Das lange Interview mit Julius Fischer

"Früher war es ein bisschen schmutziger"

Vom Poetry-Slammer zum Moderator, vom Musiker zum Autor: Julius Fischer hat viele Facetten. Im langen Interview spricht er über die Entwicklung des Poetry-Slams, seine Sendung "Comedy mit Karsten" und wie man im Zug garantiert alleine sitzen kann.
Julius Fischer
Julius Fischer zu Gast bei mephisto 97.6

Seine ersten Schritte auf einer Bühne hat Julius Fischer als Kind beim Theater gemacht. Als Student in Leipzig hat er angefangen, eigene Texte zu verfassen und bei Poetry-Slams vorzutragen. Heute tritt er vor allem auf der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz auf. Dabei weist er darauf hin, dass eine Lesebühne mit Poetry-Slam grundsätzlich nichts zu tun habe.

Das Angenehme bei der Lesebühne ist, dass es diesen Wettbewerb nicht gibt.

Julius Fischer

Eine Lesebühne biete Dichter*innen und Autor*innen eine Plattform, Texte vorzutragen und andere Texte zu hören, ohne dass am Ende ein Sieger gekürt werde. Bei einem Poetry-Slam hänge dagegen von der Entscheidung des Publikums ab, wer gewinnt. Das gebe den Slams den Charakter eines Dichter*innenwettstreits.

Poetry-Slam damals und heute

Seit 2004 gehört Julius Fischer der Poetry-Slam-Szene an und hat ihre Veränderungen seitdem miterlebt. Seine Ursprünge habe der Leipziger Slam in einem Internetcafé in der Härtelstraße, das es heute nicht mehr gibt. Von da zog man ins Horns Erben und in Ilses Erika. Dort sei das Publikum kleiner und erlesener und die Atmosphäre in den engen Räumlichkeiten anders gewesen als heute.

Früher war alles ein bisschen schmutziger. Sowohl Slams als auch Lesebühnen.

Julius Fischer

Seit Poetry-Slams und Lesebühnen immer bekannter werden, rücke auch das Publikum in Richtung Mainstream. Anteil daran habe Julia Engelmann. Julius Fischer erzählt, dass ihr bekannter Text sowohl Vorteile als auch Nachteile für die Slam-Szene bedeutet habe. Zum einen seien die Veranstaltungen besser besucht, zum anderen seien alle Textpräsentationen mit denen Julia Engelmanns verglichen worden. Poetry-Slam sei plötzlich nur noch Julia Engelmann. Außerdem habe sich der Zugang zu Slams verändert. Durch Internet-Plattformen, wie Youtube, seien die Texte und ihre Autor*innen viel präsenter. Julius Fischer spricht von einer Medialisierung der Slam-Texte, durch die Poetry-Slams von der Bühne ins Internet verlagert werden.

Von Menschenhass und Mettbrötchen

Nicht nur als Poetry-Slammer lässt Julius Fischer seiner Kreativität freien Lauf, auch als Autor probiert er sich aus. Sein neues Buch heißt: „Ich hasse Menschen: Eine Abschweifung“. Dabei handelt es sich um eine aus seinen Bühnentexten zusammengestellte Geschichte. Der Titel solle jedoch nicht seine mi­s­an­th­ro­pische Seite darstellen - vielmehr gehe es ihm darum, unter anderem Internethass entgegenzuwirken.

Ich kommentiere nicht im Internet unter irgendwelchen Dingen, die mir nicht gefallen. Ich warte ein bisschen, denke darüber nach und schreibe dann ein Buch.

Julius Fischer

Sein Buch enthalte auch wahre Geschichten. Zum Beispiel, wie ein Mann ihm gegenüber in der Bahn lautstark Möhre isst, was er durchaus als störend empfand. Er verrät aber, dass auch er selbst einen ähnlichen Trick anwendet, wenn er im Zug alleine sitzen möchte:

Gerade in der Zeit wo ich viel rumgetourt bin, verkatert war und keine Lust hatte, dass sich jemand neben mich setzt, habe ich mit Absicht ein Mettbrötchen mit Zwiebeln gekauft.

Julius Fischer

Innovation beim MDR

Als Moderator beim MDR präsentiert Julius Fischer zusammen mit seinem Co-Moderator und Bandkollegen Christian Meyer die Sendung „Comedy mit Karsten“. Er selbst nennt die Sendung eine Plattformshow. Da der MDR Innovation in sein Programm bringen wolle, halte er an solchen Formaten fest.

Es gibt nicht nur Schlager. Unterhaltung besteht auch aus der Präsentation von Text, aus der Umrahmung von Comedians, aus Musik, aus einer tollen Moderation, all das ist Unterhaltung.

Julius Fischer

Außerdem moderiert er das MDR-Format „Slamdr“. Dort tragen Poetry-Slammer*innen ihre Texte vor. Dabei solle es vor allem um die Texte selbst gehen, sagt Fischer. Kein langes Gequatsche der Moderatoren, sondern nur der pure Text. Das selbst sei zwar keine komplett innovative Idee, allerdings gehe es Julius Fischer darum, die Textpräsentation als Kunstform zu zeigen.

Hier können Sie das komplette Interview mit Julius Fischer nachhören:

Moderator Paul Materne im Gespräch mit Julius Fischer

Redaktion: Paul Materne & Annika Sparenborg

0703 M19 imt Julius Fischer
 

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Helena Engelbert
07.03.2018 - 16:42
  Kultur