Europawahl 2019

"Europa ist ein riesiger Spielplatz"

Für einen Teil der Leipzigerinnen und Leipziger ist die EU im Alltag ständig präsent - für jene, die aus anderen EU-Staaten hierhergekommen sind. Drei Interviews über kulturelle Unterschiede, Erwartungen an die Europawahl und Zukunftswünsche.
Leipzig
Leipzig

Emilie aus Frankreich

Emilie
Emilie

Emilie kommt aus Lyon in Frankreich und lebt seit 2006 in Leipzig. Hier arbeitet sie als Eventmanagerin. Sie erzählt, sie sei damals wegen der Liebe nach Leipzig gekommen und dann wegen ihres Berufs geblieben.

Sie findet das Leben in Leipzig sehr entspannt, mag das Fahrradfahren und die vielen Grünflächen. Die Deutschen seien pünktlicher und genauer als die Franzosen, sagt sie. Die einen tränken mehr Wein, die anderen mehr Bier, aber das sei ja egal. Sie erzählt von Feiern mit anderen Franzosen, bei denen sie schnell ins Tanzen und Singen kämen - diese Lockerheit fänden die Deutschen ganz spannend. 

Die Deutschen und die Franzosen sind schon ein bisschen unterschiedlich – aber das ist ja auch schön so.

Emilie

Emilie fühle sich in Leipzig zu Hause, auch wenn ihre Familie nicht hier lebe - sie habe eine große Ersatzfamilie mit all ihren Freundinnen und Freunden.

Michael aus Tschechien

Michael und Barbora
Michael und seine Freundin Barbora

Michael und seine Freundin Barbora sind vor zwei Jahren nach Leipzig gekommen und haben in der Innenstadt ein Café eröffnet. Beide haben zuvor Jura mit dem Schwerpunkt Europäisches Recht studiert.

Die Deutschen beschreibt Michael als sehr präzise, pünktlich, ordentlich und versiert. Er schätze es, dass hier immer alles funktioniere und nicht so chaotisch sei wie manchmal in Tschechien. Weil er aus dem Erzgebirge auf tschechischer Seite kommt, sieht er aber auch viele Gemeinsamkeiten.

Es sind weniger die Staaten an sich, sondern mehr die Regionen, die sich voneinander unterscheiden.

Michael

Inzwischen fühlen sich Michael und Barbora in Leipzig einigermaßen zu Hause. Nur im Kontakt mit der älteren Generation berichtet er von Problemen: Einige Menschen scheinen zu denken: "Was wollt ihr hier?"

Silvia aus Spanien

Silvia
Silvia

Silvia kommt aus Madrid und ist 2010 wegen eines Erasmus-Stipendiums nach Leipzig gekommen. Nachdem sie ihren Master in Werbung und PR abgeschlossen hatte, gründete sie ein Flamenco-Tanzstudio im Leipziger Osten.

Viele Dinge seien hier anders als in Spanien: die Umgangsformen, das Essen, das Wetter. Hier seien die Leute offener in ihrer Mentalität als in Spanien. Es seien ganz unterschiedliche Kulturen. Silvia sagt, sie habe den Flamenco, die Musik und ihre Spontanität aus Spanien mit hierher gebracht.

Ich merke, am Anfang sind meine Schüler ein bisschen schockiert über meine Art, aber die ist auch der Grund, warum sie zu mir kommen.

Silvia

Sie fühle sie halbwegs zu Hause in Leipzig, weil ihr Mann und ihr Beruf hier seien - eine Hälfte von ihr sei aber in Spanien geblieben.

Was bedeutet die EU für dich?

In den Gesprächen wird schnell klar, dass die EU im Alltag von Emilie, Silvia und Michael eine große Rolle spielt. Sie sind von den Strukturen und Verordnungen direkt betroffen und erleben deren Veränderung oft am eigenen Leib.

Emilie sagt, für sie sei Europa wie ein riesiger Spielplatz, man könne reisen und arbeiten, wo man will, und es gebe nicht so viel Bürokratie. Im Alltag helfe die EU, vieles zu vereinfachen - früher als Erasmus-Studentin und heute für ihr Leben in Leipzig. Emilie hält es für wichtig, dass junge Menschen sich in der EU bewegen und weiterentwickeln können, das verbessere auch das Verständnis für die unterschiedlichen kulturellen und sozialen Systeme in Europa.

Michael schätzt an der EU, dass er und seine Freundin die Möglichkeit hatten, ohne Papierkram zu reisen, sich niederzulassen, zu arbeiten und zu studieren. Sie hätten in Deutschland nie das Gefühl gehabt, wirklich im Ausland zu sein. 

Die EU bedeutet für mich Freiheit, Chancen, Annäherung der Kulturen.

Michael

Michael fände es jedoch schade, dass Probleme innerhalb der Länder auf die EU-Politik geschoben würden.

Auch für Silvia bedeutet die EU Freiheit, sagt sie, vor allem Freiheit sich zu bewegen. Viele Sachen hätten sich seit Bestehen der EU vereinfacht, aber leider gebe es kein Gefühl des Zusammenhalts zwischen ihren Bürgerinnen und Bürgern. Sie hält die EU für sinnvoll, weil sie denkt, dass ein Projekt effizienter wird, je mehr Menschen in ihm zusammenarbeiten.

Wenn sich die verschiedenen Gesellschaften in Europa ein gemeinsames Ziel setzen und sich Mühe geben, dieses Ziel zu erreichen, wird das mehr Erfolg haben, als wenn ein Land das alleine macht.

Silvia

Was siehst du kritisch an der EU?

Neben all den positiven Assoziationen und Emotionen bezüglich Europa üben die drei auch Kritik und berichten von Sorgen über seine Zukunft.

Michael hält es für den größten Fehler der EU, dass sie die Menschen nicht darüber informiert, was sie wie tut. Er denkt, ein offener und positiver Umgang mit den Errungenschaften der EU wäre eine wirksame Gegenwaffe gegen den Populismus.

Auch Emilie beklagt die mangelnde Transparenz der EU-Institutionen.

Viele Europäer haben das Gefühl, die EU-Kommission und das Parlament sind geschlossen und man sieht nicht durch, was da passiert.

Emilie

Zudem ist sie besorgt über den Brexit und hofft, dass nicht weitere Länder in diese Richtung gehen werden.

Silvia kritisiert vor allem den Umgang der EU mit den Themen Klimawandel und Migration. Die EU gebe sich nicht genug Mühe, um etwas gegen die Erderwärmung zu tun. Zur Migration sagt sie, Deutschland hätte irgendwie die Tür geöffnet, aber nicht richtig. Es gebe also noch viel zu tun.

Was erwartest du von der Europawahl?

Emilie, Silvia und Michael wollen zur Europawahl wählen gehen, auch wenn die Organisation von Deutschland aus etwas kompliziert ist. Alle drei berichten von Sorgen, dass die EU-Gegnerinnen und -Gegner viele Stimmen erhalten werden.

Michael sagt, er habe etwas Angst vor der Europawahl.

Ich mache mir große Sorgen, dass die Leute die Populisten an die Macht wählen, die alles kaputtmachen.

Michael

Nach einer solchen Wahl sehe man häufig, dass die Entscheidung für die Populisten falsch gewesen sei - wie aktuell beim Brexit.

Silvia sei momentan sehr skeptisch mit der Politik, erzählt sie. Das liege an der politischen Krise in Spanien. Wenn die Wahlunterlagen aus Spanien rechtzeitig ankommen, möchte sie eine Partei wählen, die sich für den Tier- und Umweltschutz einsetzt.

Emilie hofft, dass die Europawahl positive Folgen für die EU haben wird.

Ich will unbedingt, dass Europa weiter funktioniert.

Emilie

Sie sagt, man solle schätzen, was man in Europa schon hat, und fördern, dass sie sich weiter in diese Richtung entwickelt.

Was wünschst du dir für die Zukunft der EU?

Silvia, Michael und Emilie haben klare Vorstellungen von der Zukunft, die sie sich für die EU wünschen.

Silvia hofft, dass es keinen Brexit geben wird, das sei für sie gerade am wichtigsten.

Michael wünscht sich, dass die EU einmal wie ein Bundesstaat funktionieren wird, mit einer eigenen Verfassung und einem von allen Mitgliedsstaaten anerkannten Parlament.

Auch Emilie wünscht sich, dass die EU weiter gestärkt wird.

Ich wünsche mir für Europa mehr Offenheit und Klarheit – und Kandidaten, die sich wirklich für Europa einsetzen.

Emilie

 

 

Hier gibts den Beitrag zum Nachhören:

"Europäische Kulturen in Leipzig" - ein Beitrag von Hannah Sassim
EU-Kulturen in Leipzig

 

 

 

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