Frisch Gepresst: Marika Hackman

Die lüsterne Jungfrau

Emotionale Distanz, Bettgeschichten und Masturbationshymnen - Hackmans drittes Album ist sexy, unkonventionell und witzig. Auf „Any Human Friend“ will sie über die Themen reden, die im Pop oft missverstanden werden.
Marika Hackman
Marika Hackman lässt auf „Any Human Friend“ nichts unausgesprochen.

Marika Hackmans Eltern sind laut den Angaben ihrer Tochter tolerant und fortschrittlich. Trotzdem reagierten sie schockiert, als ihnen die mittlerweile 27-jährige zum ersten Mal den Song „all night“ vorspielte. Grund war nicht die musikalische Qualität, sondern der Inhalt. Hackman lobt die Vorzüge des Sex unter Frauen und findet dafür deutliche Worte:

We go down on one another (We go down on one another)
You're my favourite kind of lover (You're my favourite kind of lover)
With your kissing, fucking (Eating, moaning)
Kiss it, fuck it (Eating)

Marika Hackman, „all night“

Dank „Any Human Friend“ haben jetzt nicht nur Hackmans Eltern einen glasklaren Blick in ihr Sexleben, sondern auch alle anderen. „all night“ ist nur einer von elf Songs, in denen sich die Engländerin entblößt: verbal, emotional - und durch das Albumcover auch visuell. Darauf steht sie nur mit Socken und Unterhose bekleidet vor einer weißen Wand und schaut direkt in die Kamera. Auf Brusthöhe hält sie ein Ferkel. Inspiriert wurde das Foto von der Niederländerin Rineke Dijkstra, die unter anderem Mütter direkt nach der Entbindung portraitierte. Genauso roh und unretouschiert will Hackman gesehen und gehört werden.

 

Lasst die Sau raus

„Any Human Friend“ versorgt uns mit Hymnen für alle Themen, die sonst oft nur im Tagebuch landen: „i'm not where you are“ ist das Anthem der emotionalen Unverfügbarkeit, „conventional ride“ widmet Hackman allen „straight girls“ - also hetereosexuellen Frauen, die Sex mit anderen Frauen vordergründig als Experiment verstehen - und und „all night“ beschreibt eben die rein weibliche Fleischeslust. Die homosexuelle Singer-Songwriterin war es leid, dass ihre Sexualität in der Popmusik entweder als Experiment belächelt oder zum männlichen Fetisch degradiert wird. Hackman will das ändern und ihr Sex- und Liebesleben deshalb so realistisch darstellen wie möglich.

Zu diesem Vorhaben gehört auch, dass sie an ihren Emotionen nichts ausspart. Ihre Trennung von Kollegin Amber Bain (The Japanese House) wird deshalb ebenso Thema wie One-Night-Stands und Masturbation. In „send my love“ singt Hackman (aus Bains Sicht) über sich selbst und ihre Makel - ein ehrliches und empathisches Schuldeingeständnis:

Take a bow
Is your mother proud?
You're selfish and you're sore
Are you coming home to play the whore?
If you loved me tonight, you'd get the fuck out my sight
'Cause it's never gonna be we can start again
Strangers in my bed

Marika Hackman, „send my love“

Der fünf-minütige Track endet in einem brillianten Outro: Der sanft pochende Soundteppich wird von einer E-Gitarre durchschnitten, während Hackman mit verzerrter Stimme immer wieder die ersten Zeilen von „hand solo“ haucht. Diese selbsternannte „Wichshymne“ beschäftigt sich ausschließlich mit weiblicher Masturbation. Der Mythos vom vermeintlichen Erblinden durch zu viel Selbstbefriedigung und die Frage, wie sie jemals entjungfert werden sollen (wo sie doch leider gar kein Interesse an penetrativen Sex hat) - beide konfrontiert Hackman mit mächtigem Anlauf:

When I go blind, will you keep in mind
I had fun, I got it on? Endorphins
I gave it all, but under patriarchal law
I'm gonna die a virgin

Marika Hackman, „hand solo“

Während in den Zeilen „Creased sheets / leave my right hand free / it's hard to be alone“ in „send my love“ noch Trennungsschmerz und Einsamkeit durchsickern, klingen dieselben Worte kurz darauf in „hand solo“ cool und selbstbewusst. Nur eins von zahlreichen Beispielen für Marika Hackmans grandioses Textgenie.

Handjobs und Handwerk

Ihre süffisanten Texte wickelt Hackman in dazu passende Soundgewänder. Sie wolle niemals ein Album zweimal machen, sagte sie in einem Interview. „Any Human Friend“ unterscheidet sich merklich von seinen Vorgängern, führt aber auch ein paar Faden wiederzusammen. Hackmans spukige Folkwurzeln schimmern im Titelsong „any human friend“, aber auch in „send my love“ durch. Hinzukommt die erdige E-Gitarre, die sich auch auf Hackmans letztem Album „I'm Not Your Man“ (2017) als dienlich erwiesen hat. Diese Mischung plus ein paar Spielereien an Synthies und Streichern - fertig ist der leicht frostige und doch butterweiche Sound von „Any Human Friend“.

Ich weiß nicht, was du an mir siehst, klagt Hackman in „i'm not where you are“. „Any Human Friend“ klärt diese Frage ein weiteres Mal: Hackman ist eine begabte Musikerin, singt federleicht, cool und bedrückt zugleich und schreibt Melodien, die man aufsaugt wie ein trockener Schwamm. Feinstes Handwerk, dass mit Hackmans Selbstironie, Offenheit und Coolness gekrönt wird. Somit wirkt „Any Human Friend“ trotz den ernsten Themen eher lustig, als abwertend. Weil, egal wer von Hackman sein Fett wegbekommt - sie stellt sicher, dass sie bei sich selbst den Anfang macht.

 

 

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Marika Hackman: Any Human Friend

Tracklist:

1) wanderlust
2) the one
3) all night
4) blow
5) i'm not where you are*
6) send my love
7) hand solo*
8) conventional ride
9) come undone*
10) hold on
11) any human friend

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 09.08.2019
AMF Records / Virgin EMI Records