Erinnerungskultur in Leipzig

Fatale Rolle im Nationalsozialismus

In Leipzig ist die Erinnerung an die DDR allgegenwärtig. Besonders die Spuren der Friedlichen Revolution sind sichtbar. Weitaus weniger bekannt ist die tragende Rolle der Stadt während des Nationalsozialismus. Ein Rundgang klärt auf.
14 Stolpersteine liegen im Boden
Die Familie Laubinger lebte an diesem Ort

Leipzig-Zentrum West, Gottschedstraße

An der Gottschedstraße 5 stand bis 1938 die größte Synagoge der Stadt. Heute stehen hier nur noch 140 bronzene Stühle unter freiem Himmel - gleichmäßig nebeneinander in vierzehn Reihen. Sie sind auf einem Podest platziert, inmitten einer Rasenfläche. Der Rasen bildet den Grundriss der großen Gemeindesynagoge ab, die an dieser Stelle stand. Knapp 1600 gläubige Juden nahmen hier damals Platz. Dann kam das Feuer der Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht. Heute erinnern nur noch die leeren Stühle an die Synagoge. Der Historiker Nils Franke betrachtet das Denkmal.

Dieses Denkmal finde ich sehr gut und beeindruckend. Es zeigt die Schutzlosigkeit, die die Menschen damals erfahren haben.

Nils Franke, Historiker

Die Stadt Leipzig pflegt diverse Denkmäler, die den Opfern der NS-Verbrechen gewidmet sind. Die Orte erinnern an jüdische Familien, an KZ-Häftlinge, an Sinti und Roma, Deportierte und Kinder. Leipzig spielte eine zentrale Rolle im Nationalsozialismus. Doch das ist nicht überall bekannt, meint Franke. Leipzig sei oft den Anweisungen von Berlin zuvorgekommen, gerade was die Verdrängung des jüdischen Lebens anbelangte. Mehr als 12.000 Juden lebten in den zwanziger Jahren in Leipzig. Es war die sechstgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands, bis sie weitestgehend ausgelöscht wurde. Mit Ende des Nationalsozialismus lebten nur noch 25 Juden in der Stadt. Die Geschichte wird laut Franke vorbildlich aufgearbeitet. Einzig der Standort der ehemaligen Ez-Chaim-Synagoge verärgert ihn.

Leipzig-Zentrum West, Apels Garten

An Apels Garten 4 stand bis 1938 die orthodoxe Ez-Chaim-Synagoge. An einer Abbiegung zeigt Nils Franke auf ein Straßenschild. Es weist auf die Ez-Chaim- und die Große Synagoge hin. Doch folgt man dem Weg zur Ez-Chaim-Synagoge, sucht man vergeblich ein Denkmal. Auf der Fläche des historischen Standortes befindet sich eine dunkelgraue Parkgarage. Die Scheiben sind demoliert, ein Eisenzaun umgibt die Parkfläche. Bis 2016 war am Zaun eine Informationstafel befestigt, nun fehlt sie. Nichts erinnert mehr an die jüdische Gemeinde.

So geht Erinnerungskultur nicht. So gut das andere Beispiel ist, so schlecht ist es hier. Und da sollte man einen Ausgleich finden.

Nils Franke

Es müsse zwar nicht überall ein Denkmal stehen, sagt Franke. Ihn irritiert aber der Wegweiser, der ins Leere führt. Um Erinnerungskultur zu schaffen, braucht es engagierte Bürger. Es ist ein Prozess, der aus der Gesellschaft kommt, sagt Franke.

Wenn das Bedürfnis groß genug ist, materialisiert sich das im Raum.

Nils Franke

Leipzig-Zentrum, Ranstädter Steinweg

Vor einem sandfarbenen Mehrfamilienhaus sind 14 goldglänzende, bierdeckelgroße Stolpersteine in den Boden eingelassen. Hier wohnte die Familie Laubinger. Alle Mitglieder wurden verhaftet oder deportiert, nach Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück, Auschwitz. Das steht auf den quadratischen Steinen. Achim Beier betreut das Projekt in Leipzig. Er blickt auf den Boden. Die Familie Laubinger waren Sinti. Beier möchte das Schicksal aller NS-Opfer widerspiegeln. Seit über zehn Jahren arbeitet er gemeinsam mit Bürgervereinen und Jugendlichen daran.

Wenn ich Gegenwart verstehen will, muss ich gucken, woher die Entwicklungsströme kommen. Und das liegt in der Vergangenheit, ist nicht rühmlich. Und in dem Moment, wo es immer noch Leute gibt, die das leugnen, solange hat es auf jeden Fall seine Relevanz.

Achim Beier

Stolpersteine sind in den Boden eingelassen

Für ihn sind die Stolpersteine Geschichte zum Anfassen. Bei der letzten Steinverlegung Ende Mai waren auch Angehörige einer betroffenen Familie dabei. Es wurde emotional, erzählt Beier. Denn häufig komme es zu einer Aussöhnung mit der Vergangenheit. Ähnlich emotional sei auch die Verlegung eines Steins für ein elfjähriges Kind gewesen, das in der Euthanasie ums Leben kam.

Reudnitz, Oststraße

Die alte Kinderklinik steht an der Oststraße
Die alte Kinderklinik steht an der Oststraß
 

Der Klinkerbau wirkt verlassen in der wenig befahrenen Straße. Am ehemaligen Pförtnerhaus der Klinik steht Torsten Hattenkerl, Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Er beugt sich vor und blickt durch die verstaubte Fensterscheibe. An der Wand gegenüber sind Reste einer Kunstinstallation zu sehen. Susanne Kaiser hat sie vor einigen Jahren im Rahmen des Projekts „Orte, die man kennen sollte“ geschaffen. Noch immer stecken Nägel in der Wand, an denen Postkarten hingen. Sie erzählten die tragische Geschichte eines Kindes. Das Pförtnerhaus der Klinik wurde so zum temporären Erinnerungsort. Dabei war das nicht das Hauptanliegen des Projekts.

Es ging zwar um Sichtbarmachung, aber auch um die Reflexion darüber, was Erinnerungskultur überhaupt leisten kann und wie sie funktioniert.

Torsten Hattenkerl, Professor für Fotografie

Der künstlerische Umgang mit den historischen Orten sei ein Teil der Erinnerungskultur. In der Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Historikern hat sich aber eines gezeigt: Eine einheitliche Erinnerungskultur gibt es nicht. Sie setze sich aus vielen Bruchstücken zusammen, aus verschiedenen Kompetenzen, Gefühls- und Erlebnisebenen. In dem Projekt haben die Teilnehmer Erinnerungskultur interdisziplinär betrachtet und Formen gesucht, in denen unterschiedliche Methoden zusammenkommen. Laut Hattenkerl reicht es nicht, Infotafeln an historischen Orten aufzustellen. Zumal man häufig mit Unsichtbarkeit zu tun hat. Seit 1945 sind Bauwerke verschwunden, wurden überbaut oder anders genutzt.

Vor dem Haus am Ranstädter Steinweg liegen 14 Stolpersteine
Vor dem Haus am Ranstädter Steinweg liegen 14 Stolpersteine

Schönefeld, Permoserstraße

Auf dem alten Gelände der Hugo-und-Alfred-Schneider-Aktiengesellschaft (HASAG) befindet sich heute das Umweltforschungszentrum. Auf einer Terrasse mit schattenspendenden Sonnensegeln sitzen die Angestellten zur Mittagspause. Die Terrasse befindet sich über einem rechteckigen, großen Teich. Früher war es ein Schwimmbad, bereitgestellt von der HASAG zur Erholung der deutschen Mitarbeiter. Die HASAG galt als NS-Musterbetrieb. Genossen viele deutsche Arbeitnehmer ihre Arbeit, litten hingegen rund 16.000 Menschen auf demselben Gelände unter härtesten Bedingungen. Der Rüstungsbetrieb profitierte enorm von Zwangsarbeit. Seit 2001 erinnert eine Gedenkstätte daran. Anja Kruse ist pädagogische Mitarbeiterin.

Die HASAG hat zivile Zwangsarbeiter aus besetzten Ländern, Kriegsgefangene, aber auch seit 1944 bis zu 5000 weibliche KZ-Häftlinge eingesetzt zur Waffenproduktion.

Anja Kruse

Der See an der Kantine ist heute ein Biotop
Der See an der Kantine ist heute ein Biotop

Sie hält eine Luftaufnahme von 1945 in der Hand. Auf dem schwarz-weißen Foto ist das Firmengelände von damals zu erkennen. Große Teile der Firma wurden nach dem Krieg demontiert. Mit dem Abriss verschwanden die Spuren. Erst durch gezielte Aufarbeitung kehrte die Erinnerung zurück. Ohne aktive Bürger ist Erinnerungskultur nicht umsetzbar, sagt Kruse. In ganz Leipzig fanden während des Nationalsozialismus Verbrechen statt. Kollektive Erinnerung ist für Anja Kruse von gesellschaftlicher Relevanz.

Eine Luftaufnahme von 1945 zeigt das alte Gelände der HASAG
Eine Luftaufnahme von 1945 zeigt das alte Gelände der HASAG

Die Einstellungen, Prozesse und Handlungsmuster von damals sind die gleichen wie heute. Es gibt noch Rassismus, Antisemitismus, menschenverachtende Einstellungen. Mit einer gewissen Bildungsarbeit kann man darauf hinweisen, wohin so etwas führen kann.

Anja Kruse

Mit der Gedenkstätte für Zwangsarbeit versucht sie die ins kollektive Gedächtnis zu rufen. Orte wie das alte HASAG-Gelände sind sichtbar, betretbar. Andere hingegen fordern die Vorstellungskraft heraus.

In ganz Leipzig waren Zwangsarbeiter untergebracht
In ganz Leipzig waren Zwangsarbeiter untergebracht

mephisto 97.6-Redakteurin Nadja Baschek hat sich auf die Suche nach Spuren der Leipziger Erinnerungskultur begeben:

Ein Beitrag von Nadja Baschek
0606 KS Erinnerungskultur
 

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