Filmkunstmesse Leipzig 2018

Filmischer Rückblick

Am 21. September 2018 ist die 18. Filmkunstmesse Leipzig zu Ende gegangen. Unsere Kinoredaktion hat eine Übersicht mit den Filmhighlights von dem Arthouse-Premierenfestival zusammengestellt.
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Das Team der Filmkunstmesse Leipzig 2018

Asche ist reines Weiß

Das asiatische Kino war auf der Filmkunstmesse mit Ausnahmewerken wie dem berührenden Wahlfamilienportrait "Shoplifters" und der sorgsam kalibrierten Gangsterbraut-Ballade "Asche ist reines Weiß" stark vertreten. Letztere erzählt parallel zu dem rasanten, sozioökonomischen Wandel Chinas im 21. Jahrhundert das Auseinanderdriften zweier Liebender, des Unterweltbosses Bin (Liao Fan) und seiner loyalen wie scharfsinnigen Freundin Qiao (phänomenal: Zhao Tao). Das Feuer ihrer Liebe erlischt. Und zwar über drei Episoden (2001, 2006 und Neujahr 2018) hinweg. Am Ende bleibt nur weiße Asche übrig.

"Hypnotisch" und "visuell umwerfend" sind passende Adjektive, um "Asche ist reines Weiß" zu beschreiben. Szenen eruptiver Gewalt, nachdenklicher Melancholie und mitreißender Tanzperformances fügen sich auf wundersame Weise zu einem kohärenten Ganzen zusammen. Die "Klassiker"-Qualitäten dieses berauschenden Genre-Mixes aus feministischem Gangsterfilm, tragischer Romanze und präzisem Gesellschaftspanorama sind nicht von der Hand zu weisen. Obendrein bilden Zhao Tao und Liao Fan eines der charismatischsten Kino-Liebespaare der letzten Jahre. Beide transportieren die tiefe Vertrautheit, gegenseitige Zuneigung und den Schmerz ihrer Figuren, ohne diese notwendigerweise verbalisieren zu müssen.  

The Guilty

Man begreift schnell, warum dieser vielschichtig-effektive Telefon-Psychothriller vom Publikum bisher so positiv aufgenommen wurde (Publikumspreise in Sundance, Rotterdam und auf der Filmkunstmesse Leipzig). In "The Guilty" trifft ein innovatives Genre-Konzept (ein sichtbarer Ermittler, Schauplatz: die Notrufzentrale, ein ungelöster Fall, viele Telefonate) auf eine twistreiche Kriminalgeschichte, die fesselt und zum Miträtseln einlädt. Regiedebütant Gustav Möller versteht es meisterhaft, die (auditive) Spannung bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Gekonnt lässt der Filmemacher die Grenzen zwischen Täter- und Opfer-Rollen verschwimmen. Nach spannungsgeladenen 85 Minuten Laufzeit wird man an der Seite der unter Strom stehenden Hauptfigur mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Die besten Absichten bewahren niemanden davor, schuldig zu werden.

Der Radiobeitrag zum Nachhören:

Kinoredakteurin Karen Müller im Gespräch mit Moderator Max Koterba
2409 SG Rückblick FKM

Cold War - Der Breitengrad der Liebe

Fünf Jahre ist es her, seit der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski mit seinem Schwarz-Weiß-Drama „Ida“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewinnen konnte. Mit „Cold War“ ist nun sein nächster Film fertig. Wieder in schwarz-weiß und wieder mit Preisambitionen – in Cannes gab es bereits die Auszeichnung für die beste Regie.

Der Film erzählt in klar gefilmtem 4:3 Format die Geschichte einer Liebe über die Spanne von gut 20 Jahren, zwischen den 40ern und 70ern in Polen. Bei seiner Reise durchs Land lernt Komponist Wiktor die schöne Zula kennen. Sie wird Mittelpunkt seines Ensembles aus Tänzern und Tänzerinnen, Sängern und Sängerinnen und Musikern und Musikerinnen, mit dem er auf den Bühnen des Landes die polnische Folklore wieder aufleben lassen will. Als Wiktor bei einer Konzertreise nach Ost-Berlin in den Westen flieht und Zula bittet mitzukommen, entspinnt sich eine anwährende Reise, auf der sich die beiden immer wieder finden und verlieren.

„Cold War“ ist hierbei so wunderschön gefilmt und in Szene gesetzt mit Bildern, die die ständige Sehnsucht der Figuren einfangen und wiedergeben, ohne dass der Film sich in schwelgenden Bildern verliert – die Laufzeit von 89 Minuten ist dazu angenehm knackig. Ein eindringliches Porträt zweier Menschen, die sich weder in der Einsamkeit, noch in der Gemeinsamkeit dauerhaft aushalten können.

Climax

Drei Jahre nach seinem 3D-Erotikfilm "Love" meldet sich Skandalregisseur Gaspar Noé ("Irreversible", "Enter the Void") mit einem wahrhaft spektakulären Tanzfilm zurück. In "Climax" trifft eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern vor der großen Tournee aufeinander, um noch einmal so richtig Party zu machen. Als jedoch jemand LSD in die Sangria-Bowle mixt, verwandelt sich die ausgelassene Stimmung in einen Albtraum.

Noé treibt sowohl sein Tanzensemble als auch das Publikum an die Belastungsgrenzen. Sein verstörender Drogentrip beginnt mit atemberaubenden Tanzszenen, ehe sich die Choreographie in einem chaotischen, selbstzerstörerischen Exzess auflöst. Die entfesselte Kamera taumelt den Figuren hinterher, überschlägt sich, wirbelt in langen, atemberaubenden Plansequenzen durch diese surreale Zwischenwelt und lässt das Publikum den Drogenrausch am eigenen Leib erfahren, während die Bässe der Musik unablässig auf einen einprügeln. Gaspar Noé lotet erneut Grenzen aus und läuft dabei zur bisherigen Höchstleistung auf. "Climax" ist mitreißendes, brilliant inszeniertes Erlebniskino von einem der radikalsten Künstler der Filmwelt, der sich jeglichen Konventionen und Genreschubladen entzieht. Ein Kinobesuch, den man garantiert nicht wieder vergisst!

Birds of Passage

"Birds of Passage" ist ein weiterer Film aus dem Programm der Filmkunstmesse, der dieses Jahr in Cannes seine Premiere feierte. Der kolumbianische Film von Regisseuren Ciro Guerra und Cristina Gallego setzt sich mit der jüngeren Geschichte des südamerikanischen Landes auseinander. Genauer gesagt mit der Zeit ab den 1960ern und dem aufkeimenden Drogengeschäft. Durch Zufall gerät der Ureinwohner Stamm der Wayuu dabei an eine Gruppe Amerikaner, die ihnen Marihuana abkaufen und dann in die USA einfliegen. Über den Zeitraum von mehreren Jahrzehnten wächst das Geschäft stark an und macht die Wayuu reich. Doch mit dem Geld kommen die Probleme. Tradition und Jahrhunderte alte Bräuche treffen auf Raketenwerfer, Cessnas und Villen mit goldenen Wasserhähnen mitten in der Wüste.

Der Film wirft einen anderen Blick auf die Anfänge des Rauschmittelhandels. "Birds of Passage" ist kein schnell geschnittener Action-Thriller, der seine Protagonisten als unantastbare, charmante Drogenbosse mit publikumswirksamer Underdogmentalität zeigt. Sehr nüchtern und langsam wird hier von dem Aufstieg und dem unausweichlichen Zerfall einer Familie und den Werten ihrer Kultur erzählt und das klischeebeladene Bild des kolumbianischen Drogenhandels dekonstruiert. Durch passgenaue Charakterzeichnung, starke Darsteller und eine einfallsreiche Erzählweise bringt der Film die Intensität seiner Szenen zum Publikum. Eine kluge und facettenreiche Darstellung, die sich angenehm der bisherigen popkulturellen Erschließung des organisierten Drogenhandels entzieht.

    

Weitere Audio-Kurzkritiken zum Nachhören:

"Blue My Mind"

"Reise nach Jerusalem"

"Under The Tree"

 

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Karen Müller, Janick Nolting, Lennart Johannsen
25.09.2018 - 10:45
  Kultur

Shoplifters

Kinostart: 27. Dezember 2018

Asche ist reines Weiß

Kinostart: 21. Februar 2019

The Guilty

Kinostart: 18. Oktober 2018

Cold War - Der Breitengrad der Liebe

Kinostart: 22. November 2018

Climax

Kinostart: 06. Dezember 2018

Birds of Passage

Kinostart: 20. Dezember 2018