Theater

Flucht auf rostig-roter Rampe

Das Schauspiel Leipzig bringt "Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen" von Aischylos und Elfriede Jelinek zusammen. Die Inszenierung ist die beste auf der großen Bühne in der Intendanz von Enrico Lübbe.
"Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen" im Schauspielhaus

Eine rostig-rote Rampe hat Bühnenbildner Hugo Gretler in den großen Saal des Schauspielhauses gestellt. Steil ragt sie auf, reicht vom Zuschauerraum bis zum Ende der Bühne und erinnert an den Bauch eines Schiffes. Glatt ist ihre Wand; will man sie erklimmen, rutscht man leicht ab. Bevölkert wird die Rampe von den Schutzflehenden. Sie sind Frauen aus Ägypten, die nach Griechenland geflohen sind und hier um Asyl bitten. Die Geschlechterrollen in Aischylos „Die Schutzflehenden“ hat Regisseur Enrico Lübbe umgedreht: Die Männer werden hier von Frauen gespielt, die geflüchteten Frauen treten als gigantischer Männerchor auf. mephisto 97.6-Redakteur Julien Reimer mit Eindrücken aus der Vorstellung: 

"Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen" im Schauspielhaus – eine Rezension von Julien Reimer
Rezension Schutzflehende

Menschlichkeit oder Frieden?

Im Chor singen ausschließlich Leipziger. Bürger der Stadt in Theaterstücke einzubinden – das war auch schon im antiken griechischen Theater üblich. Die Frauen, hier also die Männer, erbitten das Bleiberecht vom Herrscher der Stadt in der sie Zuflucht suchen. Für den Herrscher besteht das Problem darin, dass ihm seitens der Verfolger der Frauen Krieg droht, wenn er sie beschützt. Ein Dilemma: Menschlichkeit oder Frieden? Durch diesen Grundkonflikt, den es in Abwandlung auch heute gibt, wirkt dieser 2500 Jahre alte Text überraschend frisch – auch wenn sich die Inszenierung durch den Einsatz von Masken und eigentümlichen Schreitbewegungen historistisch gibt.

Stimme der heutigen Flüchtlinge

Nach Aischylos „Schutzflehenden“ kommen Elfriede Jelineks „Schutzbefohlene“ auf die Bühne: Ein Frauen-Chor in strenger Kleidung, mit Zöpfen wie Elfriede Jelinek sie trägt. Das ist die Stimme der Flüchtlinge von heute. Als habe die Ankunft des Chores ein Erdbeben ausgelöst, brechen Teile aus der Schiffswand heraus, Müllsäcke fallen auf die Bühne, die sich zusehends verwüstet. Ein starkes Bild.

Jelineks Wortschwalle

Die Inszenierung scheint uns zu sagen: Die Welt ist nicht mehr so einfach, klar und verständlich wie zu Aischylos‘ Zeiten. Sie ist verworrener geworden. Dem entspricht auch Jelineks Text. In für sie typischer Weise reiht die Autorin Sätze absatzlos aneinander, Wortschwalle ohne zugeschriebene Personen. Drunter und drüber geht ihre Sprache und verheddert sich immer wieder in Wortspielen:

Gibt es diesen Herrn, den Allaufnehmenden? Nein, es gibt ihn nicht. Es gibt keinen Allaufnehmenden. Da könnte jemand eher das All bei sich aufnehmen als alles, als uns, nichts und niemand nimmt uns auf, das ist unerhört! Und unerhört bleiben auch wir.

Aktuelle Sätze in Würstchenkostümen

Jelineks Text ist 2013 entstanden; Anlass waren Flüchtlinge in Wien, die gegen ihre Lebensbedingungen protestierten und in einer Kirche Schutz suchten. Seitdem hat sich die Flüchtlingssituation verschärft, doch Jelineks Text ist damit nicht altbacken geworden. Über konkrete Zeit- und österreichische Ortsbezüge hinaus, stellt der Text Fragen, die auch in der jetzigen Flüchtlingskrise aktuell sind. An einer Stelle der Inszenierung sitzen vier Schauspieler in Würstchen-Kostümen auf Liegestühlen. Die Sätze, die dort fallen, könnten dieser Tage auch beim Bäcker oder in der Straßenbahn zu hören sein:

Heute wollen sie Decken, Wasser und Essen, was werden sie morgen verlangen? Unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Berufe, unsere Häuser, unsere Wohnungen? Was werden sie morgen verlangen. Heute verlangen sie vielleicht noch nichts oder nicht viel, aber morgen wird es viel sein.

Beste Inszenierung der Intendanz

Oft debattiert die Inszenierung Fragen der Gegenwart. Das tut sie trotz der Schwere des Themas mit einer bemerkenswerten sprachlichen Eleganz. Die Chöre, die Marcus Crome einstudiert hat, sprechen in einer klaren Sprache. Enrico Lübbe beweist sich als Regisseur wohldosierter Bildgewalt und pointierter Kürze. So ist „Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen“ die beste Inszenierung auf der großen Bühne des Schauspiel Leipzig seit dem Beginn seiner Intendanz.

 

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"Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek ist auf ihrer Website zu lesen.

Die nächsten Aufführungen von "Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen":

Do, 08. Oktober 19:30 Uhr

Sa, 17. Oktober 19:30 Uhr

So, 01. November 19:30 Uhr

Begleitend zur Inszenierung gibt es eine Gesprächsreihe über die Themen der Stücke. Mehr Informationen gibt es hier.