Essstörungen

Forscherkongress an der Uni Leipzig

Essanfälle, Essen wieder erbrechen, gar nichts essen - Wenn das eigene Essverhalten krank macht, wird es Zeit, zum Therapeuten zu gehen. Oder den Computer an zu machen? Internettherapie, Früherkennung und Neurotherapie sind die Themen des Kongresses.
Spitzenforscher zu Gast in Leipzig. Von links: Anja Hilbert, Elisabet Wentz, Tracey Wade und Christopher Fairburn
Spitzenforscher zu Gast in Leipzig. Von links: Anja Hilbert, Elisabet Wentz, Tracey Wade und Christopher Fairburn

Seit 17 Jahren findet das jährliche Treffen der Eating Disorders Research Society (EDRS) wieder in Leipzig statt. Noch bis zum Sonntag treffen sich circa 200 Forscher aus der ganzen Welt, um ihr Wissen auszutauschen. Anja Hilbert, Professorin am Adipositaszentrum in Leipzig und Präsidentin der EDRS, erhofft sich vom Kongress vor allem, dass er die Richtung der Forschung für die nächsten Jahre vorgibt, um Esstörungen in Zukunft effektiver diagnostizieren und behandeln zu können.

Selbsthilfe am Computer

Neue Medien, neue Möglichkeiten: In Zukunft wird es vielleicht möglich sein, Essstörungen nicht mehr in Therapiesitzungen zu behandeln, sondern über eine Website. Christopher Fairburn, Professor an der Oxford University, hat die Forschung in diesem Bereich maßgeblich vorangetrieben.

Das Internet kann potentiell nützlich und schädlich sein. Schädlich, weil Leute, die eine Essstörung haben, über Websites Kontakt haben und sich gegenseitig beibringen, wie sie sich Schaden zufügen [...] Doch wir können das Internet auch für gute Dinge nutzen: Wir sind jetzt interessiert an der Frage, wie wir Apps und Websites benutzen können, um Menschen mit Essstörungen zu behandeln.

Christopher Fairburn, Oxford University

Auch Anja Hilbert umriss im Gespräch mit mephisto 97.6, wie so eine Behandlung am Computer aussehen könnte. In einer Studie, die sie vor Kurzem veröffentlicht habe, ging es um internetbasierte, strukturierte Selbsthilfe. Probanden konnten sich auf einer Website geschützt einloggen, und dort Module durcharbeiten. Dort sei es um den Aufbau regelmäßigen, gesunden Essverhaltens gegangen, um Essanfällen vorzubeugen.

Was man weiß aus den ersten Studien ist, dass Websites wirklich hilfreich sein könnten und vor allem Menschen zu einer Selbstbehandlung bringen können, die sonst keine Behandlung erhalten würden, weil sie sich scheuen, einen Psyschotherapeuten auf zu suchen. Das ist, glaube ich, ein wesentlicher Vorteil.

Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin

Ohne Diagnose keine Behandlung

Neben Bulimie, Magersucht und Essanfällen, die relativ gut erforscht sind, gibt es auch Störungen, die bis jetzt nur schwer erkannt werden können.

Ich denke ein wesentlicher Faktor ist auch, dass noch nicht alle Essstörungen bis jetzt gut erforscht und definiert sind. Es gibt viele Erscheinungsformen, und das verändert sich auch je nach Lebensalter, die einfach immer noch nicht gut definiert sind. Und da kann eine Erkennung natürlich auch schwer erfolgen.

Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin

Als Beispiel nennt Hilbert das Loss-of-Control-Eating, das Kontrollverlustessen im Kindesalter. Kinder verlieren die Kontrolle über das, was sie essen. Zwar würden sie nicht unbedingt viel zu sich nehmen, dennoch könne dies eine Vorstufe zu Essanfällen sein. Das Problem sei, dass es noch keine Diagnose für Kinder gebe und deshalb auch keine Behandlung stattfinde.

Elektroden gegen Essstörungen

Das dritte große Thema der Konferenz sind neue Ansätze in der Behandlung von Essstörungen. Diese kommen aus dem Bereich der Neurologie. Hilbert nennt Magnetimpulse und im Gehirn implantierte Elektroden als Möglichkeiten, Gehirnströme zu beeinflussen und damit das Essverhalten zu beeinflussen. Doch diese Ideen seien so neu, dass man schwer sagen könne, ob eine Therapie damit möglich sein wird.

 

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