Berlinale 2019

Vice: Die Macht aus der zweiten Reihe

Vice – die gefeierte Filmbiografie über den mächtigsten U.S.-Vizepräsident aller Zeiten, Dick Cheney, feierte auf der Berlinale Deutschlandpremiere. Adam McKay inszeniert eine schonungslose Satire, die zurecht für mehrere Oscars nominiert ist.
Christian Bale als Dick Cheney im Bunker des Weißen Hauses am 11. September 2001
Christian Bale als Dick Cheney im Bunker des Weißen Hauses am 11. September 2001

Am 11. September 2001 dröhnen in Washington die Sirenen, das Spitzenpersonal wird evakuiert. George Bush selbst ist zu diesem Zeitpunkt gar nicht im Weißen Haus. Und so ist es sein Vize, Dick Cheney, der im Bunker zwischen hektischen Funktionären mit stoischer Selbstverständlichkeit Entscheidungen fällt, die eigentlich dem Präsidenten zustehen. Diese Szene wird zum Angelpunkt des gesamten Films.

Vice wurde geschrieben und inszeniert von Adam McKay, der mit „The Big Short“ bereits einen viel beachteten Film zur Finanzkrise gedreht hat. Sein neues Werk ist ein dokumentarisch aufgemachter Spielfilm, der das politische Leben des Mannes nachzeichnet, der aus der eigentlich repräsentativen Funktion des U.S.-Vizepräsidenten heraus maßgeblich für die Kriege im Irak und in Afghanistan verantwortlich war.

Christian Bale überzeugt

Die Hauptrolle spielt Christian Bale, der Cheney mit verblüffendem Make-up vom Anfang seiner Karriere bis zu deren Ende überzeugend verkörpert. Zu Beginn sieht der Zuschauer Cheney als aussichtslosen Trunkenbold, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Wenig sprach nach einer erfolglosen Zeit am College dafür, dass der Mann aus Wyoming in die einflussreichsten Positionen in Washington vordringen sollte.

Maßgeblich verantwortlich für die Änderung seiner Geschicke ist seine Freundin Lynnie, grandios gespielt von Amy Adams. Die ambitionierte Frau an Cheneys Seite droht erst, ihn zu verlassen, wird dann aber zur entscheidenden Triebkraft seiner Laufbahn.

Vetternwirtschaft und ein hilfloser G.W. Bush

Der Aufstieg zum Vize-Präsidenten beginnt durch ein Praktikum bei Donald Rumsfeld, dem späteren Verteidigungsminister und Weggefährten von G.W. Bush. Durch eine Mischung aus Opportunismus und Vetternwirtschaft gelangt Dick Cheney nach einiger Zeit in der Wirtschaft in die einflussreiche Position des Stabschefs im Weißen Haus unter Präsident Ford. Schließlich macht ihn G.W. Bush zum Vizepräsidenten.

Der Präsident selbst wird überzeichnet dargestellt von Sam Rockwell. Er ist im Film nicht mehr als eine ahnungslose Marionette, die bestenfalls durch Idiotie und Slapstick auffällt. Die Fäden zieht von jetzt an Cheney als Architekt des sogenannten „Krieges gegen den Terror“, dessen Machtstreben nur gelegentlich von seiner Gesundheit aufgehalten wird. Dies bleibt leider fast die einzige menschliche Seite, die der Zuschauer von Cheney sieht. Bis auf die Ausschnitte aus seinem Familienleben bleibt Cheney ein kalter Bürokrat.

Stilistische Abwechslung

Vice ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Bis zuletzt weiß man als Zuschauer nicht, wer der junge Familienvater ist, der den Zuschauer per Voice-Over flapsig durch das Geschehen des Films führt. Auch wenn der Film nach dem furiosen Start im Mittelteil etwas abflaut: Stilelemente wie schnell geschnittene Montagen, eingespielte Fernsehaufnahmen und Shakespeare-Sequenzen sorgen neben vielen satirischen Elementen für Abwechslung.

McKays Werk ist ein politischer Film, eine schonungslose Abrechnung mit der Präsidentschaft George W. Bushs und den Bürokraten, die sie ermöglicht haben. Neben Cheney wirft der Film auch kein gutes Licht auf andere Protagonisten wie Rumsfeld oder den späteren Verfassungsrichter Antonin Scalia.

Die Vorboten Donald Trumps

Die Konsequenzen ihres Handelns zeigt der Film eindrucksvoll auf: Vice spielt zwar vornehmlich in Washingtons Büros, schneidet aber oft an die Orte, wo deren Macht zu spüren ist, etwa zu den Kriegsschauplätzen des nahen Ostens oder in Foltergefängnisse. Die teils schockierenden Bilder sorgen dafür, dass dem Zuschauer das Lachen über den beißenden Sarkasmus des Films regelmäßig im Hals stecken bleibt.

An vielen Stellen sieht man bereits die Vorboten der Trump-Ära aufflackern: Mit mal mehr, mal weniger subtilen Anspielungen suggeriert Regisseur McKay, die Präsidentschaft Donald Trumps sei die logische Fortsetzung der republikanischen Tradition. So ist der Film auch eine Analyse des politischen Jetzt, getragen von durchweg hervorragendem Schauspiel. Eine sehr empfehlenswerte Produktion, die sich ihre zahlreichen Preisnominierungen verdient hat.

 

Die Rezension zum Nachhören:  

Eine Rezension von Lucas Wotzka
 

 

 

 

 

 

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Vice – Der zweite Mann

Drehbuch & Regie: Adam McKay

Cast: Christian Bale, Amy Adams, Sam Rockwell u.a.

Kinostart: 21.02.2019

Laufzeit: 132 Minuten