DOK Rezension

Geimpft, ungeimpft, eingeimpft?

Nach seinen Filmen über die Transzendentale Meditation und die Demenz seiner Mutter widmet sich Regisseur David Sieveking nun einem neuen Thema: Impfen. Dabei erzählt er wieder eine höchstpersönliche Geschichte.
Die Impfung stellt das Familienleben auf den Kopf
Die Impfung stellt das Familienleben auf den Kopf

Impfen oder nicht impfen? In den letzten Jahren scheinen sich die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern verhärtet zu haben. Eine sachliche Diskussion findet kaum statt. Aber spätestens, wenn das erste Kind kommt, müssen sich Eltern mit der Frage auseinandersetzen. David Sieveking gibt mit seiner autobiografischen Dokumentation „Eingeimpft: Impfen und die Gesundheit unserer Kinder“ einen intimen Einblick in die Entscheidungsfindung und damit in einen Zwist zwischen ihm und seiner Lebensgefährtin Jessica. Der Regisseur und die Filmkomponistin leben in Berlin-Kreuzberg. Ein aufgeklärtes, hippes Hauptstadtpaar, das man leicht den Impfgegnern zuordnen würde. Doch so leicht ist es nicht.

Informier dich mal!

Als Jessica schwanger wird, rät die Ärztin ihr zu einer Impfung gegen Tetanus. Jessica ist skeptisch, Impfungen verträgt sie schon unter normalen Umständen schlecht. Auch jetzt reagiert sie sensibel und muss die restliche Schwangerschaft im Bett verbringen. Als Tochter Zaria auf der Welt ist, stellt sich schon nach wenigen Wochen die große Impffrage: Diphterie, Keuchhusten, Polio, Hepatitis – Und dann auch noch alles auf einmal? Jessica sträubt sich. Besonders Wirkstoffverstärker wie Aluminiumsalze machen ihr Angst. David argumentiert dagegen: „Aber da sind doch eigentlich nur Erreger drin?“ – „Dann informier dich mal“, antwortet Jessica. Und so beginnt die langjährige Recherche.

Eigentlich sollte der Film „Nestbaustelle“ heißen und davon handeln, wie junge Eltern sich verändern. Die Recherche treibt David Sieveking aber immer weiter hinein in den Dschungel der Impfindustrie. Sie bringt ihn nach Frankreich und Westafrika. Dort spricht er mit Ärzten, Forschern, Pharmavertretern und Betroffenen – immer mit der Frage im Hinterkopf, was wohl das Beste für Zaria wäre. Die Dokumentation lebt von der persönlichen Familiengeschichte. Oft untermalt beschwingte Musik die Szenerie und so haftet dem Film etwas Komödiantisches an. Beispielsweise als die Ärztin sagt, Kinder würden sich Hepatitis in Großstädten vor allem auf Spielplätzen einfangen, wenn im Sand Drogenbesteck läge. Während David Sieveking also mit dem Schuh den Sand durchforstet, spricht er aus dem Off seine Gedanken laut aus: „Jessica will nicht impfen und jetzt muss ich die Fixernadel im Sand suchen.“ Dem Themenkomplex nimmt das seine Schwere. Als Zuschauer lernt man nebenbei mehr über Lebend- und Totimpfstoffe. Dazu bringt Sieveking animierte Kugelschreiberzeichnungen im Comicstil ein.

Eine Gefahr für die Anderen?

Immer wieder muss sich die junge Familie auch den Fragen von Freunden oder anderen Eltern stellen. Besonders brisant wird das, als in Berlin die Masern ausbrechen. Zaria ist nicht geimpft und ist damit ein Risiko für andere Kinder. Eine große Stärke des Films „Eingeimpft“ ist, dass David Sieveking hartnäckig recherchiert und damit sowohl Befürwortern als auch Gegnern Argumente liefert – jenseits von Emotionalität, welche dem Thema immer anhaftet. Dennoch ist der Film maximal persönlich und somit emotional. Ein Widerspruch, der auf unterhaltsame Weise ein komplexes Thema darstellt und zeigt, dass zwischen Ja und Nein jede Menge andere Wahrheiten liegen.

 

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DOK-Vorstellung „Eingeimpft“ 

Freitag, 03.11.17

19.30 Uhr in der Osthalle im Hauptbahnhof