Berlinale 2018

Gefangen in der Erinnerung

Es ist der allererste animierte Stop-Motion-Film aus Chile. In der Sektion Forum feiert der unheimliche Animationsfilm "La Casa Lobo" von Cristóbal León auf der 68. Berlinale seine Weltpremiere.
Szene aus "La Casa Lobo"
Dieser Puppenfilm ist nichts für Kinder!

Maria ist ein junges, fröhliches Mädchen, das gern mit Tieren spielt. Sie lebt in einer Siedlung in Chile zusammen mit anderen fröhlichen Menschen, die gerne singen und in Frieden zusammenleben. Zumindest erfahren wir das aus einem Werbevideo am Anfang des Films und einer Texttafel. Eines Tages, so heißt es weiterhin, entfliehen Maria jedoch drei Schweine, auf die sie eigentlich aufpassen sollte. Zur Strafe soll 100 Tage lang niemand mehr ein Wort mit ihr reden. Maria ergreift die Flucht, irrt erschöpft durch den Wald. Vom bösen Wolf wird sie verfolgt und so kommt sie schließlich an ein Haus. Dort findet sie Zuflucht, doch die Vergangenheit lässt sie einfach nicht los.

Düsterer Hintergrund

Es wird zwar nicht explizit thematisiert, aber trotzdem wird schon in dem einleitenden Werbevideo deutlich, um welche Siedlung es hier geht. Von einer heilen Welt ist die Rede und doch erwähnt die Stimme aus dem Off die üblen Gerüchte,

Szene aus "La Casa Lobo"
Finstere Gestalten im Wolfshaus

die sich um das Leben dort ranken. Gemeint ist die Colonia Dignidad in Chile. Jene Siedlung, die 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer gegründet wurde und die später mit Unterdrückung, Folter und Menschenexperimenten für Aufsehen sorgte. Aus dieser Sekte ist Maria geflohen und doch kommt ihr Trauma immer mehr zum Vorschein. Der böse Wolf (vermutlich der Sektenführer) - großartig gesprochen von Rainer Krause - spricht bedrohlich im Hintergrund. Mal einschüchternd und dann doch wieder mit einer unangenehmen Freundlichkeit. Worum es in "La Casa Lobo" so wirklich geht, bleibt unklar. Die Geschichte von Maria verschwimmt mit der Geschichte des Hauses. Dort scheinen sich mehrere Handlungsstränge parallel abzuspielen. Letztlich geht es aber immer wieder vor allem um die Angst, vor der es einfach kein Entkommen gibt.

Trailer "La casa lobo" Cociña&León from El Mostrador on Vimeo.

Ein Horrorhaus

Stop-Motion-Animation ist bekanntlich ja eher im Familienkino vorzufinden. Mit familientauglicher Unterhaltung hat diese deutsch-spanische Produktion allerdings wenig zu tun. "La Casa Lobo" ist ein surrealer, verstörender Trip durch die dunklen Ecken eines Ortes der Erinnerung und der Furcht. Allein das Aussehen der Puppen, die hier auftreten, hat Albtraumpotenzial. Optisch ist der Film eine Wucht. Das gesamte Haus ist ständig in Bewegung. Bilder erscheinen an den Wänden, Räume verschieben sich, Figuren und Bäume wachsen aus den Böden, aus der Decke und verwandeln sich direkt wieder in andere Formen. Das Publikum kann sich kaum vorstellen, welch ungeheurer Aufwand in den Animationen steckt. Da fällt es auch gar nicht negativ auf, dass mit der rätselhaften Geschichte eher wenig anfangen werden kann, denn es geht in erster Linie um die Atmosphäre. "La Casa Lobo" ist angelegt, wie ein Bewusstseinsstrom durch die Ängste eines jungen Mädchens, vermischt mit unheimlichen Kinderliedern, Märchenmotiven und grotesken Albtraumbildern.

Fazit

Im Berlinale-Programm wird "La Casa Lobo" vermutlich eher untergehen. Wer sich für Animationsfilme begeistert, für den ist diese erste chilenische Stop-Motion-Produktion ein Pflichttermin. Die mysteriöse Geschichte lässt viel Platz für eigene Interpretationen, aber der verstörende Bilderrausch ist ein Erlebnis für sich. "La Casa Lobo" ist mit Sicherheit einer der unheimlichsten Animationsfilme seit langer Zeit.

 

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La Casa Lobo/ The Wolf House feiert bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin Weltpremiere.

Regie: Cristóbal León, Joaquín Cociña

Drehbuch: Cristóbal León, Joaqín Cociña, Alejandra Moffat

Laufzeit: 75 Minuten

Sprecher: Rainer Krause, Amalia Kassai

Ein regulärer Kinostart ist derzeit nicht bekannt.