"Europa 21" auf der Buchmesse

Europäische Überheblichkeit

"Eurozentrismus tut uns nicht gut." – Das findet Mohamed Amjahid. Er ist dieses Jahr der Kurator von "Europa 21" auf der Buchmesse. Mit uns hat er die nicht vorhandenen europäischen Werte und seinem Wunsch nach konstruktivem Streit gesprochen.
"Unter Weißen" Buch
Mohamed Amjahid ist Kurator von Europa 21 in diesem Jahr auf der Buchmesse.

Die Liste der europäischen Privilegien ist lang. Wir genießen weltweit nicht nur nahezu komplette Reisefreiheit, sondern können auch innerhalb Europas ohne zeitaufwendige Grenzkontrollen zwischen den Ländern hin und her wandern. Außerdem kann das Studium an europäischen Universitäten finanziell unterstützt, ähnliche wirtschaftliche Standards befolgt oder die gemeinsamen demokratischen Grundwerte eingehalten werden. Für eine eurozentristische Vorstellung und den Glauben, WIR Europäer seien die Besten, gibt es somit genug Gründe. Doch Mohamed Amjahid hält dagegen. Der Kurator der diesjährigen Veranstaltungsreihe "Europa 21" auf der Leipziger Buchmesse hat diese Provokation bewusst in den Fokus der Diskussionsrunden gestellt. 

Als politischer Reporter beobachtet er schon länger die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa und hinterfragt dabei unsere Stellung im globalen Kontext. Letztes Jahr ist dazu sein Buch "Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein" erschienen. Mit dem diesjährigen Programm für "Europa 21" konnte er dieser kritischen Perspektive Raum geben.

In sechs Podien soll inhaltlich über den europäischen Wohlstand diskutiert werden, warum Immanuel Kant nur der Vater europäischer Zivilisation sein soll, über die aktuelle Bewegung hin zu mehr Nationalismus oder wo die europäische Freundschaft zu den Nachbarn aufhört. Autorinnen aus der Ukraine und Norwegen kommen unter anderem zu Wort. Betitelt als "Geschichtliche Amnesie" soll auch das historische Bewusstsein Europas und die daraus resultierende Verantwortung beleuchtet werden. 

Europa wird zur Diskussion gestellt. 

Das ganze Interview hören Sie hier:

Redakteurin Theresia Lutz im Gespräch mit Mohamed Amjahid.
1503 Europa 21

mephisto 97.6: Wer sind denn WIR Europäer und was eint „die“ Europäer nach Ihrer Meinung, außer geographisch auf einem Kontinent zu wohnen?

Amjahid: Diese Frage stelle ich mir auch die ganze Zeit. Ich möchte gerne dieses WIR erforschen und reflektieren: Wer sind wir? Auch dieses geographische ist gar nicht so klar: Sind die spanischen Enklaven in Marokko Melilla und Ceuta Europa oder nicht. Wo endet Europa in Anatolien? Das sind Fragen, die sich Menschen, vor allem diejenigen, die sich als Europäer bezeichnen, stellen. Und das was uns eint, also europäische Werte, das ist ja auch nicht mehr so ganz klar.

Ich glaube, was auf jeden Fall auf der Haben-Seite ist, dass wir darüber reden und streiten und dass es dafür ein Forum auf der großen Bühne der Politik gibt. Das würde ich sagen, eint viele Menschen in Europa: Dieser Diskurs und dieser Streit.

mephisto 97.6: Herr Amjahid, Ihre Eltern sind aus Marokko als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Sie sind sowohl in Deutschland als auch in Marokko aufgewachsen. Wie identiätsstiftend war und ist für Sie Europa mit seinen Rechten, Pflichten und Werten?

Amjahid: Ich gehe davon aus und sage das auch etwas provokativ:

Es gibt so etwas wie europäische Werte nicht. Keiner hat ein Patent auf irgendwelche Werte.

Was mich natürlich prägt, ist diese ursprüngliche europäische Idee und ich versuche den Wertekanon aus verschiedenen Quellen abzuzapfen: Das kann natürlich das Grundgesetz sein oder dieser europäische Gedanke sein. Das kann aber auch der arabische Gedanke sein, Gastfreundschaft zu leben. Daraus ergibt sich dann eine Mischung, die ich mir so zusammensetze.

Die Macht des besseren Arguments

mephisto 97.6: Die Veranstaltungsreihe ist betitelt als ein „Denk-Raum für die Gesellschaft von morgen“. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Amjahid: Ich habe das so verstanden, dass dieser Denkraum dazu da ist, verschiedene Ansichten auf der Buchmesse zusammen zu bringen und dabei sowohl die Gäste, die auf dem Podium sitzen, aber auch die Besucherinnen und Besucher zu animieren, ihre Gedanken erst einmal auszusprechen und dann glaube ich an die Macht des besseren Arguments. Das stand für mich als Kurator auch im Vordergrund, als ich das Programm konzipiert habe.

mephisto 97.6: Sie appellieren im Vorwort für das diesjährige Programm, wir Europäer sollten uns von dem Gedanken frei machen, WIR seien die Besten. Warum sind wir das nach Ihrer Ansicht denn nicht?

Amjahid: Das ist natürlich mit Absicht so formuliert, weil ich glaube, dass in europäischen oder deutschen Diskursen sehr oft davon ausgegangen wird, dass aus einer Position von oben herab auf andere geschaut wird. Und ich glaube, das tut niemandem gut, vor allem nicht uns.

mephisto 97.6: „Wir, die Identioten?“ betitelt eines der Podien, welches die aktuelle Bewegung hin zu mehr Nationalismus in Europa fokussiert. Was können ein deutscher Ethnologe, eine polnische Politikwissenschaftlerin und eine deutsch-griechische Autorin einem Pegida-Anhänger oder dem Katalonier, die nach Unabhängigkeit strebt, denn sagen? 

AmjahidUm diesen Menschen etwas sagen zu können, muss auf der anderen Seite überhaupt erst die Bereitschaft bestehen, etwas zu empfangen.

Ich kann als Journalist, Autor oder Kurator niemanden zwingen, mir zu zuhören. Ich glaube aber, dass diese Gäste alle einen kleinen Beitrag leisten können, indem sie erst einmal ganz simpel ihre eigenen Erfahrungen mit dem Publikum und der Öffentlichkeit teilen können.

Wir haben zum Beispiel die Kollegin Elisa Simantke, die oft in Katalonien und Schottland unterwegs war, die kann, glaube ich, sehr gut aus ihren Beobachtungen erklären, was diese Menschen bewegt. Weil von oben herab einfach darauf zu schauen, das bringt niemandem etwas, sondern, ohne direkt Verständnis äußern zu müssen, aber um zu verstehen, warum Menschen sagen, sie wollen ihren eigenen Nationalstaat haben. Ich bin der festen Überzeugung, dass solche Podien helfen, um genau das verstehen zu können.   

Von Island über Frankreich bis Griechenland 

mephisto 97.6: Würden Sie sagen, dass sie es rückblickend geschafft haben, im Programm ganz Europa abzudecken?

Amjahid: Ich habe natürlich versucht, verschiedene Regionen mitzudenken und mindestens eine Person von dort einzuladen. Dabei waren mir Skandinavien, Griechenland, Frankreich, Mittel- und Osteuropa, aber auch die Nachbarstaaten der EU wichtig. Ich habe also versucht, den Proporz zu wahren, da das der Debatte nur gut tun kann.

Dass man es in vier Tagen Buchmesse hinbekommt, die diversen Ansichten und Meinungen in den vielen Regionen Europas abzudecken, bezweifle ich. Aber ich habe es versucht.

mephisto 97.6: In diesem Jahr findet dieses Projekt der Robert-Bosch-Stiftung zum dritten und auch letzten Mal statt. Inwiefern wollten Sie mit ihrem Programm einen Punkt setzen?

Amjahid: Mit dem diesjährigen Programm knüpfe ich an die zwei vorherigen Runden an und sehe es dieses Jahr aber als Entwicklung wie auch als Zuspitzung.

Das "Wir" zum Beispiel wurde vergangenes Jahr von der Kuratorin schon in Frage gestellt und habe dann etwas provokativ gefragt: Sind wir wirklich die Besseren?

Ich wollte aber damit keinen Schlusspunkt setzen, sondern weiter animieren, darüber zu reflektieren und zu sprechen, was überhaupt Europa ausmacht und wie sich Europa zum Rest der Welt verhalten kann.

Wir sind auch mit einer Veranstaltung im Zeitgeschichtlichen Forum in der Innenstadt vertreten, denn mir war es wichtig auch die Leipzigerinnen und Leipziger anzusprechen, die nicht zur Buchmesse kommen können oder wollen. Das ist eine Möglichkeit, sich trotzdem zu beteiligen.

Insgesamt ist es aber nur ein Puzzle, in meiner Arbeit und auch in der Arbeit der Stiftung, in einer Reihe von ganz vielen Beiträgen ins Gespräch zu kommen.

Gegenstimme zu rechten Diskursen

mephisto 97.6: Was wünschen Sie sich, mit diesen Diskussionen auf der Buchmesse konkret bewirken zu können?

Amjahid: Ich wünsche mir respektvollen Streit und dass sich alle so wohl fühlen, ihre Gedanken auszusprechen und dann aber auch von den besseren Argumenten überzeugt werden können. Ganz konkret würde ich mir sehr wünschen, dass die Themen, die angesprochen werden, auch über unseren Stand anderswo hingetragen werden, auch innerhalb der Buchmesse.

Es gibt Verlage und Akteure auf der Buchmesse, die man nicht als demokratisch bezeichnen kann und dafür möchte ich natürlich auch ein Gegenargument auf den Tisch legen, damit man solchen hasserfüllten Diskursen, in dem Fall von rechten Verlagen, etwas entgegensetzen kann. Außerdem würde ich mir wünschen, dass das auch sichtbar ist und dass wir nicht nur über deren Hass reden und diese groß machen, obwohl sie eigentlich ganz klein sein sollten, sondern dass wir ganz konstruktiv über die Zukunft und die Lösungen für ganz drängende Probleme reden.

 

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Theresia Lutz
15.03.2018 - 10:43