Rotes Sofa: Lisanne Surborg

Feinfühliger Horror

Xoa ist ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnliches Buch. Voller Kontraste zeichnet Autorin Lisanne Surborg eine Welt, die aus nur wenigen Quadratmetern besteht. Verletzlich und brutal. Menschlich und untot. Ohne Ausweg und doch nach Freiheit sehnend.
Redakteurin Elisabeth Schmidt im Gespräch mit Autorin Lisanne Surborg.
Redakteurin Elisabeth Schmidt im Gespräch mit Autorin Lisanne Surborg.

Das Gespräch zum Nachhören findet ihr hier:

Die „Zombie Zone Germany“ ist ein Projekt des Amrûn-Velages, bei dem Autorinnen und Autoren ihre Geschichten einreichen können. Einzige Rahmenbedingung: Das vorgegebene Szenario der Zombieapokalypse im Deutschland der Zukunft. Das spielt in Xoa als Teil dieses Szenarios selbstverständlich auch eine Rolle, doch mit einem ganz anderen Ansatz, als man zunächst vermuten könnte: Von den Geschehnissen an der Oberfläche bekommen die Hauptfiguren in Xoa nichts mit – und doch ist es immer, bis zum Schluss, im Hintergrund präsent und der Grund für viele der schrecklichen Dinge, die Xoa widerfahren.

Xoa, Lei und der Mann

2022. Während draußen die Welt untergeht, erleben Xoa und ihre Mitgefangene Lei ihre ganz eigene Apokalypse. Schon seit Jahren werden sie gefangen gehalten von einem Mann, dessen Namen sie nicht kennen.

Der Mann steigt nur ab und zu hinab in den Keller, um ihnen Nahrung zu bringen. Er ist es auch, der ihnen die Namen „Xoa“ und „Lei“ gegeben hat – denn er meint, dass die beiden Mädchen Inkarnationen der gleichnamigen Engel sind – falls sie nicht doch Dämonen sind, die ihn täuschen wollen. Deshalb unterzieht er sie einer endlosen Fülle an grausamen „Prüfungen“.

Die Novelle spielt abwechselnd in der Vergangenheit und in der Gegenwart. In der Vergangenheit kann man nachvollziehen, welche Veränderungen in den beiden Mädchen Xoa und ihrer Leidensgenossin Lei vorgehen, wie sie fühlen und denken, wie sie abgeschnitten von äußeren Einflüssen erwachsener werden. Einfühlsam erzählt Lisanne Surborg nicht nur von den Prüfungen – die zwar brutal und beängstigend sind, sich aber nicht in Grausamkeiten suhlen. Sie erzählt auch von schönen Dingen, wie dem gegenseitigen Schminken, Süßigkeiten als Belohnung für bestandene Prüfungen. Beim Lesen macht sich eine ganz besondere bittersüße Stimmung bemerkbar – denn auch wenn sie Gutes erleben, erfahren Xoa und Lei jeden Tag schreckliche Misshandlungen. Sei es die Unterernährung, die Sehnsucht nach Zuhause, nach der Freiheit oder auch der missglückte Fluchtversuch. Die Wut, dass niemand kommt und sie befreit. Schmerzhaft wird es auch, wenn Xoa Dinge nicht begreift, die man als Leserin oder Leser sehr wohl erahnen kann. Zum Beispiel, als Lei plötzlich nicht mehr reden will, nachdem der Mann sie zum ersten Mal mit nach oben genommen hat. Man möchte wegschauen und kann es nicht - das geht sehr nahe.

In der Gegenwart ist Xoa bereits allein. Denn der Mann hat Lei mit sich genommen und nicht wieder zurückgebracht. So vergehen Tage, an denen Xoa sich in Rückblenden an die Zeit mit Lei erinnert, an denen der Mann wiederkommt, um sie zu prüfen und an denen sie erneut ihre Flucht, diesmal allein, plant.

Viel zu sehen und zu viel sehen

Aus Xoas Perspektive sieht man den Kellerraum, der sich über die Jahre kaum verändert; man sieht Lei und wie sie unter den Misshandlungen des Mannes leidet; aber man kann auch sehr nah erleben, wie Xoa gequält und anschließend belohnt wird. Wie sie gemeinsam mit Lei einen Fluchtversuch unternimmt, der scheitert. Wie sie – aus dem normalen Leben herausgerissen mit gerade einmal zehn Jahren – aus beinahe kindlicher Sicht Dinge schildert, die nicht mal Erwachsene aushalten würden. Gedanken, die herauswollen, es aber nicht können. Das Gefangensein beschreibt die Autorin so lebensecht, dass es fast wehtut - man ist aber so gebannt, dass man das Buch einfach nicht aus der Hand legen möchte. 

Absolute Lesempfehlung

Lisanne Surborg hat eine Welt erschaffen, die sich trotz allen Grauens – und des Zombieszenarios – so echt und so lebendig anfühlt, dass man einfach weiterlesen muss, um zu erfahren wie es weitergeht. Selten liest man so fiebernd mit, und selten sind Geschichten so mitreißend und gefühlsecht geschrieben wie die von Xoa. Eine absolute Leseempfehlung sowohl für Genrefans als auch für Bücherwürmer, die abseits ihrer üblichen Präferenzen ein gutes Buch suchen.

Die Lesung von Lisanne Surborg zu ihrem Buch "Xoa" könnt ihr Nachhören:

Eine Lesung von Lisanne Surborg
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Lisanne Surborg wurde 1993 in Gifhorn geboren. Sie hat Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig studiert und hat u.a. Kurzgeschichten für Anthologien und Lesebühnen sowie Hörspiele geschrieben.

Nach ihrem Roman Laburion, den sie 2010 mit 16 Jahren veröffentlichte, ist die Horrornovelle Xoa ihr zweites eigenständiges Buch. Für 7,50 Euro kann man es im Handel, via Amazon und beim Amrûn Verlag erstehen.