Sexualisierte Gewalt

Gegen jede Form der Diskriminierung

Silvesternacht in Köln, Stimmen werden laut: "Männerhorden arabischer/nordafrikanischer Herkunft greifen unsere weißen Frauen an". Was ist das Problem an der medialen Berichterstattung und dem vorherrschenden, stereotypen "Vergewaltigungsmythos"?
#ausnahmslos. Die Kampagne: "Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall"

In der Silvesternacht wurde in Köln eine große Anzahl von Frauen Opfer sexualisierter Gewalt und Belästigung, was öffentliche Aufmerksamkeit erregte.

Dabei ist es eine dauerhafte, gesamtgesellschaftliche, gleichstellungspolitische Aufgabe, gegen sexualisierte Gewalt vorzugehen. Maßnahmen sollten nicht nur auf kurzfristige Reaktionen beschränkt sein, die aufgrund bestimmter Merkmale eine besondere mediale Aufmerksamkeit bewirken.

Denn man macht sich nicht ständig Sorgen über die Sicherheit und Würde der Frauen, weil etwa jede dritte Frau in Deutschland Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt wird. Es geht auch nicht um das sexistische Rollenbild, das Frauen zum Objekt auf Werbeplakaten oder Zeitschriftencovern macht. Die Debatte wird bestimmt von Stereotypen: der Täter, ein nicht-deutscher, schlecht integrierter Mann, der die weiße Frau bedrängt.

Wieso gibt es diese doch schon alten, festsitzenden Stereotype, und wie sieht die Realität aus?

mephisto97.6 sprach mit Susanne Hampe, Ansprechpartnerin bei "Frauen für Frauen" e.V., und Antje Schrupp, Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Mitverfasserin der Kampagne #ausnahmslos.

Redakteurin Paula Kittelmann sprach über die Debatte um die Vorfälle in Köln mit Susanne Hampe und Antje Schrupp und berichtet
2101 BmE Sexismus Köln

Die Dunkelziffer ist hoch und das Gesetz lückenhaft

Pro Jahr werden in Deutschland etwa 8.000 Vergewaltigungen angezeigt, das entspricht ca 20 pro Tag. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums bringen rund 95 Prozent der Frauen, denen strafrechtlich relevante Gewalt zugefügt wird, diese nicht zur Anzeige. Das bedeutet, die Dunkelziffer der tatsächlich stattfindenden sexuellen Gewalttaten ist sehr hoch. Man geht von 160.000 Übergriffen jährlich aus. 

Doch selbst bei den angezeigten Vergewaltigungen ist die Verurteilungsquote aufgrund der Lücken im Sexualstrafrecht erschreckend niedrig: 2012 beispielsweise lag sie laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes bei nur 8,4%.

Die Verurteilung von Sexualstraftätern steigt laut einer Studie dann, wenn der Täter einen Migrationshintergrund hat, Alkohol konsumierte und der Frau nicht bekannt war. Und an dieser Stelle beginnt die Brisanz der Debatten um die Vorfälle in Köln:

Vergewaltigungsmythen und "Habt-euch-nicht-so"

Laut Susanne Hampe, Mitarbeiterin bei der Frauennothilfe "Frauen für Frauen e.V." ist an der Debatte über die Übergriffe in der Silvesternacht besonders kritisch, dass

die mediale Aufmerksamkeit vor allem eben deswegen da ist, weil es eben nicht-deutsche Täter sind, und dass da eben so eine große Empörung entsteht, die verschleiert, oder die ignoriert, dass es auch in Deutschland, durch deutsche Männer, zu massiven sexistischen Übergriffen kommt.

Susanne Hampe, Ansprechpartnerin bei "Frauen für Frauen" e.V.

Tatsächlich, so erklärt Susanne Hampe, gibt es sogenannte "Vergewaltigungsmythen": Vorstellungen davon, wie eine Vergewaltigung üblicherweise aussieht und abläuft, und die vorherrschend sind bei der Masse der Bevölkerung.
Das Bild sieht so aus: Es sind Fremdtäter, es passiert irgendwo draußen, die Betroffenen wehren sich stark und gehen anschließend direkt zur Polizei.
Im Normalfall sehen die Vergewaltigungen, die in Deutschland hauptsächlich stattfinden, aber anders aus. Die Vergewaltigung geschieht meistens durch einen dem Opfer bekannten Täter, findet im Heimischen oder in irgendeiner Wohnung statt, die Betroffenen wehren sich in der Regel nicht und gehen danach auch nicht zur Polizei.

Diese feste Vorstellung, wie eine Vergewaltigung auszusehen hat, beeinflusst nicht nur die mediale Aufmerksamkeit: sie führt im schlimmsten Fall auch dazu, dass Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, diese nicht anzeigen, aus Angst vor Bagatellisierung.

Doch auch das Frauenbild, was in der westlichen Welt vorherrscht, spielt dabei eine große Rolle und ist keinesfalls unproblematisch. Sexualisierte Gewalt, Belästigung und Geschlechtsstereotype sind in unserer Kultur durchaus präsent, werden aber mit Sprüchen wie "Hab dich nicht so" relativiert, beispielsweise auf feuchtfröhlichen Volksfesten, an die wir uns als Schauplatz sexueller Belästigung gewissermaßen gewöhnt haben, so Antje Schrupp. Der in unserer Kultur durchaus übliche Sexismus verursacht einen Schaden, lange bevor er überhaupt einen Straftatbestand erfüllt:

Wir lernen von klein auf, dass sexualisierte Gewalt ein normaler Bestandteil unserer Umgebung ist und dass wir uns darauf einstellen müssen.

 Antje Schrupp, Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Mitverfasserin der Kampagne #ausnahmslos

Auch der auf den ersten Blick so offen und aufgeklärt anmutende Umgang der westlichen Welt mit Sexualität trägt oft dazu bei, die Sensibilität gegenüber solchen Themen zu verringern und zudem den Frauenkörper zum Objekt zu machen. Das kann dazu führen, dass die Integrität dieser Frauenkörper weniger schützenswert wirkt.

Das Problem ist, dass Sex oder Frauenkörper, die auf eine gewisse Weise pseudo-lustvoll inszeniert werden, einfach Klicks und Verkaufszahlen bedeuten, und dass deshalb die Berichterstattung über solche Vorfälle immer selber ein Teil dieser sexistischen Kultur ist. Weil gerade mit dieser Art, Frauen zu Objekt machen, auch der Skandal wieder verkauft wird.

Antje Schrupp

Rechtspopulistisch konnotierte Debatte

Bei der Debatte um Köln geht es um mehr als Sexismus. Es geht um eine soziale, kulturelle oder gesellschaftliche Dimension. Die generelle Angst vor der Fremde, dem Islam und die Angst vor Gewalt, gewalttätigen Männern in diesem Fall, vermengen sich zu einer undifferenzierten Mischung. Bisher haben sich hauptsächlich Rechtspopulisten in Deutschland dazu geäußert, und das Bild des kulturell nicht integrierten Mannes, der sich an einer wehrlosen deutschen Frau vergreift, wurde zum Sinnbild der Befürchtungen "besorgter Bürger."

Das Bild, dass der böse schwarze Mann die arme unschuldige weiße Frau vergewaltigt ist ein ganz altes rassistisches Klischee. Und das wird jetzt in der undifferenzierten Art, wie über mögliche Zusammenhänge zwischen soziokulturellen Hintergründen und kriminellen Vorfällen geredet wird, wieder voll bedient.

Antje Schrupp, Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Mitverfasserin der Kampagne #ausnahmslos

Doch dieses Bild, diese antimuslimischen Ressentiments lenken die Diskussion weg von sexueller Gewalt gegen Frauen hin zu einer Diskussion über muslimische Kultur, besser: muslimische Männer.

Bislang gibt es aber keine Belege für eine Zunahme sexueller Belästigungen durch Migranten. Das BKA gab im Oktober 2015 bekannt, dass Flüchtlinge nicht häufiger straffällig werden als durchschnittliche, deutsche Bürger.

Doch die Vorfälle in Köln, denen gegenüber die Anzahl der von Migranten begangenen Sexualstraftaten steht, die bei unter einem Prozent läge, passen allzu gut in das Klischee des seine Triebe nicht beherrschenden arabischen Mannes.

#ausnahmslos - Kampagne gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus

Mitte Januar veröffentlichten Feministinnen ein zweisprachiges Manifest als Reaktion auf die Übergriffe in der Silvesternacht. Die Kampagne #ausnahmslos, begleitet von umfangreicher Social-Media-Präsenz, lautet "Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall." Anliegen ist, die Hoheit im Diskurs um die Vorfälle und sexualisierte Gewalt gegen das rechte Spektrum zu verteidigen. Die progressive, netzaffine Feminismus-Szene bildet einen Gegenpol zu weiblichen Stimmen bei Frauenrechtsthemen wie Alice Schwarzer, die sich mit Artikeln in der Emma immer wieder rechtspopulistisch äußert.
Und das ist wichtig, da sie aufzeigen, dass Race, Class und Gender (also Ethnie, Klasse und Geschlecht) zusammengedacht werden müssen: Diskussionen zur Gleichberechtigung des einen bedeutet gleichzeitig Auseinandersetzung mit den anderen. Wer über die Rechte von Frauen debattiert, der muss genauso die Rechte anderer diskriminierter Menschengruppen im Kopf haben.

#ausnahmslos setzt sich mit einem umfangreichen Forderungskatalog für politische, gesellschaftliche und mediale Lösungen ein, was die Aufarbeitung und Bekämpfung von soziokulturellen und weltanschaulichen Ursachen von Gewalt beinhaltet. Besonderes Anliegen ist es auch, die Debatte nicht dem rechtspopulistischen Feld zu überlassen.

Denn für die Verfasser*innen der Kampagne ist klar: das Bild des "bösen Ausländers" und traditionelle Geschlechterrollenbilder finden sich in den gleichen Denkmustern und politischen Milieus wieder.

 

Das Interview mit Antje Schrupp, Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Mitverfasserin der Kampagne #ausnahmslos, in voller Länge nachzuhören und nachzulesen:

Redakteurin Paula Kittelmann sprach mit Antje Schrupp, Journalistin und Politikwissenschaftlerin, und eine der Verfasserinnen des Aufrufs #ausnahmslos
1601 IV antje schrup #ausnahmslos

m97.6: Wofür steht #ausnahmslos, bzw. was ist euer Anliegen?

Antje Schrupp: Das Anliegen war entstanden nach der Art und Weise, wie über die Vorfälle an Silvester in Köln diskutiert wurde. Unser Anliegen war, dass die richtige und begrüßenswerte Aufmerksamkeit für sexualisierte Gewalt jetzt nicht dazu benutzt werden darf, rassistische Narrative und Formeln zu bedienen, oder Fremdenfeindlichkeit. Oder Aufrufe wie "Jetzt müssen wir die Grenzen schließen, dürfen niemanden mehr rein lassen" und so weiter. Denn unserer Meinung nach kann man nur dann glaubwürdig gegen sexualisierte Gewalt vorgehen, wenn man gleichzeitig auch gegen Rassismus ist.

m97.6: Inwiefern ist denn Gewalt gegen Frauen rassistisch vereinnahmt?

Antje Schrupp: Es gibt ja jetzt diese Bürgerwehren oder irgendwelche Rechten, die dazu aufrufen, nach Köln zu fahren, um "unsere deutsche Frauen zu beschützen." Das Bild, dass der böse schwarze Mann die arme unschuldige weiße Frau vergewaltigt, ist ein ganz altes rassistisches Klischee. Und das wird jetzt in der undifferenzierten Art, wie über mögliche Zusammenhänge zwischen soziokulturellen Hintergründen und kriminellen Vorfällen geredet wird, wieder voll bedient. Und alle meinen "Ah ja, wussten wir ja schon immer."

m97.6.: Was kann man eigentlich unter "gesellschaftlicher Stigmatisierung" der Betroffenen verstehen?

Antje Schrupp: Naja die Opfer von sexualisierter Gewalt werden bisher, und früher war das noch schlimmer als heute, ja nicht wirklich ernst genommen. Oft erleben sie nochmal zusätzliche Traumatisierungen, wenn sie zur Polizei gehen, wenn sie jemandem davon erzählen. Es gibt oft eine reflexhafte Haltung, wonach Leute überlegen, ob die Opfer nicht selber schuld sind - ob ihre Röcke zu kurz waren ob ob sie nicht vielleicht sowieso Prostituierte sind und es nicht besser verdient haben.
Oder in Fällen von häuslicher sexualisierter Gewalt, was ja die allermeisten Fälle sind - also die allermeisten sexualisierten Gewalttaten passieren in privaten, familiären engen Beziehungen und nicht auf der Straße - bei denen ist es dann oft so, dass gefragt wird: "Ja warum ist die denn mit dem überhaupt zusammen geblieben?" oder "Wir haben's ja gleich gewusst". Ein Klassiker ist auch, zu sagen: "Das hat die sich doch nur ausgedacht", "Das ist doch gar nicht so schlimm", "Das dramatisiert sie jetzt." Das sind alles Beispiele dafür, wie wir kulturelle Codes haben, die erstmal bei sexualisierter Gewalt davon ausgehen, dass mit den Betroffenen irgendwas nicht stimmt.

m97.6.: Und warum ist die Täter-Opfer-Umkehrung besonders kritisch?

Antje Schrupp: Genau deswegen, weil es den Betroffenen die Schuld zuschiebt, anstatt bei den Tätern zu suchen. Wobei bei den Tätern zu suchen, davon ist nur ein Teil die strafrechtlicher Verfolgung. Bei den Tätern zu suchen heißt aber auch, zu überlegen, was wir für einen gesellschaftliches Klima haben, vor dessen Hintergrund solche Taten überhaupt möglich sind, und was die Täter eventuell dazu ermutigen oder berechtigen.

Also wenn wir öffentlich eine Diskussion darüber haben, wie Frauen sich anziehen sollen, dann ist eine negative Seite davon, zu sagen "Na okay, wenn sie sich nicht so anziehen, dann sind sie nicht so schützenswert" beispielsweise. Oder wenn wir ein Klima haben, in dem man ungestraft oder ohne dafür kritisiert zu werden, sexualisierte Witze machen kann, über das Aussehen von Frauen oder wie sie sich richtig oder falsch benehmen, dann ist der Schritt von solchen Witzen bis zu einer Handlung, die dann auch tatsächlich Gewalt beinhaltet, eben nur ein gradueller. Das bedeutet natürlich nicht, zu sagen, ein Witz wäre genauso schlimm wie eine Vergewaltigung. Aber der Witz und die Vergewaltigung finden sozusagen im selben gesellschaftlichen Kosmos statt, wo eine bestimmte Art des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern herrscht.

m97.6.: Sind wir vieleicht in unserer Gesellschaft auch bis zu einem gewissen Grad an diesen Sexismus gewöhnt, beispielsweise durch die doch auch oft noch vorherrschende traditionelle Geschlechterrolle?

Antje Schrupp: Ganz sicher. Ich kann mich daran erinnern, dass ich von klein auf gelernt habe, dass wenn ich mich auf eine bestimmte Weise und an bestimmten Orten bewege, das gefährlich ist für meine körperliche Integrität. Was daran gefährlich ist, wenn ich mich als Frau an bestimmten Orten und auf eine bestimmte Weise bewege, wurde zwar nie so richtig offen thematisiert, aber das hat sich natürlich nach und nach geklärt. Wir lernen von klein auf, dass sexualisierte Gewalt ein normaler Bestandteil unserer Umgebung ist und dass wir uns darauf einstellen müssen.

Und ich erkläre mir, dass diese Vorfälle in Köln so fast schon hysterisch teilweise diskutiert werden, damit, dass diese Art sexualisierter Gewalt bisher unbekannt war. Also diese Art, dass an Hauptbahnhöfen, an öffentlichen Plätzen Gruppen von Männern auf diese Weise diese Gewalt ausüben. Andere Arten, also feuchtfröhliche Volksfeste, oder Parties, auf denen man flirtet und das dann irgendwann umkippt und brenzlig wird, das sind solche Gelegenheiten, die kennen wir einfach und an die haben wir uns gewöhnt. Jetzt ist eine neue Form dazu gekommen, deswegen steht uns das so krass und schockierend vor Augen. Ich hoffe nur, dass das jetzt nicht dazu verwendet wird, zu sagen "Die sind Schuld, dieser Typus Männer" denn das wird uns nicht helfen, das Problem zu lösen. Was passieren müsste, ist, dass wir sagen "Okay, wir haben jetzt verstanden, sexualisierte Gewalt ist erstens real, zweitens nicht okay, und drittens müssen wir was dagegen unternehmen." Und das sgerade auch die Frauen, die betroffen sind von sexualisierter Gewalt, jetzt durch diese Diskussion vielleicht mehr Mut haben, dann auch tatsächlich darüber zu reden, das anzuzeigen, sich das nicht gefallen zu lassen und das nicht einfach so wegzustecken.

m97.6.: Was ist das Problem an medialer Berichterstattung über sexualisierte Gewalt?

Antje Schrupp: Das Problem ist, das Sex oder Frauenkörper, die auf eine gewisse Weise pseudo-lustvoll inszeniert werden, einfach Klicks und Verkaufszahlen bedeuten, und dass deshalb die Berichterstattung über solche Vorfälle immer selber ein Teil dieser sexistischen Kultur ist. Weil gerade mit dieser Art, Frauen zu Objekt machen, auch der Skandal wieder verkauft wird.

In dem Fall jetzt eben noch zusammen mit rassistischen Narrativen wie "schwarze Männerhände auf dem weißen, ungeschützten Frauenkörper." Und dann auch die Art der Berichterstattung, wenn dann von "Sexmob" geredet wird - also "Sex" in der Überschrift ist immer gut, verkauft sich, aber natürlich hat das, was in Köln passiert ist, mit Sexualität überhaupt nichts zu tun. Es ist Gewalt, die eine sexualisierte Komponente hat. Und insofern müssen wir die Berichterstattung generell problematisieren.

Noch schlimmer finde ich eigentlich, wenn über häusliche Gewalt berichtet wird. Also Männer ihre Frauen vergewaltigen, umbringen - und dann von Beziehungsdrama oder Familiendrama die Rede ist, wo ja Opfer und Täter völlig verschwinden. Als sei das so eine Art Tragödie, die die Familie unschuldigerweise ereilt hat. Aber auch da gibt es Täter und auch da hat die Tat etwas mit dem soziokulturellen Hintergrund und Dominanz zu tun. Das kann man nicht als "Familiendrama" zum Beispiel beschreiben.

 

Das Interview mit Susanne Hampe, Ansprechpartnerin bei "Frauen für Frauen" e.V., in voller Länge nachzuhören und nachzulesen: 

Redakteurin Paula Kittelmann sprach mit Susanne Hampe von „Frauen für Frauen“ e.V.
1601 IV Hamoe Frauen für Frauen

m97.6: Was ist problematisch an der verstärkten medialen Aufmerksamkeit, die verstärkt ja durch die Täteridentität als vielleicht weniger die Tat an sich zustande gekommen ist?

Susanne Hampe: Also zunächst mal finde ich die mediale Aufmerksamkeit total gut. Also das ist ganz klar, ich finde es sehr sehr wichtig, dass die Medien darüber berichten, weil es da um Sexismus geht und dass ein sehr sehr hohes Maß an Aufmerksamkeit bedarf, um da überhaupt irgendetwas zu verändern, um überhaupt irgendetwas erreichen zu können. Die Behauptung ist, und ich denke das ist auch relativ offensichtlich, dass die mediale Aufmerksamkeit vor allem eben deswegen da ist, weil es eben nicht-deutsche Täter sind, und dass da eben so eine große Empörung entsteht, die verschleiert, oder die ignoriert, dass es auch in Deutschland, durch deutsche Männer, zu massiven sexistischen Übergriffen kommt. Und das finde ich an dieser ganzen Diskussion gefährlich: dass man sozusagen jetzt den asylsuchenden Männern etwas unterstellt, was man vielen deutschen Männern auch attestieren muss.

m97.6.: Warum werden ihrer Meinung nach auch nach wie vor ein nur so kleiner Teil der sexuellen Straftaten zur Anzeige gebracht?

Susanne Hampe: Das hat etwas damit zu tun dass Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung mit einem hohen Maß an Scham behaftet sind, dass sich also die Betroffenen in der Regel in Grund und Boden schämen - deswegen ihnen sozusagen der Mund verschlossen wird, weil sie sich so schämen und sich überhaupt nicht in der Lage sehen, mit irgendjemandem drüber zu reden. Weitere Gründe sind, dass viele die Befürchtung haben, dass ihnen nicht geglaubt wird. Dass ihnen unterstellt wird, dass sie diese Anzeige machen, weil sie sich rächen wollen, weil sie eine Rechnung offen haben mit dem Beschuldigten.
De facto ist es so, dass die Strafjustiz sich sehr schwer tut bei der Verfolgung sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Das liegt an der Rechtslage, wie sie momentan in Deutschland ist. Das ist eine sehr problematische Situation, weil in der Regel Aussage gegen Aussage steht und es sehr schwer nachzuweisen ist, was da wirklich vorgefallen ist.

m97.6: Was genau sind denn die Schutzlücken im Straftatbestand bzw. warum ist die Gesetzeslage diesbezüglich nicht ausreichend?

Susanne Hampe: Ausreichend ist sie deshalb nicht, weil in Deutschland ein Nein nicht "Nein" heißt. Das heißt wenn eine Frau in dem Moment sagt, sie möchte keinen Sex und der Täter oder die Täter das trotzdem vollziehen, dann gilt es nicht automatisch als eine Vergewaltigung. Das ist es juristisch gesehen nur dann, wenn sich die Frau richtig massiv gewehrt hat, wenn sie also massive körperliche Gegenwehr geleistet hat. Was viele Frauen nicht tun, weil sie viel zu überrascht sind, weil sie einfach nicht gelernt haben, sich richtig zu verteidigen, oder eben auch da keinen Sinn drin sehen, sich gegen einen Menschen, der wesentlich stärker ist als sie, zur Wehr zu setzen. Und dann ist es juristisch gesehen keine Vergewaltigung.

m97.6.: Den Frauen als Opfer wird in der Öffentlichkeit noch allzu oft die Verantwortung gegeben, sie werden für ein Fehlverhalten gerügt, welches potentiell zu den Übergriffen führen kann. Wie kommt es dazu, dass Frauen als Opfer so gerne die Verantwortung zugeschoben wird?

Susanne Hampe: Ich glaube das ist ein Reflex, den viele Menschen haben, weil man selber davon ausgeht "Mir passiert sowas nicht und das passiert einem auch nur dann, wenn man etwas falsch gemacht hat." Das hat etwas mit dem Wegschieben vom "Bösen" zu tun. Wenn dann jemandem so etwas passiert ist, dann muss das ja etwas damit zu tun haben dass der- oder diejenige irgendwas falsch gemacht hat. - "Und da ich ja nichts falsch mache, passiert mir so etwas auch nicht." Das ist so eine Schutzfunktion, die einsetzt, um das möglichst weit von sich wegzuschieben zu können.

Darüber hinaus gibt es so etwas wie "Vergewaltigungsmythen": Bilder, die wie von Vergwaltigungen haben, wie eine Vergewaltigung normalerweise, klassischerweise sein soll. Und das ist so, dass das Fremdtäter sind, dass es irgendwo draußen passiert, dass sich die Betroffenen sehr sehr stark wehren, und anschließend direkt zur Polizei gehen.
Im Normalfall, die Vergewaltigungen mit denen ich hauptsächlich zu tun habe, die hauptsächlich in Deutschland stattfinden, passieren aber nicht so. Die Vergewaltigung ist meistens durch einen mir bekannten Täter, findet im Heimischen oder in irgendeiner Wohnung statt und nicht irgendwo draußen. Die Betroffenen wehren sich in der Regel nicht und gehen danach auch nicht zur Polizei. Und wenn mir so etwas widerfahren ist oder ich höre von einer Bekannten dass so etwas passiert ist, fange ich - weil ich diese Vergewaltigungsmythen, wie eine Vergewaltigung eigentlich zu sein hat, im Kopf habe - an, daran zu zweifeln, ob das tatsächlich so passiert ist. Und ob da nicht irgendwas schiefgelaufen ist, in der Abwehr. So wird den Opfern schnell eine Mitschuld oder eine Mitverantwortung an der ganzen Situation zugeschrieben wird.

 

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Die Stellungnahme der "Frauen gegen Gewalt e.V." fasst die Problematik um die Schutzlücken im Straftatbestand zusammen und erklärt, wie Frauen sich schützen können.

 

Mit dem Aufruf #ausnahmslos fordern die Autorinnen, dass die Schutzlücken im Straftatbestand der sexuellen Nötigung/Vergewaltigung endlich geschlossen werden. Weiterhin wird mit der Kampagne "Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall." versucht, die Diskurshoheit gegen das rechte Spektrum und rassistische Vorurteile zu verteidigen.

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