Theaterrezension

Für die Liebe keine Chance

Das Motto der neuen Spielzeit im Schauspiel lautet "Angst oder Liebe". Mit der Inszenierung von "Kasimir und Karoline" eröffnet Intendant und Regisseur Enrico Lübbe die Spielzeit. Das Motto trifft das Stück perfekt.
Karoline und Kasimir stehen abgewandt voneinander
Zwischen Aufstiegswille und Abstiegsangst: Karoline und Kasimir

Am Samstag wurde in München das Oktoberfest eröffnet und in Leipzig die Spielzeit am Schauspiel – mit einem Stück, das auf dem Oktoberfest spielt. Schauspiel-Intendant Enrico Lübbe hat "Kasimir und Karoline" von Ödön von Horváth zum Start in die neue Saison gewählt. Damit kommt das Stück zurück nach Leipzig, hier hatte es 1932 Premiere.

Zwischen Liebe und Angst

Die Essenz der Geschichte ist schnell erzählt. Das Liebespaar Kasimir und Karoline ist auf dem Oktoberfest. Während Karoline (Daniela Keckeis) sich auf einen Tag voller Spaß freut, ist Kasimir (Wenzel Banneyer) zutiefst deprimiert. Er hat am Tag zuvor seine Arbeit verloren. Es ist Ende der 1920er-Jahre, die Weltwirtschaftskrise greift um sich. Karoline zweifelt an ihrer Liebe. Die beiden streiten, meist ohne sich anzuschauen. Sie stehen steif auf der Bühne und machen sich gegenseitig Vorwürfe:

Du kannst natürlich leicht lachen. Ich habe es dir doch gleich gesagt, dass ich unter keinen Umständen auf dein Oktoberfest geh. Gestern abgebaut und morgen stempeln, aber heut sich amüsieren. Und vielleicht sogar noch mit lachendem Gesicht. – Ich hab ja gar nicht gelacht. – Natürlich hast du gelacht. Und das darfst du ja auch, du verdienst ja noch was und lebst bei deinen Eltern, die ja pensionsberechtigt sind.

Kasimir und Karoline

An einem Eisstand lernt Karoline einen Mann kennen: Schürzinger (Michael Pempelforth). Er ist Zuschneider und somit gesellschaftlich besser gestellt als der arbeitslose Chauffeur Kasimir. Karoline macht ihm schöne Augen und sie fahren gemeinsam Achterbahn. Schürzinger scheint der Mann zu sein, den sie jetzt braucht, einer, mit dem sie Spaß haben kann und bei dem sie ihre Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg vergessen kann.

Karoline sucht nach neuen Perspektiven und lernt andere Männer kennen.
Karoline sucht nach neuen Perspektiven und lernt andere Männer kennen.

Die neue Konstellation wird ergänzt durch Kommerzienrat Rauch (Roman Kaminski) und dessen Bekannten Speer (Andreas Keller), die ebenfalls um Karoline buhlen.

Seltene Momente der Heiterkeit

Das geht so weit, dass sich die älteren Herren in einer Rauferei mit den herumstehenden Stühlen attackieren. Es ist eine der wenigen Stellen am Abend, die für Heiterkeit sorgen. Denn obwohl das Stück auf dem Oktoberfest spielt - ausgelassene Stimmung kommt kaum auf.

Enrico Lübbe und Bühnenbildner Hugo Gretler haben sich für ein karges Bühnenbild entschieden. Die Umgebung erinnert an eine alte Industrie- oder Wartehalle. Gelbliches Licht sorgt für triste Atmosphäre. Für Prunk sorgt lediglich eine Loge oberhalb der Bühne, in der hinter Glas und roten Samtvorhängen gemütliche Sessel stehen. Dort oben stehen aber nur diejenigen, die auch gesellschaftlich oben stehen. Es ist die Verbildlichung von "die da unten, die da oben". Die Verfremdung der Kulisse wirft zunächst Fragen auf, bietet aber Raum für Interpretation und unterstreicht die Tristesse der Grundstimmung.

Spannende Stille

Häufig dominiert Stille das Spiel. Autor Ödön von Horváth hat die Regieanweisung "Stille" 127 Mal in sein Werk geschrieben. Auf der Bühne bedeutet es, diese Stillen zu füllen. Und zwar durch gelungenes Spiel.

Es ist halt einfacher, das große Geschütz aufzufahren, mit Chören und Videoproduktionen, das können wir auch, das ist sehr wirkungsvoll, aber für einen Spieler ist das, was bei Kasimir und Karoline passiert, viel anstrengender.

Enrico Lübbe, Regisseur

Das erzeugt eine enorme Spannung, die auch die Zuschauer zwingen, sie auszuhalten. Meistens gelingt es dem Ensemble, die Spannung zu halten.

Ein ständiges Flirren

Es geht nicht rapide dramatisch abwärts, es flirrt die ganze Zeit.

Enrico Lübbe, Regisseur

Dieses Flirren unterstreicht der Verrophon-Spieler Philipp Marguerre gelegentlich. Das Instrument besteht aus langen Glasröhren, auf deren Rändern Marguerre mit nassen Fingern reibt.

Verrophon-Spieler Philipp Marguerre

Es ist ein klirrender, fiepender Klang, der den Saal erfüllt und hohe Spannung aufbaut. Es ist schade, dass dieses Instrument an nur wenigen Stellen eingesetzt wird. Die erzeugte Intensität der Atmosphäre passt sehr gut zur Grundstimmung.

Blick nach oben: Der Zeppelin begeistert alle.
Blick nach oben: Der Zeppelin begeistert alle.
Doch trotz häufiger spannungsvoller Momente gibt es Längen. Etwa zweieinhalb Stunden ist das Stück lang.

Diese wird in unregelmäßigen Abständen gebrochen von einem extrem lauten Rattern - Donner, Achterbahn oder Schnellzug? - in Begleitung von Stroboskoplichtern, was manches Mal für erschrecktes Aufzucken sorgt.

Dann wieder stimmt ein Chor in melancholischer Art Volkslieder in monotonen Loops an und baut erneut Spannung auf.

Der Blick von der anderen Seite

Karolines Flirten bleibt nicht unbeobachtet. Kasimirs düsterer Blick streift seine Verlobte. Schauspieler Wenzel Banneyer gelingt es, Kasimirs unterdrückten Zorn glaubhaft zu zeigen. Oft stakst er über die Bühne, muss sich beherrschen und dann rückt er seine Hose am Bund zurecht. Auch Daniela Keckeis überzeugt mit ihrer Interpretation der Karoline, auch wenn diese Figur nicht sonderlich sympathisch daherkommt. Die Intention ihrer Handlungen bewegt sich zwischen Naivität und Berechnung.

Kasimir und Karoline entzweien sich.
Eifersucht statt Jahrmarktsstimmung: Kasimir und Karoline entfernen sich voneinander.

Trotz der darstellerischen Leistung und manchem spannungsgeladenen Moment schleichen sich Längen in das Stück ein. Nach der Pause hätte man einen Knall erwarten können - der aber ausbleibt.

Mit der Grundthematik passt das Stück ausgezeichnet in diese Spielzeit, denn sowohl die Angst, als auch die Liebe sind omnipräsent. Am Ende müssen sich Kasimir und Karoline für eines entscheiden. Doch auch wenn es die Spielzeit wunderbar repräsentiert, so war der Auftakt weniger fulminant.

Hören Sie hier das Gespräch zwischen Moderator Thilo Körting und Redakteurin Nadja Bascheck nach:
Thilo Körting im Gespräch mit Nadja Bascheck über "Kasimir und Karoline".
1809 Kasimir und Karoline
 

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