Sprengung vor 50 Jahren

Gedenken an Paulinerkirche

Vor 50 Jahren bebte in Leipzig die Erde – da wurde nämlich die Paulinerkirche gesprengt. Wir haben mit der Historikerin Dr. Katrin Gurt von der Universität Leipzig über die Geschichte der Paulinerkirche gesprochen.
Paulinum
Das Paulinum auf dem Augustusplatz.

Die Paulinerkirche auf dem Augustusplatz gehört zu den Wahrzeichen Leipzigs. Vor 50 Jahren wurde die Kirche gesprengt. Das vorherrschende DDR-Regime wollte damit Platz für einen weiteren sozialistischen Bau schaffen.

Wir haben mit Dr. Katrin Gurt von der Universität Leipzig über die Geschichte der Paulinerkirche gesprochen. Das Interview können Sie hier nachhören oder im Folgenden nachlesen:

Redakteurin Luise Tasler im Gespräch mit Dr. Katrin Gurt.
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mephisto 97.6: Welche Bedeutung hat das Paulinum für die heutige Leipziger Stadtgeschichte?

Dr. Katrin Gurt: Damit reden wir über das neue Paulinum. Ich glaube, das sehr viele Menschen dieses Gebäude mögen und es imposant finden. Aber es weiß eben auch nicht jeder, warum wir so ein schönes Gebäude haben. Also hier reden wir über Erinnerungen und wie diese  wachgehalten wird.

In der Vergangenheit? Welche Bedeutung hatte das Paulinum dann für die Stadtgeschichte?

Vor '68? Das ist sehr unterschiedlich. Ich denke, hier muss man wirklich differenzieren. Wenn wir uns die Bestrebungen angucken, die es gab, das die Universitätskirche nicht gesprengt wird, dann hat es natürlich für die Widerständler eine enorme Bedeutung. Ich glaube aber, das in der Masse der Bevölkerung die Bedeutung nicht so enorm war. Man muss sich vorstellen, das die Paulinerkirche eine alte Kirche war. Sie war von außen damals, jetzt muss ich natürlich vorsichtig sein, kein so imposantes Gebäude wie heute. Und jetzt kommt noch etwas anderes hinzu: Viele Bürger von Leipzig haben gedacht, das die Paulinerkirche zerstört ist.  

Können Sie kurz mal erklären, warum die Paulinerkirche 1968 überhaupt gesprengt wurde?

In den 50er Jahren gab es die erste Baukonferenz. Hier wurde schon beschlossen, das die Zentren der Städte sozialistisch aufgebaut werden sollen. Sozialistisch hieß: Man benötigte Aufmarschstraßen und große Plätze. Dafür war dieser Platz prädesziniert und in den Augen eines Sozialisten ist die Kirche ein Dorn im Auge gewesen. Für Leipzig kommt noch etwas anderes hinzu: Es gab Paul Fröhlich. Er war erster Sekretär der SED-Bezirksleitung und Mitglied des Politbüros. Das heißt, das er diese Beschlüsse mitgetragen und für Leipzig umgesetzt hat. Ich glaube, er war nochmal eine große Schubkraft in dieser Hinsicht.

Sie haben jetzt gerade von Widerstand geredet. Gab es viel Widerstand?

Es gab sehr intensiven Widerstand. Dieses viel in ihrer Frage deutet ja auf die Quantität hin, die Masse der Leipziger hat nicht protestiert.

Die Paulinerkirche wurde gesprengt, weil das DDR-Regime damals gegen das Kirchliche vorgehen wollte. Jetzt wurden 52,5 Millionen Euro in den Wiederaufbau investiert. Warum wurde das gemacht?

Das hat ganz viel mit der Erinnerung zu tun und mit dem Bewahren an unsere geschichtliche Vergangenheit. Man wollte natürlich ermahnen, das so etwas nicht wieder passiert. Das was sie vorhin gesagt haben, das die DDR gegen die Kirche war, das würde ich etwas abschwächen. Ja, im Grunde war sie es, aber sie ist nicht so offen aufgetreten. Paul Fröhlich hat damals dazu gesagt: „Ach wissen sie, ich hab nichts gegen die Kirche. Ich bin Atheist. Wenn die Paulinerkirche nicht gerade an dieser Stelle stehen würde, könnte sie stehen bleiben. Aber wir haben noch die Thomas- und die Nikolaikirche.“

Kann das Paulinum auch in Zukunft wichtig für die städtische Kultur sein oder es ist es mehr oder weniger nur ein festhalten an die Geschichte und Vergangenes?

Nein, sie sehen durch die Architektur, das hier etwas ganz anderes entstanden ist. Natürlich ist das wichtig für die städtische Geschichte, für die Universität Leipzig. Also für Studenten, die hier herkommen, für Mitarbeiter, die frisch eingestellt werden, Nicht-Leipziger, die Leipzig besuchen, sind wirklich beeindruckt von diesem Gebäude. Insofern spielt das in jeder Hinsicht eine Rolle.

 

Kommentare

Meine Güte, selbst das Studentenradio schafft es nicht, das Unigebäude korrekt zu bezeichnen. Auf dem Bild ist das Paulinum zu sehen! Es ist NICHT die Universitätskirche. Die ist der Andachtsraum IN dem Paulinum.

Nach all den Querelen, die die Uni durchstehen musste und noch vor sich hat, sollten doch wenigstens ihre Studenten ihr nicht noch in den Rücken fallen.

@Jana Steinhaus Hallo Nina, danke für den Hinweis. Wir haben den Bildtitel geändert.

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