Europawahl

Früchte einer gemeinsamen Wissenschaft

Welche Bedeutung hat der akademische Austausch von Wissen und Personal für die Europäische Union? Bei der Max-Planck-Gesellschaft und an der Universität Leipzig haben wir konkret vor Ort nach Antworten gesucht.
Der bisherige Austausch von wissenschaftlichem Personal und Forschungsergebnissen ist allen Widrigkeiten zum Trotz ein Erfolg.

Förderung und sprichwörtlich grenzenloser Austausch wissenschaftlicher Arbeit - iese Punkte werden gerne als Erfolgsbeispiele für die Europäische Union aufgeführt. Während des Europawahlkampfes in den letzten Wochen sind diese Themen jedoch rar gesät.

Leipzig ist ein Standort zahlreicher wissenschaftlicher Insitutionen. Sowohl die Universität Leipzig als auch die mit drei Instituten ansässige Max-Planck-Gesellschaft sind akademische Schwergewichte. Grund genug, um im Rahmen der Europawahl einmal ganz konkret zu schauen, wie die Europäische Union Wissenschaft und akademischen Austausch vor Ort fördert.

Max Planck und der europäische Horizont

Alexander Otte, EU-Regional-Koordinator für Sachsen und Sachsen-Anhalt
Alexander Otte, EU-Regional-Koordinator für Sachsen und Sachsen-Anhalt

Alexander Otte, EU-Koordinator der Max-Planck-Gesellschaft für die Region Sachsen und Sachsen-Anhalt, hat sein Büro im Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie am Deutschen Platz. Er koordiniert die Anträge der lokalen Institute mit dem europäischen Forschungs-Förderprogramm HORIZON 2020. HORIZON 2020 bildet den Kern der europäischen Forschungsförderung und ist weltweit eines der größten öffentlichen Forschungsförderprogramme.

Neben allen grundsätzlichen Vorteilen einer Wissenschaftsförderung durch die EU, wie zum Beispiel einer gezielten ökonomischen Förderung von internationalen Forschungsprojekten, sieht Alexander Otte auch strukturelle Schwachpunkte hinsichtlich der aktuellen Ausrichtung des Programms. Der Fokus auf Innovationen erschwert beispielsweise die Förderungsmöglichkeiten von Grundlagenforschung.

Man möchte halt gerne für sein Steuergeld, was in die Forschung fließt, Ergebnisse haben, was bei Grundlagenforschung halt relativ schwierig ist. Da sieht man halt nicht sofort was rauskommt.

  

Alexander Otte, EU-Regional-Koordinator für Sachsen und Sachsen-Anhalt am Max-Planck-Institut

Professor Dr. Harald Möller, Leiter der Forschungsgruppe INSPiRE-MED am Max-Planck-Institut
Professor Dr. Harald Möller, Leiter der Forschungsgruppe INSPiRE-MED am Max-Planck-Institut

Professor Dr. Harald Möller, Leiter des EU-geförderten Forschungsprogramms INSPiRE-MED am Max-Planck-Institut für Neuro- und Kognitionswissenschaften, sieht neben positiven Aspekten wie der Vernetzung mit anderen Forschungsinstitutionen ebenfalls einige strukturelle Fallstricke bei EU-Programmen.

Eine teils geforderte Verwebung zwischen Forschung und Wirtschaft ist beispielsweise grundsätzlich positiv zu bewerten, da sie Akademikern neue Berufsperspektiven jenseits der Wissenschaft eröffnen soll. Dennoch kann dieser Punkt auch zum Flaschenhals für Förderprogramme werden, da viele Unternehmen nicht wirklich auf die generelle Einbindung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorbereitet sind.

Die großen Firmen sind jetzt nicht unbedingt so aufgestellt, dass sie permanent Doktoranden ausbilden möchten. Das passt in die Abläufe nicht unbedingt immer rein.

Professor Dr. Harald Möller, Leiter des EU-geförderten Forschungsprogramms INSPiRE-MED am Max-Planck-Institut

Hinsichtlich des anstehenden BREXIT ist der Tenor bei allen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern gleich. Es handelt sich quasi um eine loose-loose-Situation: die EU verliere potenziell einen starken Forschungspartner mit dem Vereinigten Königreich. Forschungsinstitutionen in Großbritannien wiederum verlieren potenziell den Zugang zu EU-Fördertöpfen, bei denen sie bisher besonders erfolgreich eingeworben haben.

Leipzig, Erasmus und Bologna – Eine schwierige Dreiecksbeziehung

Dr. Svend Poller, Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Universität Leipzig

Das akademische Auslandsamt der Universität Leipzig ist ein besonders starker Partner des ERASMUS+ Hochschulprogramms der Europäischen Union. Die Alma Mater liegt bei Fördersummen und Studentenaustauschzahlen beständig unter den Top-10-Standorten in Deutschland.

Was jedoch nur wenige wissen ist, dass nicht nur Studierende und Studienaustausch gefördert werden. Grundsätzlich können auch viele Mitarbeitenden der Universität, von Dozierenden bis zur Verwaltungsebene, Austauschprogramme in Anspruch nehmen. Zudem zählen auch Praktika für Studierende zu dem Förderprogramm. Bei diesen Punkten ist die Leipziger Universität sogar besonders stark aufgestellt.

Im zurückliegenden Jahr haben wir den Platz eins für die Auslandspraktika errungen.

Dr. Svend Poller, Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Universität Leipzig

Jane Moros, Sachbearbeiterin im Auslandsamt der Universität Leipzig

Dass Hochschulprojekte der EU jedoch nicht immer im Einklang zueinander stehen, kann man in besonderem Maße an der problematischen Konstellation von Bologna-Prozess und dem Erasmus-Austauschprogramm sehen.

Der Bologna-Prozess sollte durch die europaweite Vereinheitlichung der Studiengänge eigentlich einen unkomplizierten Wechsel von Studenten zwischen europäischen Universitäten ermöglichen. Durch eine starre Studienstruktur und eine unterschiedliche Wertung von Studienleistungen ist jedoch teilweise eine gegenteilige Wirkung erzielt worden.

Auch die Zahlen der Universität Leipzig sprechen hier eine deutliche Sprache: Erst im vergangenen Jahr hat die Zahl der Studierenden, die sich für ein entsprechendes Austauschprogramm entschieden haben, wieder das Niveau von 2007/08 erreicht, nachdem sie zwischenzeitlich um fast 30 Prozent eingebrochen ist.

Und wie hält es das Auslandsamt mit dem BREXIT ? Alle Studierenden werden bis zum Wintersemester 2019/20 sicher gefördert, unterstreicht Jane Moros vom Büro für Erstberatungen von Studierenden. Was ab 2020 geschieht, sei jedoch letztlich unklar und hänge vor allem von den Entscheidungen auf der Insel ab.

Jane Moros ist jedoch grundsätzlich hoffnungsfroh und unterstreicht abschließend noch einmal überzeugt den Wert des ERASMUS-Programms.

Ich denke das ist ein ganz wichtiger Pfeiler des europäischen Zusammenhalts.

Jane Moros, Sachbearbeiterin f. Auslandsstudienberatung an der Universität Leipzig

Im Gespräch mit allen Institutionen wird am Ende immer deutlich: Der bisherige Austausch von wissenschaftlichem Personal und Forschungsergebnissen ist allen Widrigkeiten zum Trotz ein Erfolgsmodell.

Das dieses Modell auch jenseits der spröden Wissenschaft Früchte trägt, zeigt eine Studie von 2014. Wie die Europäische Kommission ermittelte, führen unter ehemaligen Erasmus-Studenten 27 Prozent eine internationale Beziehung, im Gegensatz zu 13 Prozent der Befragten ohne Auslandsaufenthalt. Angesichts der zunehmenden nationalen Bestrebungen in Europa wohl ein mehr als überzeugendes weiteres Argument für das Wissenschaftsprojekt Europäische Union.

Der Beitrag zum Nachhören:

Der Bericht von Dennis Osmanovic über den akademischen Austausch in der EU (Teil 1)
Europawahl -Akademischer Austausch in der EU (MPI)
Der Bericht von Dennis Osmanovic über die Europawahl und den akademischen Austausch in der EU (Teil 2)
Europawahl -Akademischer Austausch in der EU (Universität Leipzig)
 

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Dennis Osmanovic
26.05.2019 - 15:15