ist es auch beim Kabarett so: jedes Live-Erlebnis ist einfach ganz was Anderes.

Matthias Avemarg

Im langen Interview spricht Matthias Avemarg außerdem über die Motivation auch von halbvollen Sälen zu spielen und die Zukunft des Kabaretts.

mephisto 97.6-Moderator Paul Materne im Gespräch mit dem "Leipziger Pfeffermühle"-Schauspieler Matthias Avemarg
2009 M19 Matthias Avemarg
 

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Corinna Thamm
20.09.2017 - 19:14
  Kultur