Neue Stolpersteine

Gedenken an NS-Opfer

Vor dem evangelischen Diakonissenkrankenhaus in Lindenau wurde einer von 22 neuen Stolpersteinen verlegt. Dieser erinnert an Marie Runkel, die dort von 1913 bis 1935 gelebt und gearbeitet hat. Ein Portrait über diese Frau.
Stolperstein vor dem Diakonissenkrankenhaus für Anna Marie Runkel
Stolperstein als Gedenken an Marie Runkel

Wie in 21 weiteren europäischen Ländern gibt es in Deutschland Stolpersteine, die in die Gehwege eingelassen sind. Diese kleinen Steine mit Messingplatte sind Gedenktafeln für Opfer des NS-Regimes. Darunter fallen all jene, die in der NS-Zeit verfolgt, vertrieben, ermordet, deportiert oder in den Suizid getrieben wurden. Dies betraf insbesondere Menschen jüdischen Glaubens, Behinderte und psychisch Erkrankte. Seit 1992 verlegt der Künstler Gunter Demnig die Steine vor Häuser, in denen die NS-Opfer zuletzt frei gewählt gelebt haben.

Portrait Marie Runkel

Anna Marie Runkel wurde 1878 in Merseburg geboren und arbeitete nach ihrer Schulzeit 13 Jahre lang als Dienstmädchen. Danach entschied sie sich, den Beruf der Krankenpflege zu erlernen. 1913 wurde sie im Alter von 35 Jahren zur Diakonisse eingesegnet. Sie arbeitete in verschiedenen Krankenhäusern im Leipziger Raum und war insgesamt 25 Jahre lang als Krankenschwester tätig. Nach Michael Kühne, Rektor des Diakonissenhauses, habe sie dies auch sehr gut gemacht:

Nach allen Zeitzeugnissen, die wir kennen, also etwa Einschätzungen von Pfarrern in den Kirchengemeinden oder Ärzten und leitenden Schwestern in den Krankenhäusern, überall eine ganz vorbildliche Arbeit gemacht, immer den Menschen sehr nachgegangen und sich sehr eingesetzt für die Patienten oder eben die Familien.

Der Rektor des Diakonissenkrankenhauses über Marie Runkel

Diagnose Schizophrenie

Schon seit Jahren hörte Marie Runkel Stimmen, wie ein Briefwechsel einer ihr nahestehenden Person zeigt:

Gerade ist Schwester Marie noch einmal hier, und fragt – da sie heute Nachmittag untersucht werden solle – ob sie denn Herrn Dr. alles erzählen sollte. Sie hört seit Jahren Stimmen, die ihr dies und das befehlen, zu tun […] oder neulich sah sie Goethe leibhaftig, oder einen Schwarm von lachenden Gestalten, die mit der Nachtschwester hereinkamen und wieder mit ihr herausgingen.

Briefwechsel über Marie Runkel

Im Alter von 57 Jahren brach ihre psychische Erkrankung aus und sie wurde in die Leipziger Universitätsnervenklinik eingewiesen. Noch im gleichen Jahr, 1935, kam Marie Runkel in die Heil- und Pflegeanstalt Dösen. Nachdem eine Schizophrenie diagnostiziert wurde, blieb sie dort sechs Jahre lang. Ihr letzter Aufenthaltstort war im März 1941 die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Dort wurde sie in der Gaskammer ermordet. Im offiziellen Brief an ihre Schwester gibt die Anstalt bekannt:

Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, daß Ihre Schwester, Anna Marie Runkel […] am 27. März 1941 infolge [einer] Hirnschwellung verstorben ist. […] Aufgrund von behördlichen Anordnungen, die mit Kriegsmaßnahmen in Verbindung stehen, wurde […] zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten die sofortige Einäscherung sowie Desinfektion des Nachlasses verfügt […]. Der Einverständniserklärung bedarf es in diesem Falle nicht.

Offizieller Brief der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein an die Schwester Runkels

Offiziell wurde sie auf dem Anstaltsfriedhof in Pirna-Sonnenstein beigesetzt. Ihre Asche wurde aber vermutlich hinter dem Tötungsgebäude einen Hang hinabgeschüttet und dem Wunsch der Familie, die Urne an das Diakonissenhaus zu übermitteln, wurde nicht nachgekommen.

 

Den Beitrag gibt es hier zum Nachhören:

Ein Beitrag von Nicole Franz über Marie Runkel
Potrait Marie Runkel
 

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Franca Völkel
21.06.2018 - 19:02