DOK Rezension

Generation der Traumatisierten

„Nachlass“ gewährt dem Publikum einen zutiefst bewegenden Einblick in die Psyche ausgewählter Töchter, Söhne und Enkelkinder von Nazi-Verbrechern im 2. Weltkrieg sowie von Holocaust-Überlebenden. Ein starker Film, der das Leid der Nachkommen würdigt.
Die israelische Historikerin Adi bei einer Führung durch das Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors"

In eiber an die Kinovorführung anschließenden Frage-Antwort-Runde wird eine in dem Dokumentarfilm auftretende Nachfahrin der sogenannten „Tätergeneration“ im Naziregime nach ihren Gedanken während des Filmschauens gefragt. Sie sei „zur Ruhe gekommen“ und habe das Gefühl, „nicht mehr so kämpfen“ zu müssen, ist die verblüffende Antwort. Insbesondere das ausgeprägte Vertrauensverhältnis zu den Verantwortlichen hinter der Kamera sei für sie insofern ausschlaggebend gewesen, dass sie einige innerliche Befindlichkeiten in den Interviewsituationen schildern konnte, die sie sonst nicht geteilt hätte. Neben der in der Premierenvorstellung sicher auftretenden älteren Dame werden im Film sechs weitere Menschen befragt, die auf ganz unterschiedliche Weise den „Nachlass“ der Schuld verarbeiten: In einem dokumentarischen Film, auf einem Bild oder durch wütende Protestaktionen als Teil der 68er-Bewegung.

 

Eruption im Wohnzimmer

Der Film von Christoph Hübner und Gabriele Voss vermittelt eine vage Ahnung davon, wie unvorstellbar schmerzhaft der Blick auf ein Foto des eigenen „befremdlich“ wirkenden Vaters in SS-Uniform und das Lesen alter Archivdokumente über beigewohnten oder sogar aktiv mitgewirkten Exekutionen tausender unschuldiger Menschen sein müssen. In „Nachlass“ darf die 1. und 2. Nachfolgergeneration zu Wort kommen. In angenehm ruhiger Gesprächsatmosphäre wird den Betroffenen genügend Zeit gegeben, von sich und ihren tragischen Familiengeschichten zu erzählen. Dazu gehört auch, dass gelegentliche Pausen im Redefluss, in denen die interviewten Protagonisten nach Worten ringen oder sprachlos nur über Mimik und Gestik ihre Erschütterung ausdrücken, nicht dem Schnitt zum Opfer gefallen sind, sondern in der fertigen Filmversion enthalten sind. Neben die emotionalen Erzählepisoden unterbrechenden Abblenden werden auch (Still-)Aufnahmen ingeflochten, die die täglich geleistete Arbeit der Erinnerungskultur thematisieren. Das Publikum sieht bei der Vorbereitung einer Ausstellung an der KZ-Gedenkstätte Buchenwald zu und wird beim Begleiten einer Führung durch die Berliner Dauerausstellung „Topographie des Terrors“ dazu angeregt, zur Täterpsychologie im Nationalsozialismus Stellung zu beziehen. Dieses Vorgehen bei der Montage, so die Filmemacher, sollte dem Zuschauer die Gelegenheit geben, einmal kurz von der schwer verdaulichen Thematik „aufatmen“ zu können. Gleichzeitig sollen die Aussagen der Hinterbliebenen − sowohl der Opfer, als auch der Täterfamilienangehörigen − vom Zuschauer reflektiert werden.

Nachlass − Lass nach

Besonders bewegend anzusehen ist ein von tiefem Verständnis und gegenseitigem Respekt geprägter Dialog zwischen einem Mann, dessen ungarische Großeltern von den Nationalsozialisten ermordet wurden, und einer Psychologin, die erst als Jugendliche erfuhr, dass ihr Vater nicht zu den Opfern, sondern der Gruppe der Unterdrücker angehörte. Kennengelernt haben sich die beiden über den Verein PAKH, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Leuten, die Familienmitglieder durch den Holocaust verloren haben, beizustehen. In einer Zeit des gesellschaftlich zunehmend vergifteten Klimas und versiegenden öffentlichen Diskurses erfüllen die zwei Aktivisten eine wichtige Vorbildfunktion. Ihre Annäherung zeigt, dass selbst über die tiefsten Gräben hinweg wieder Brücken gebaut werden können. 

 

 

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