Frisch gepresst: The Internet

Funk Verführung

Mit ihrem letzten Album „Ego Death“ ist The Internet ein echtes Kunststück gelungen. Die Indie-Fachpresse und der Mainstream waren sich ausnahmsweise mal einig - Prädikat: Sehr gut. Mit „Hive Mind“ steht jetzt der Nachfolger in den Plattenläden.
The Internet

Gegründet wurde die Gruppe von Frontsängerin Syd und Matt Martians, die beide aus dem Odd Future Kollektiv um Tyler, the Creator stammen. Es erscheint geradezu ironisch, dass sich ausgerechnet aus dieser exzentrisch schrillen Hip-Hop Crew der so weiche Soulsound von The Internet gebildet hat. Doch gerade in den liebevoll gebastelten Beats, die unter den sanften Melodieläufen liegen, wird dieser Hip-Hop Einfluss doch spürbar.

Perspektivwechsel

„Hive Mind“ knüpft als vierter Longplayer der Band nahtlos an seine Vorgänger an. Die meisten Songs sind sehr ruhig gehalten, oft mit langsamen Grundbeat. Darüber schwebt die Stimme von Frontsängerin Syd scheinbar schwerelos und formt warm klingende Melodieverläufe, mal im Vordergrund, mal eher begleitend in den Dienst des Gesamtwerks gestellt. Immer wieder wechselt der Fokus von ihrer Stimme auf die Instrumentalisierung und zurück. Die Perspektive ändert sich, als würde man eine Szene aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Es entstehen häufig Überraschungsmomente. „Come Over“ fadet aus, als wäre der Song vorbei, um dann noch einmal einen Ausschnitt zu präsentieren, der im Kontrast zum restlichen Song steht. Auch „It Get’s Better“ senkt sich einem vermeintlichen Ende entgegen, um dann aus dem Nichts mit einem Rappart aufzutrumpfen. Diese unerwarteten Wechsel geben den Songs einen dialektischen Charakter. Entgegengesetzte Parts, die in ihrer Auflösung ineinander ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

All About that Bass

In „Beat Goes On“ wird das Ganze auf die Spitze getrieben. Er ist in der Mitte geteilt. Der Song sticht generell aus dem Rest des Albums hervor. Der Beat ist schneller, treibender. Statt Syd wählen The Internet mit Bandmitglied Steve Lacy eine männliche Gesangstimme. Der Track wirkt hektischer und weniger melodiös. Auch „Mood“ hebt sich von den anderen Songs ab. Mit monotonem Beat, sowie nüchternem Sprech-Refrain erscheint er kälter und abweisender, streckt dem Hörenden mit seiner Hook am Ende jedoch gleichzeitig schüchtern die Hand zur Einladung entgegen. Das komplette Gegenteil verkörpert „La Di Da“, der mit beschwingten Latin Rhythmen vorprescht und einer sehr direkten Tanzaufforderung gleichkommt. Doch egal wie unterschiedlich die Stimmungen sind, die die verschiedenen Tracks ausmachen, liegt doch unter fast allem ein virtuos gewebtes Bett aus Bassläufen, auf die es sich definitiv zu achten lohnt.

Sexuelle Spannung

Das Album trägt etwas ungemein Sexuelles in sich. Frontsängerin Syd ist offen homosexuell und lebt das auch in ihrer Musik aus. Sie ist dabei oft auf Verführung aus, allerdings mit einer gewissen Unsicherheit. So fragt sie in „Stay the Night“ schüchtern: „Maybe you should stay the night/ Why don’t you just stay the night?“

Oder flirtet in im weltentrückten „Wanna Be“: „Girl You got me wondering/ if we should be more than friends/[...] Do You Wanna be my girl?“

.

Prädikat: Sehr Gut

Mit „Hive Mind“ ist The Internet ein würdiger Nachfolger für ihr Hit-Album „Ego Death“ gelungen. Das Album kommt mit weniger Kollaborationen aus, als seine Vorgänger. The Internet scheinen sich auf sich selbst konzentriert zu haben. Die Tracks wirken dadurch reduzierter, aber trotzdem vielschichtig. Die Platte bietet weniger individuelle Highlights, überzeugt aber als homogen stimmiges Gesamtwerk.

 

Kommentieren

Jonas Enke
24.07.2018 - 09:05
  Kultur

The Internet: Hive Mind

Tracklist:

1. Come Together
2. Roll (Burbank Funk)* 
3. Come Over* 
4. La Di Da*
5. Stay the Night 
6. Bravo 
7. Mood*
8. Next Time/Humble Pie 
9. It Gets Better (With Time) 
10. Look What U Started 
11. Wanna Be 
12. Beat Goes On*
13. Hold On

*Anspieltipps