Frauenbewegung in der DDR

"Gemeinsam sind wir unerträglich"

Eine Handvoll Frauen, die sich gegen die Meinungsdiktatur der DDR stellt und gewinnt. Die Leipziger Frauengruppe hat mit Bibelkreisen, Friedensgebeten und Debatten ihre Zeit geprägt, trotz Einschüchterungsversuchen und Beschattung durch die Stasi.
Die Leipziger Frauengruppe (Ramson zweite v.r.; Fleischhack erste v.l.)

Wie selbstverständlich öffnet Marianne Ramson ihren dicken grünen Pappordner mit ihren gesammelten Akten. Die Staatssicherheit war mehr als fleißig. Dort sind alte Briefe, die sie zu Beginn ihrer Studienzeit an einen Brieffreund im Westen schrieb, mit Kommentaren und Vermerken. Dass sie in das Visier der Stasi geraten sein könnte, war ihr klar, aber dieses Ausmaß habe sie dann doch schockiert.

Von Angst keine Spur

Was bedeutet es in einem Staat wie der DDR seine Jugend und Studienzeit zu verbringen? Dokumentationen zeichnen immer dasselbe Bild vom Unrechtsstaat, der Oppositionelle belauschte, einsperrte oder sogar ganz verschwinden ließ. Aber wie ging es denen, die sich engagierten und nicht eingesperrt wurden? Ramson und ihre Mitstreiterin Dorothee Fleischhack lassen an diesem Donnerstagabend in der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit noch einmal die Geschichte wieder aufleben. Viele von damals sind dazu gekommen, berichten auch von ihren Eindrücken und erzählen kleine Anekdoten. Diese sind aber nicht mit Furcht durchsetzt oder zeugen von Angst. Ganz im Gegenteil strahlen diese Frauen Stärke, Selbstbestimmtheit und Kampfgeist aus. Einmal Rebellin immer Rebellin.

Damals in den achtziger Jahren, zu ihrer Hochzeit fuhren sie wie eine Band auf Ostdeutschlandtournee durch alle möglichen Städte. Sie vernetzten sich, bereicherten einander und bauten Verbindungen zu Gleichgesinnten auf. Ohne Twitter, Facebook oder Handys. Man traf sich gemeinsam, teilweise bis zu vier Mal pro Woche und wuchs zu einer Familie zusammen, die sich bis heute nicht aus den Augen verloren hat.

Ihr christlicher Glaube trug sie immer weiter voran. Mit der gerade erwachten feministischen Theologie und der Theologie der Befreiung im Gepäck bahnten sie sich ihren Weg, durch das hierarchische System und beunruhigten sowohl Staat als auch Kirche. Sich vorschreiben zu lassen, was gepredigt wird oder die Organisation den Männern überlassen war nie eine Option.

Ob Wanzen im Telefon, abgefangene Briefe oder Stasi-Informanten, die die Gruppe zwecks Manipulation unterwanderten. Die Frauen ließen sich nicht auseinanderbringen und hielten weiter ihre Friedensgebete in der Nikolaikirche ab, ohne die Gewissheit, ob es nicht plötzlich eine von ihnen erwischen würde. Denn der lange Arm des Staates reichte immer weit, wie die Akteneinsichten aller beteiligten bewiesen haben. Hunderte Seiten zeugen von der Sammelwut des Geheimdienstes, der nie Fleischhack, Ramson und ihre Freundinnen aus den Augen verlor.

An diesem Abend sitzt man zusammen, kann sogar über vieles lachen. Die Stimmung ist entspannt und die Stereotypen der wütenden Feministin wollen so gar nicht bedient werden. Eine Handvoll Frauen hat in Leipzig Geschichte geschrieben und sich mutig gegen eine omnipräsente Macht gestellt. In deren Räumlichkeiten, wo früher die Leben verschiedenster Personen akribisch dokumentiert und beurteilt wurden, hat heute die Freiheit Einzug gehalten.  

Ein Interview von Martin Wittner über eine Frauengruppe aus der DDR-Zeit
Frauen für den Frieden
 

Kommentare

Guten Tag. Ich war bei der Veranstaltung anwesend und ebenfalls sehr beeindruckt. Zwei Hinweise: Beim Foto sind die Namen falsch zugeordnet. Dorothee Fleischhack ist die Frau mit den roten Haaren ganz links, Marianne Ramson die zweite von rechts. Und die Nikolaikirche wird mit "a" geschrieben! Vielleicht lässt sich ja noch etwas ändern. Mit freundlichen Grüßen, Gabriele Steinbach

Die Veranstaltung fand nicht im Museum statt, sondern beim BStU, Außenstelle Leipzig (zum besseren Verständnis: Stasi-Unterlagen-Behörde)
Ulrike Wilkens

@Gabriele Steinbach @Ulrike Wilkens Vielen Dank für die Hinweise. Wir haben die Fehler umgehend korrigiert.

Mit freundlichen Grüßen,

Online-Redaktion mephisto 97.6

 

 

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