DOK 2019

Faszination Faschismus

Auf dem diesjährigen DOK wurde ausgerechnet über den Gewinnerfilm des letzten Jahres am meisten diskutiert: "Lord of the Toys". Der Film stößt ab und fasziniert. Die Frage bleibt: Wie geht man mit dem politischen Gegner auf der Leinwand des DOK um?
Podiumsdiskussion auf dem DOK 2019
Pablo Ben Yakov, André Krummel, Stefanie Diekmann (Moderatorin) und Thomas Heise auf dem Podium

Kommentar zum Nachhören:

"Faszination Faschismus" - ein Kommentar von Frederike Moormann
Faszination Faschismus

Rund um den auf dem letzten DOK Leipzig prämierten Film “Lord of the Toys” entbrannte schon letztes Jahr eine heftige Diskussion. Vieles wurde damals nicht ausdiskutiert. Das sollte dieses Jahr nachgeholt werden. Zwecks dessen fand ein Symposium mit dem Titel “Wem gehört die Wahrheit? Der politische Gegner im Visier der Kamera” statt.

 

In dem Film “Lord of the Toys” werden mehrere rechte Youtuber in ihrem alltäglichen Leben begleitet. Das wird weder klar eingeordnet, noch kommentiert. So brüllt der Youtuber Adlersson in die Kamera: “Ich ergötze mich an diesem Elend.” Ich habe den Film außerhalb des DOK in einem Saal voller Fans der rechten Youtuber gesehen. Die Stimmung war aggressiv und aufgeheizt. Bei jedem Saufgelage aber auch bei jedem antisemitischen Witz grölte das Publikum. Darf ein Film derart menschenfeindliche Aussagen unkommentiert wiedergeben? Und darf ein Filmfestival einen solchen Film ohne rahmende Diskussion zeigen?

 

Um diese Fragen drehte sich das Symposium auf dem diesjährigen DOK Leipzig. Den Abschluss des Symposiums bildete eine Podiumsdiskussion mit den Machern von “Lord of the Toys” Pablo Ben Yakov und André Krummel, Helene Hegemann als Mitglied der letztjährigen Jury, Matthias Dell als Filmkritiker und Kritiker von “Lord of the Toys” sowie Filmemacher Thomas Heise. Sein Film “Stau —  Jetzt geht’s los” bildete den Auftakt zur Abschlussdiskussion. 

 

DIE FRAGE DER VERHARMLOSUNG

Heise war in den 90ern selbst Ziel einer ähnlichen Kritik wie die Filmemacher von “Lord of the Toys” geworden. Er portraitiert in seinem Film von 1992 rechtsradikale Jugendliche im Halle der Nachwende. Ein Jugendlicher backt seiner Mutter einen Kuchen. Ein anderer wird bei einem Abendessen mit seiner Familie gezeigt. Eine Verharmlosung?

 

Heise selbst sieht gerade in der offenen Begegnung eine demokratische Haltung:

Ich kann ja nicht auf der einen Seite Gleichberechtigung für alle fordern und da kommt sie dann nicht vor, weil die nicht in der Lage sind, Gleichberechtigung anderen zuzugestehen. Wenn ich mehr weiß und klüger bin als die, dann muss ich auch mehr aushalten und entsprechend mehr investieren.

So könnte man sagen: Jemanden als politischen Gegner oder Gegnerin abzustempeln ist selbst eine undemokratische Haltung. Vielmehr ist ein Respekt gegenüber jeder und jedem geboten. Respekt gegenüber den dargestellten Personen bedeutet auch Respekt gegenüber dem Publikum: Dieses wird als mündig begriffen. Es kann sich über das Gesehene selbst ein Urteil bilden. Der Gegnerschaft zuzuhören, bietet dieser noch keine Bühne meint Thomas Heise:

Der Film erzählt über die Leute. Die haben damit kein Podium. Man sieht ihr normales Leben. Und das Problem ist, ich muss mich damit auseinandersetzen. Das ist dasselbe mit der AfD, wenn ich die erzähle als lauter Idioten: Das geht nicht. Das ist eine völlig überhebliche und nicht angebrachte Haltung.

 

MENSCHLICHKEIT ERSCHRECKT

Vielleicht gehört zu einem grundlegenden Respekt gerade das Erschrecken darüber, dass der politische Gegner oder sogar der Gewalttäter ein Mensch ist. Dass er liebt, hadert, Kuchen backt. Das erschreckt, denn es zeigt: Ich hätte an seiner Stelle sein können. Und: Der Gewalttäter ist Teil meiner Gesellschaft. Er ist einer von uns. So hält die Begegnung mit den Gewalttätern auf der Leinwand unserer Gesellschaft auch einen Spiegel vor. Und legt dabei zuvor verschüttete und verdrängte Realitäten frei. 

 

Dabei bietet gerade Heises Film, obwohl er die rechtsradikalen Jugendlichen nicht verurteilt, Ansatzpunkte für Kritik. Heise stellt in seinem Film kritische Nachfragen an die Jugendlichen. Sie werden durch Einzelinterviews auch von ihren Freunden und der sozialen Dynamik unter den Jugendlichen entfernt — und werden so verletzlich und nahbar.

 

Diese Menschlichkeit als gemeinsame Diskussionsgrundlage bietet “Lord of the Toys” nicht.  Ich sehe den Film “Lord of the Toys” aufgrund meines eigenen Umfeldes als kritisch gegenüber den Youtubern. Die Fans der Youtuber sehen in dem Film hingegen keine Kritik. In den sozialen Medien wird der Film von ihnen gefeiert. In einem Mitschnitt der Tagesschau von der Preisverleihung des DOK Leipzig begründete die Jury ihren Entschluss, den Film zu prämieren so:

Dieser Film tut wirklich weh. Aber das muss er leider auch. Es gab da Szenen drin, die haben uns gequält. Und dann haben wir festgestellt, dass der Film uns in eine Wirklichkeit reinzieht, von der wir eigentlich keine Ahnung haben.

Darauf die Kommentare unter dem Video:

Szenen die uns gequält haben haha eher erregt.

Wie verweichlicht kann man bitte sein.

Typisch ARD Dreckslügensender. Wieder keine Ahnung von nix.

Die einen sind erschrocken. Die anderen machen sich lustig darüber. Es gibt keinen gemeinsamen Grund, auf dem man sich begegnen kann. Was hilft eine Haltung der Unvoreingenommenheit, wenn das Publikum den Film nicht unvoreingenommen schauen kann?

 

 

FASZINATION UND EKEL

Obwohl Parallelen zwischen “Lord of the Toys” und “Stau. Jetzt geht’s los” bestehen, hat sich seit den Neunzigern viel verändert. Es überwiegt von vorneherein Skepsis und Missgunst gegenüber der politischen Gegnerpartei. Ein freies Feld, auf dem man sich abseits medialer Inszenierung treffen kann, scheint nicht mehr gegeben. Wie ließe sich ein solches Feld herstellen? Heise selbst sagt auf dem Symposium, dass er vom Faschismus fasziniert sei. Die Anziehungskraft der beiden Filme speist sich wohl auch aus dieser Faszination. Und vielleicht ist es gerade ein Bewusstsein über eigene Faszination, das “Lord of the Toys” fehlt. So kann man dann die Protagonisten nur noch entweder als Helden feiern und von ihnen fasziniert sein, oder sich vor ihnen ekeln. Ekel und Faszination sind zwei Seiten derselben Medaille. 

 

Weder das DOK Leipzig noch “Lord of the Toys” haben es geschafft, einen Ausweg aus dieser Polarisierung zu finden. Dennoch haben Film und Festival aktuelle rechte Tendenzen in die Öffentlichkeit gezogen. Das ist wertvoll, aber noch nicht genug. Es fehlt eine reflektierte Haltung. Nicht zuletzt gegenüber der eigenen Verstrickung in rechte Tendenzen und der Faszination am politischen Gegner.

 

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