DOK 2019

FAMILY RELATIONS: Wohnzimmerdrama

Der offizielle Länderfokus des diesjährigen DOK Filmfestivals liegt zwar auf Kroatien, aber auch einem zweiten Land wird mit Filmen und einer eigenen Diskussionrunde besondere Aufmerksamkeit zuteil: Dem Iran. Ein Familiendrama überzeugt dabei.
DOK Leipzig 2019

Ein Mann in einem Wohnzimmer, vor ihm eine Wasserpfeife. Ein Paar in der Küche, es wird das Abendessen vorbereitet. Ein anderer Mann sitzt in seiner Wohnung auf dem Sofa. Sie alle sind Teil einer großen Familie und sie alle reden über ihr Familienoberhaupt, den Haji Baba. Vater, Großvater, Onkel, je nachdem wer gerade in die Kamera spricht. Über zehn Mitglieder dieser großen Familie kommen zu Wort und sind sich alle einig: Der Haji Baba ist ein Tyrann. Er sitzt auf seinem Erbe und will niemanden daran teilhaben lassen. Er mischt sich überall ein, er ist dickköpfig und stur. Ganz klar natürlich, dass Haji Baba das anders sieht. Er fühlt sich verraten und alleingelassen von seiner Familie und sieht auch gar nicht ein, warum er sein Erbe schon jetzt abtreten soll.

So entspinnt sich in Family Relations ein wildes und tragikomisches Konstrukt aus Geschichten und verschiedenen Wahrheiten, die zu klären niemand wirklich bereit ist.

In fremden Wohnzimmern

Inszeniert ist das alles - entgegen der aufgeregten Geschichten der noch aufgeregteren Familienmitglieder - in einer auffallenden Langsamkeit. Von einer statischen Einstellung eines Wohnzimmers geht es in die nächste und in diesen Wohnzimmern passiert auch nicht viel. Menschen sitzen, liegen oder stehen dort und erzählen eben über ihre Familie. Einzig die Szenen des Haji Baba sind meist dynamischer begleitet. Er schlendert über sein Anwesen, die Landschaft drumherum, geht durchs Haus, sitzt am Fenster und lässt sich im nächsten Ort das Gesicht rasieren, das alles sehr leidend und immer mit einem Fluch gegen die Familie auf den Lippen.

Die Bilder die Regisseur Nasser Zamiri dabei einfängt sind trotz der langsamen Erzählweise nicht langweilig. Die Außenaufnahmen haben schon beinahe was poetisches und die Aufnahmen aus den Wohnzimmern geben vielschichtige Einblicke in die Lebensrealitäten der Protagonistinnen und Protagonisten.

Tragikomischer Spagat

Family Relations erzählt seine Geschichte mit sehr viel Charme und Verständnis für seine Hauptfiguren. Die sehr eigenwilligen Charaktere und die Inszenierung lassen viel Raum für die Komik dieser festgefahrenen Familiensituation. Besonders die verschrobene, schratige Art des Haji Baba, der die Welt nicht mehr versteht scheint prädestiniert zur komischen Figur. Doch der Film vergisst hinter all den Anekdoten, die er erzählt nie, dass allen Beteiligten die Lage sehr ernst ist. Er vergisst nicht eine größere Geschichte zu erzählen, darüber, was Familie ausmacht und sie anrichten kann, was Stolz und Ehrgefühl für generationenübergreifende Auswirkungen haben können und wie patriachale Strukturen auch immer Strukturen der Unterdrückung sind.

So ist Family Relations ein Musterbeispiel des Dokumentarfilms, der vom Kleinen aufs Große schließt. Der Spagat zwischen Komik und Tragik, zwischen ernsthafter Botschaft und leichter Erzählung gelingt und ist am Ende wahrscheinlich auch gar kein Spagat mehr, wenn in der Familie alles davon zusammenläuft.

 

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Lennart Johannsen
30.10.2019 - 14:18
  Kultur

Family Relations

Laufzeit: 77 Minuten

Regie: Nasser Zamiri

Der Film läuft im Internationalen Wettbewerb des 62. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm.

 

mephisto 97.6 berichtet während des gesamten Festivals täglich im Live-Programm und online über das Programm von DOK Leipzig.